Mal ehrlich, welcher interessante Musiker rubriziert sich selbst schon gerne in einem klar abgegrenzten Genre? Stilpluralismus wird heute immer gerne reklamiert, und die Zusammenführung unterschiedlichster Musiktraditionen gilt als Bonus, den man sich gerne auf die Fahne schreibt. In manchen Fällen stimmt es sogar, und hin und wieder entsteht dabei Neues wie Doomjazz und dergleichen. Ganz gelegentlich passiert es, dass jemand zwei Bereiche miteinander kombiniert, die denkbar weit voneinander weg liegen. So rein formal liegen Breakcore und das, was man so unter dem Sammelbegriff Noise fasst, gar nicht allzu weit auseinander. Eine Ästhetik des Fremden mit Mitteln aggressiver, zum Teil verzerrter Elektronik, goutiert von Milieus, die sich auf ihre Art als Auffangbecken für Außenseiter verstehen. Nur sind es genau diese Communities und ihre Lebensgefühle, die sich wenn nur zufällig berühren und oft wenig Gemeinsamkeiten aufweisen. Breakcore ist in erster Linie ein Kind der linksautonomen Squatterszene. Noise ist im Vergleich dazu relativ L’Art pour L’Art und zieht allerlei Eigenbrötler an, deren Bandbreite vom Kunstnerd bis zum Industrialhead mit Gruftiesozialisation reicht. Da verhält sich entfesselte Hektik zum raumorientierten Klangbad wie Borderline zu Autismus. Stereotypen machen ungemein Spaß, vor allem, wenn sie zutreffen. In dem Brachland jedenfalls, das sich zwischen diesen beiden Bereichen auftut wie der Tiergarten zwischen Berlin-Mitte und Charlottenburg hat Genus Inkasso sein ganz eigenes Terrain abgesteckt.
Auf dem jüngst erschienenen neuen Wurf “The Despised Pastora” entwirft Genus Inkasso einen musikalischen Panoramaschwenk durch sieben seltsame Landstriche, die alle eine gleiche Handschrift tragen und doch ihre je eigenen Sounds, Rhythmen und Verlaufsformen durch den Fleischwolf drehen. Dass zu dieser Handschrift eine gute Portion Spiel mit Kitsch gehört, wird schon beim schmalzigen Auftakt deutlich, der um ein gelooptes Filmsample herum gebaut ist. “Waitin’ just for you” schmachtet da eine Girlystimme im Sixties-Style in die verbummelte Mittagshitze hinein und verliert sich bald in den Abgründen einer derangierten elektronischen Klangwelt voll kratziger Soundschnipsel und angedeuteter Beats, vertrackt und simpel gleichermaßen. Ob sie darauf gewartet hat? Dass sich nicht wirklich viel ereignet, was man so mit Bubblegum-Pop verbinden würde, macht die Sache umso spannender, die ganze Stimmung ist um ein schwer definierbares Unbehagen aufgebaut, ohne dabei im geringsten “düster” zu sein – “Some Peculiar Awkwardness” eben, wie der Track dann auch heißt.
Bevor die Etüde in musikalisches Mobiliar übergehen könnte, wird mit Kitsch nachgelegt. “Tedious, Artificial and Melodaramatic” scheint ein Rundumschlag gegen alles zu sein, was in der Genus Inkasso-Welt für abgenudelte Stereotypen steht. Eine von Walt Disney her bekannte Melodie ist so stimmungsvoll bräsig, dass man sich ohne die entsprechenden Bilder glatt in einem Heimatfilm wähnt und auf deutschen Gesang wartet – “Anneliese, ach Anneliese, warum bist du böse auf mich”. Stattdessen allerdings setzt ein wohlklingendes Drone ein, das auf dem beatlastigen Vorgängeralbum „Occasionally Slumping…“ recht deplaziert gewirkt hätte. Unter dessen Oberfläche versteckt sich jedoch ein rhythmisches Vibrato, das die Brücke zum typischeren Genus Inkasso-Sound schlägt. Ob er das nur als Exempel für artifizielle Melodramatik inszeniert, wäre eine gute Frage – falls ja, dann sollte er öfter langweilige Musik machen, denn die Passage gehört zu den eindringlichsten des Albums. Aber es bleibt ohnehin nicht dabei, denn in richtiger Minute setzt ein (fake-)ritualistischer Afrobeat ein, der sich so auch bei Cut Hands finden könnte – oder mit etwas Fantasie doch eher bei Andrew Liles, da er sich am Ende durch rapides Aufdrehen des Tempos selbst persifliert. Gegen Erhabenheit, auch die einer unkitschigen, aber ernst gemeinten One World, wird ein Mittelfinger gesetzt, der grinsen würde, wenn er ein Gesicht hätte.
Die Persiflage ist, um es abzukürzen, eines der größten Merkmale des Albums – doch nicht in der spielerisch-trendigen Ironie nach Designerart, sondern als Persiflage von spöttischer Natur, bei der jeder Vorstellung von Behaustheit das Stoppschild entgegengehalten wird. Weder dem Eskapismus in die Betulichkeit von Natur- und Medien-Projektionen wird Raum gegeben, noch irgendwelchen Vorstellungen gelingender Partizipation im modernen, mondänen Hier und Jetzt. Das Wolkenkuckuksheim der Pastorale erntet Abscheu (siehe Albumtitel), die Metropole ist “Mundanely Gruesome” und alles zusammen endet in “Common Sentimental Distortions”. Auf diese Art ist “The Despised Pastora” durchaus ein politisches Album, das in alle Richtungen austeilt, keine Gratisantworten vergibt und sich auch nicht scheut, die eine oder andere Sackgasse zu benennen. Die Frage lautet nun: Ist “The Despised Pastora” ein nihilistisches Miesmacherwerk? Die Antwort ist ja, aber das macht nichts. Wie seine heimlichen Helden, die Beach Boys, weiß Genus Inkasso das falsche Leben im falschen zu feiern – mit abgründigen aquatischen Fieldrecordings, mit einer stylischen Trompete nach Badalamenti-Art, mit einer launigen Giallo-Spieluhr und an ausgewählten Stellen auch mit vertrackten Rhythmen – die mir dann zu hektisch sind, aber das liegt auch daran, dass ich ein Breakbeatmuffel bin.
Erschienen ist das Album – vorerst leider nur als DL – bei Jay Randalls (Agoraphobic Nosebleed) Grindcore Karaoke-Label, selbstverständlich mit stilvollem Artwork, was man weder beim Releaseort noch beim Interpreten auch anders erwartet hätte.
Label: Grindcore Karaoke