LANA DEL REY: Born To Die

Ich wäre in den letzten Wochen echt gerne einmal jemandem begegnet, der Lana del Rey auf eine etwas sarkastischere Art toll gefunden hätte, so nach dem Motto „ich finde Lana gut, weil das was sie macht eigentlich ziemlich normal und vorhersehbar ist, und dass ein derart offensichtliches Image-Konstrukt so reibungslos ankommt, ist auf gewisse Weise schon fast wieder bewundernswert. Wer da noch meint, den endgültigen Tod des guten ehrlichen Pop bejammern zu müssen, der ist einfach ein hoffnungslos konservativer Althippie“. Obwohl ich die konservative Althippiekiste sonst gerne bemühe, hätte ich der Person unumwunden zugestimmt, denn geteiltes Checkertum verbindet bekanntlich. Alle Pasolinis und Penny Rimbauds dieser Welt wären brav in der antimerkantilen Mottenkiste geblieben, und ich wäre für einen Abend lang ein glühender Lana del Rey-Fan geworden.

Und warum auch eigentlich nicht – ihre Musik ist angenehm schön und von einer leichten aber konsequenten Schwermut durchzogen. Nicht dass letztere in der Form erst mit ihr in die Welt gekommen wäre und nicht von anderen schon xmal markanter umgesetzt worden sei, aber ich habe ja nicht vor, mich gleich zu verlieben, und muss auch nicht irgend einen Preis vergeben. Es ist ok, es ist nett und manchmal sogar ein bisschen mehr als das. Einige der Songs haben genug Markanz, um auch ein von allerlei exzentrischer Musik sensibilisiertes (oder abgestumpftes?) Gemüt wie meines zu berühren – das wäre in dem Fall vor allem das etwas ältere „Gramma“, bei dem die Melancholie am wenigsten phlegmatisch eingefärbt ist – es erschien auf einem früheren Album, das kaum bekannt war und momentan anscheinend auch etwas unter den Tisch fallen soll. Oder das fragile “Axl Rose Husband”, bei der ihre Stimme gerade deshalb so beeindruckt, weil sie noch von keinerlei orchestralem Zuckerguss überzogen ist. Und doch sind die Lieder zugleich dezent genug, um unaufdringlich im Hintergrund zu bleiben, wenn man sie als Begleitmusik in einer gepflegten, artsyfartsy-freien und irgendwie eher „normalen“ Bar zu hören bekommt. Ein guter Mittelweg also, der nicht gleich mit Mittelmaß verwechselt werden sollte. Sie ist irgendwie cool uncool und sieht hübsch aus, und ihre Lippen sind nun wirklich das, was mich am wenigsten stören könnte, denn sie zeigen ja das Artifizielle, das doch ohnehin ihr ganzes Image durchzieht, bloß am offenkundigsten und ehrlichsten, so dass es hier ausnahmsweise jeder registriert: „Lana ist wirklich toll, wenn ich sie höre, wird mir ganz schwer ums Herz. Nur ihre Lippen, die sind schon grenzwertig“. Blödsinn! Ihre Ambivalenz reibt sich an Dingen, die irgendwie jedem vertraut sein müssen, der seine Teenagerzeit in den 90ern oder später erlebt hat und so die amerikanische Populärkultur viel allumfassender verinnerlicht hat, als die großen Geschwister in den noch verhältnismäßig europäisch geprägten 80ern. Das Schwanken zwischen Indiepop und konservativer Cheerleader-Attitüde, die Sehnsucht nach Celebrity-Glamour und die Realität der Vorstadt-Tristesse, die ebenfalls von ehrlich bejahten Stereotypen bevölkert ist: das Liebhaberinnen-Syndrom aus dem gleichnamigen Jelinek-Roman in Positive gewendet – ich muss nicht alles wiederholen, was – ähm – professionellere Kollegen von Die Zeit bis Süddeutsche im mehr oder minder gleichen Wortlaut irgendwo aufgeschnappt haben, um unbemerkt die Geschichte des Lana del Rey-Simulakrums in der Welt des medialen Drumherum weiterzuspinnen. Ein Scheinbild übrigens, das auch Unmengen von kreativen und unkreativen Hipstern zueigen ist, die ich fast ausnahmslos lobe, weil sie so schön unprofessionell und erfolglos sind und weitgehend sich selbst und ihren eigenen Launen überlassen bleiben.

Dass der ironische Metadiskurs dazu, zusammen mit der Beobachtung, dass das ja auch alles ganz liebenswert ist, sich so sehr in Grenzen hält – ich weiß nicht recht, ob ich das interessant oder eher bedauerlich finden soll. Kuckt man sich in diversen Foren und Facebookdiskussionen um, so wird einem jedenfalls ganz schwindelig von den ganzen Begeisterungsstürmen darüber, wie authentisch und emotional und überhaupt zeitlos schön das doch alles sein soll. Man glaubt nicht nur, die Stimme und das Gesicht des angebrochenen Jahrzehnts vor sich zu haben, sondern Zeuge eines noch viel epochaleren Ereignisses zu sein – hier findet Pop zu seiner eigentlichen Bestimmung zurück, zum mal hedonistischen, mal verträumten Lifestyle nach 50er Jahre-Art, ohne alle Sophistication, auch wenn mal Abseitiges (man denke an Lanas Begeisterung für den an seiner Entfremdung zerbrochenen Kurt Cobain) gefahrlos integriert werden darf. Eine Unzahl an Fans, die wie Pilze aus dem Boden schießen und alles schlucken, was das Feuilleton so schreibt, daneben eine eitle Klasse von vereinzelten Kulturpessimisten, aber kaum jemand, der das ganze ein bisschen „tongue in cheek“-mäßig beschmunzelt – die Frage nach dem Warum ist sicher nicht leicht zu beantworten. Dass sich, wie ich mal ganz anmaßend spekuliere, hinter Lana eine wirklich sensible Seele verbirgt, die mit dem Tiefsinn ihrer öffentlichen Persona durchaus konkurrieren kann, mag einen Teil des Faszinosums ausmachen. Natürlich ist der ganze Fake auch irgendwie dreist cool, aber auf der anderen Seite will ich diese ganze Post-Rockabilly-Highschool-Normalität auch einfach öde finden, nicht weil sie keine Berechtigung hätte, sondern einfach aus Neigung und weil ich den Wirbel darum nicht verstehe. Aber vielleicht kann man die Schwermut, mit der das in Szene gesetzt wird, ja doch als eine Art Schwanengesang sehen, der freiwillig oder unfreiwillig viel näher an „Blue Velvet“ oder einigen Fantasien des frühen Stephen King ist, als man vermutet – an Stoffen, die ein ähnliches Setting mitsamt seinem Lebensgefühl auf verschiedene Weise dämonisieren. Aber vielleicht ist die Ambivalenz der Musik und ihrer Stimmung auch einfach ansteckend.

Dieses Wochenende erscheint Lanas offizielles Major-Debüt und enthält neben unveröffentlichten Songs einige ihrer beliebtesten Stücke: „Video Games“, das sämtliche amerikanische Popmythen mit all ihren echten und nach-empfundenen Gefühlen komprimiert – in knapp fünf Minuten zwischen Harfe, Snaredrum und Zeilen wie „Heaven is a place on earth where you/tell me all the things you wanna do“. Die große Geste des Haltsuchens im Angsicht der Vergänglichkeit beim Titelsong „Born to die“. „Blue Jeans“ mit seiner an Chris Isaak erinnernden Schmachtmelodie, zu der das emotional Große im Gewöhnlichen vielleicht am treffendsten besungen wird.

Für Augenblicke scheint es, als wären all die vielen Paradigmenwechsel in fünf Jahrzehnten Jugendkultur nur die Irrwege des verlorenen Sohnes Pop gewesen, und die eigentliche, viel kontinuierlichere Linie dagegen reicht direkt von irgendeinem Highschool-Abschlussball 1959 bis zur ebenfalls austauschbaren, doch glamourösen Hotelbarbühne, auf der Lana ihr Lampenfieber in ein stilvolles Filmzitat verwandelt. Sollte sie mit all dem die Geschichte des Pop herausfordern, so kann dies nur gesund sein. (U.S.)

Label: Vertigo Berlin/Universal