Impressionismus, diese als Schimpfwort angedachte Bezeichnung des Kunstkritikers Louis Leroy für eine Sammelausstellung fünf junger Maler im Jahre 1874, war die letzte allgemein verständliche und verbindliche Ausdrucksform, auf die sich alle europäischen Nationen einigen konnten. Mit Impressionismus verbindet man als Laie Müßiggang und Tagträumerei. Bei aller Kritik am sogenannten Wunschdenken ist der Wunsch, letzten Endes der nach dem guten Leben, jedem Denken im emphatischen Sinne eingeschrieben; und dort, wo dieser Wunsch verleugnet oder abgedrängt ist gerät es zu einer Ansammlung von Merksätzen.
Gemäß diesem Programm wählen die Impressionisten ihren Bildausschnitt zufällig und verzichten im Atelier weitesgehend darauf, ihre Eindrücke in eine (ab)geschlossene Komposition zu bringen. Dem Impressionismus folgte der Pointilismus (zeitgemäß müsste man ihn selbstredend Post-Impressionismus nennen). Während sich die europäische Variante durchaus brav und bieder gab, war die mexikanische Variante (der sogenannte Muralismus) bedeutend kraftvoller: die Einbindung von Portraits, welche historische Ereignisse in eine menschliche Dimension setzten. Ein Maximum an Wirklichkeitsnähe und Überzeugungskraft ist das erste Anliegen. Einer der bekanntesten Interpreten des Muralismus war der Maler David Alfaro Siqueiros.
Gavin Gamboa, seines Zeichens Videokünstler, Noisician, Weltenbummler, Labelchef und Pianist widmet dem Zeit seines Lebens überzeugten Kommunisten und stellenweise glühenden Anhänger Stalins das Album “Cantemos hoy, mañana moriremos”. Acht Pianonummern, die sich manchmal nicht wirklich zwischen geschlossenem Werk und offener Klanginstellation im Sinne von Erik Saties Musique d’Ameublement entscheiden können, machen es dem geneigtem Hörer nicht allzu einfach. Während der traditionelle Musikbegriff eine zeitlich begrenzte Aufführung annimmt, die vom Hörer in voller Länge mitvollzogen wird, sind Klanginstallationen von potenziell unendlicher Dauer. Der Rezipient ist frei, sich im Raum zu bewegen, und bestimmt seine Verweildauer selbst. Bei dem Stück “America Tropica” fließen hier und da auch noch Elemente des Westküstenjazz mit ein. “The People for the University. The University for the People” mutet ein bisschen kindlich an. Spiegelt es doch den Bildungstraum des vergangenen Jahrhunderts wieder, möglichst jedem einen Universitätsabschluss zu gewähren. Hätte man damals gewusst, dass die Leute heute dadurch etwas belesener sind, ihr Opportunismus aber ungebrochen verweilt, wäre die Losung wahrscheinlich in “The Cactus for the University. The University for the Cactus” umbenannt worden.
Nichts desto trotz strahlt Gambos Musik eine Frische aus, die man in den Deutschlandradio Kultur Veröffentlichungen so schmerzlich vermisst. Bei seiner Musik könnte man fast vergessen, dass David Alfaro Siqueiros versuchte Leo Trotzki zu ermorden. Aber das wirklich nur fast.
Joris J.