Sacred Sleep – Madeline von Foerster und Brad Kunkle in Berlin

Wenn jemand behauptet, die Strychnin Gallery bringe mit ihrer Berliner Dependence ein wenig amerikanisches Lebensgefühl in die deutsche Galerienszene, dann sollte klar sein, dass damit keineswegs das bürgerliche Amerika der medialen Überpräsenz gemeint ist, mit seiner wechselhaften Fassade aus Konsumrausch und Populismus. Das amerikanische Flair, mit dem Kuratorin Yasha Young und ihre Exponate die gemeinhin von Hippness geprägte hauptstädtische Kunstszene bereichern, ist von individuellerer, auch verschrobenerer Art – es ist das Amerika, das Künstler wie David Lynch und Tim Burton hervorbrachte, und natürlich Maler wie Mark Ryden und David Stoupakis, deren Werke man von Zeit zu Zeit im Showroom der Galerie bestaunen kann. Lowbrow und Pop-Surrealismus sind oft gehörte Schlagworte, hinter denen sich bisweilen recht mutige Stilmixe verbergen. Die Traumwelten eines Paul Delvaux oder Max Ernst mag man in manchen Sujets reflektiert sehen, gerne versehen mit einem Touch von “Cartoon Apocalypse” oder mit dem lasziven Kindchenschema großer Mädchenaugen. Die irritierende Schlichtheit von Folk- und Outsiderart trifft auf die Ehrlichkeit handfester Jugendkulturen, auf Hotrod, Pinups und Street Art.

Umso schöner, dass auch dieses Profil niemals zu vorhersehbar gerät, und hin und wieder Shows stattfinden, die bei aller Passgenauigkeit auch in einem klassischeren Kunstkontext funktionieren würden. Für Madeline von Foerster, deren neue Gemäldeserie „Reliquaries“ gerade in der Galerie zu sehen ist, war das Changieren zwischen traditionellen Maltechniken und moderner Counter Culture niemals ein Spagat – wenngleich man direkt dazu sagen muss, dass das Gegenkulturelle in den Werken der gebürtigen Kalifornierin, die bereits Alben von Scott Kelly und anderen gestaltete, nicht unbedingt auf den ersten Blick zu finden ist. Wenn sie sich den Stilen und Motiven alter Meister von Renaissance bis Barock zuwendet, dann findet sich das Neuartige, Zeitgemäße daran eher im Kleinen – sei es das Anknüpfen an die Moden des sogenannten Neobarock im Speziellen oder die selbstironische Doppelbödigkeit postmoderner Pastichen im Allgemeinen. Einzelne Bildinhalte etwa entstammen fast durchgehend Epochen vor der klassischen Moderne. Dennoch, suchte man nach einem literarischen Pendant zu ihrem Umgang mit Tradition, so fände man es sicher eher bei Autoren wie Byatt, Fowles, Eco und anderen versierten Neuinterpretierern der Geschichte, als bei dem handelsüblichen Historienschund, der seit Jahren die Auslagen der gängigen Buchhandelsketten in verdächtige McDonalds-Nähe bringt. Von einer Verortung als dekorativer Historienmalerin hält jedenfalls schon die Ernsthaftigkeit ihrer Stillleben und Allegorien ab, und vielleicht ist es letztlich die Unbekümmertheit im Umgang mit dem traditionellen Erbe, die ihre Eigenständigkeit ausmacht.

In all ihrer symbolischen und allegorischen Bildsprache faszinieren Madelines Bilder gerade durch ihre klare und im besten Sinne demonstrative Art, die Welt oder bestimmte Weltausschnitte zu offenbaren. Mit Vorliebe packt sie bestimmte Themenbereiche in auffällige Rahmen, die nicht selten selbst Teil der jeweiligen Bilder sind, und stellt darin die repräsentativsten symbolischen Objekte wie in einem Schaukasten aus. Gerade dabei übt sie sich natürlich in der Wiederbelebung bestimmter Traditionen, denn die Gemälde referieren beinahe überdeutlich auf die volkstümlichen Kuriositätenkabinette des Mittelalters und mehr noch auf die zwischen Wissenschaft, Religion und Alltagswirklichkeit vermittelnden Wunderkammern des Barock. In Madelines Welt sind diese prachtvoll-skurrilen Miniaturmuseen angefüllt mit Symbolen, die um den Zyklus von Geburt und Tod kreisen. Vordergründig könnte man die neue Serie, deren Titel sich auf Reliquienschreine bezieht, als einseitige Schwerpunktsetzung auf der Seite des Thanatos deuten und in Opposition zu ihrer letzten Reihe „Waldkammer“ setzen, bei der das Biotop eines Sequoya-Waldes als vitale und gleichsam fragile Wunderkammer verbildlicht wurde. Bei genauerem Hinsehen jedoch fallen immer mehr Gemeinsamkeiten beider Welten ins Auge, in denen das Vitale wie das Morbide ihren Raum haben. Offenbart sich die vegetative Natur in „Waldkammer“ als von den ungezügelten Kräften der (technischen) Moderne und de facto vom Aussterben bedroht, so präsentiert sich die Reliquienschau der neuen Arbeiten letztlich als im Grunde heidnische Feier der Wiedergeburt, als Hommage an die natura naturans. Ohnehin erinnern Madelines Bilder daran, dass Reliquien nicht primär von Vergänglichkeit zeugen, sondern Objekte der Wertschätzung und kultischen Verehrung sind. Madelines Wunderkammern sind immer auch Kleinodienkabinette.

Als besonders „anschaulich“ im besten Sinne gebärdet sich das auf Holz gemalte „Ex Mare“, das mit zwei verwandten Bildern zum Herzstück der Ausstellung gehört und das maritime Sterben und Werden sozusagen in a nutshell präsentiert. Eine präparierte Seemöwe oder eine leere Muschelschale, auf der anderen Seite ein schlüpfender Seevogel zeugen auch hier von einem zyklischen Naturverständnis, während frisch servierter Kaviar gewissermaßen Eros und Thanatos verbindet. Gerade hier fällt auf, wie sehr altniederländische Meister wie Jan van Eyck oder Hans Memling zu den Lehrmeistern der Künstlerin zählen, die eine ihrer folgenreichsten „Erfindungen“ – die Ölmalerei – in einer eher südeuropäischen Mischtechnik mit Eitempera variiert. Farbenglanz und Plastizität resultieren sicher stark aus einem versierten Umgang mit dieser Technik. Das alles nun mit Reliquien in Verbindung zu bringen, erscheint auf den ersten Blick weit hergeholt – stammen die kleinen Schätze in ihren “Schreinen” nach christlichem Verständnis doch meist einer eher profanen Welt. Doch auch diese Verknüpfung ist keine moderne Spielerei, gerade in Zeiten von Reformation und Bilderverbot war es nicht unüblich, religiöse Themen in Symbolen der Natur oder des Alltags zu transportieren. In der Tradition der Niederländer steht auch die Freiheit, es mit der Perspektive und der quasi mathematischen Raumlogik nicht so genau zu nehmen, dies dann aber mit einem bestechend klaren Objektrealismus zu kompensieren. Dass man zum Teil kaum einen Pinselstrich sieht, unterstreicht interessanterweise die statuenhafte Künstlichkeit ebenso wie den Realitätseffekt der Darstellung – eine Schale sieht bei Madeline auch wie eine Schale aus: Fast möchte man, alle Offensichtliches verkündenden Magrittes und Foucaults mit ihren (Nicht-)Pfeifen vergessend, nach dem spiegelglatten Porzellan greifen.

Freilich mag ein verkopfter Spätmodernist, der bei aller Liebe zum abstrakten Tiefsinn der neueren figurativen Kunst von Neo Rauch bis Walton Ford ebenso verständnislos gegenüber steht wie der wiedererwachten Vorliebe für Gegenständlichkeit und Ornamentik in Illustration und Design, Madelines Bildern einen gewissen Kitschfaktor unterstellen. Doch sei es drum – ein gewisser präraffaelitischer Touch (man denke an den späten Rossetti und an Burne-Jones) tut der Bildwirkung keinen Abbruch, schlägt vielmehr Brücken zu den unterschiedlichsten Teilbereichen des gegenwärtigen Kunstdiskurses. An dieser kleinen Schnittstelle treffen Madelines Werke auch mit denen von Brad Kunkle zusammen, dessen aktuelle Serie „To Sleep Like Ghosts“ parallel in einem anderen Raum der Galerie („The Vault“) gezeigt wird. Ich musste auf den ersten Blick auf die mir bis dato unbekannten Gemälde an die Bilder von Jan Toorop denken, den man vor allem als Jugendstilmaler kennt. Nicht dass Kunkles beinahe fotorealistische Bilder in glänzenden Gold- und Silbertönen auch nur annähernd so ornamental wären, manche wirken im Gegenteil ausgesprochen aufgeräumt. Neben der Farbgebung und dem symbolistisch klingenden Titel der Reihe weckt vor allem der trancehafte-verträumte Charakter der Bilder diese Assoziation. Ganz dem bekannten Motiv der schlafenden Schönen verpflichtet, zeigen die sechs Bilder schlafende oder zumindest im Tagtraum versunkene Frauenfiguren, tief verwundbar, und dennoch von sorgloser Entrücktheit. Umschwirrt von aufgewirbelten Laub scheinen sie zu schweben, vielleicht aber auch in einen unendlichen Raum hinein zu fallen, aber im Grunde scheinen Fragen der Schwerkraft in Kunkles Traumwelt von geringer Bewandtnis zu sein. Dass in der Welt der Träume vor allem die Gesetze der Natur unterlaufen werden, scheint den New Yorker Maler generell am meisten zu interessieren – hieß seine vorherige Show schließlich „Against Nature“, angelehnt an den englischen Übersetzungstitel von Joris-Karl Huysmans’ Roman „A Rebours“, der bekanntlich eine der bizarrsten symbolistischen Parallelwelten entwirft und gern als Bibel der Dekadenz bezeichnet wird. Dass die sechs Originale nicht gerade etwas für Sparsame sind, hat unmittelbar mit der Farbtechnik zu tun, denn Kunkle mischt Gold- und Silberpartikel in seine Farben hinein. Den Endresultaten verleiht dies einen ganz eigenen Glanz, der je nach Licht- und Schattenverhältnissen ganz unterschiedliche Effekte hervorruft.

Was Madeline von Foerster und Brad Kunkle neben der Griffigkeit und Zugänglichkeit ihrer Bilder am ehesten eint, ist ihre Affinität zum Rückgriff auf Motive und Stilistiken aus früheren Zeiten der Kulturgeschichte und ihre Neuzusammensetzung zu eigenen Konzepten, die keineswegs epigonal sind. Prinzipiell zählt dies zu den Grundlagen eines postmodernen Traditionsverständnisses – oft postuliert, und dennoch am ehesten dort zu sehen, wohin der lange Arm der akademischen Kunstrezeption nur gelegentlich reicht: auf publikumsnahen, „szenigen“ Veranstaltungen, die ein sehr gemischtes, zum Teil jugendkulturelles Publikum anziehen. Neben einem Backcatalogue aus früheren Shows sind Madeline von Foersters und Brad Kunkles aktuelle Arbeiten noch bis zum 18.12. zu sehen. Wer also bis zu den Feiertagen noch eine Berlinreise geplant hat, sollte sich die Ausstellung nicht entgehen lassen. (U.S.)

Strychnin Gallery, Boxhagenerstr. 36, 10245 Berlin

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madelinevonfoerster.com