JACK NOVEMBER: s/t

Das Harmonium ist eines der Instrumente, denen zu Unrecht nachgesagt wird, stets ähnlich zu klingen und nur ein begrenztes Repertoire an Stimmungen zu erzeugen. Die Gründe dafür, denke ich, sind zweierlei – zum einen ist sein Klang im Gedächtnis der Popkultur längst nicht so stark verankert wie andere Sounds, die herkömmliche Band- oder Elektronica-Konzepte erweitern. Zum anderen wird es auch oft nur punktuell eingesetzt, um passagenweise ein bestimmtes Kolorit zu erzeugen. Jack November, ein deutsches Newcomer-Projekt, hinter dem sich eine junge Musikerin namens Daniela Moos verbirgt, verwendet das Harmonium auf recht klassische Art: als von allerlei originellen Einfällen durchdrungene Klangbasis für entrückte, aber ebenso kraftvolle Songs. Wer bei den Schlagworten Hamonium und entrückt nun an liebliches Hippiegedröhne denkt oder an Musik aus dem New Age-Regal, dem sei vorab schon gesagt, dass es dazu auf ihrer ersten EP keine Sekunde lang kommt. Und das ist nur eines von vielen Stereotypen, die die Musikerin im Handumdrehen umgeht.

Daniela Moos scheint in ihren 21 Jahren schon vielfältigen Interessen nachgegangen zu sein. Nirvana und The Smiths, Sibylle Berg und Thomas Bernhard, Edie und Andy und überhaupt die ganze Szene um die Factory haben nicht nur Abwechslung in ihre hessische Kleinstadtjugend gebracht, sondern auch Nährstoff geboten für eigene kreative Ambitionen. Im größeren Stil lebte sie die zunächst auf der Bühne aus, unter anderem als Opener für bekannte Acts wie Soap&Skin oder Beach House. Dass Inspiration nicht das selbe wie Beeinflussung ist, zeigt sich schon darin, dass keine der genannten Größen in der Musik von Jack November ihren direkten Nachhall findet, stattdessen bekommt man auf dem selbstbetitelten Minialbum einen recht eigenen Sound zu hören – zusammen mit einer Stimmung, die berührt und doch kaum kategorisierbar ist.

Wie ein amerikanisches Wohnzimmer, das ohne viel Pathos direkt ab der Haustüre beginnt, spart sich das eröffnende „Reverse“ jedes einleitende Beiwerk und führt den Hörer gleich mitten hinein in die Jack November-Welt: Ein dröhnender, langsam auf- und abebbender Sound, der schon nach Sekunden den ganzen Raum ausfüllt, wenige repetitive Akkorde, die bewusst nie ganz im Takt sind, und nicht zuletzt eine feinsinnige Elektronik bilden das Fundament für die somnambule Stimme, die trotz ihrer femininen Hochtönung zu kraftvoll ist, um „ätherisch“ zu sein. Das Label spricht von Nico und Julee Cruise, und im Aufeinandertreffen des erdigen Klangs mit Danielas verwaschenem Sopran könnte die Musik auch fast als missing link der beiden Sängerinnen durchgehen. Nur ist Jack November die direkte, teutonische Düsternis einer Christa Päffgen so fern wie die ebenso unmittelbar aufs Gefühl abzielenden Rührstücke der aus Twin Peaks bekannten Sängerin. Jack Novembers Emotionalität scheint sich nie direkt an ein Gegenüber zu richten, sondern schwebt für sich im Raum, exponiert sich in aller Selbstgenügsamkeit. Wer sich allerdings darauf einlässt, riskiert gewisse Suchtsymptome und bekommt garantiert nichts Belangloses geboten.

Dass eine handvoll weitere Musiker an den Songs beteiligt sind, wird in den folgenden Stücken deutlicher. Bei „Anglesite“ (nicht “Angelsite”!) steigert sich nicht nur die atmosphärische Intensität, auch die von Philip Albus (Mercydesign) beigesteuerte Elektronik wagt sich aus dem subtilen Bereich heraus und setzt eigene Akzente, man vernimmt perkussives Gerumpel und eine schöne doomjazzige Pianomelodie, bis Danielas Stimme auf einem recht abrupten Höhepunkt noch stärker nachlegt. Bei „Not Light“, sorgen Cello und Dronesounds für eine Schwere, die auf originelle Weise mit dem Gesang kontrastiert. Den stimmungsvollen Höhepunkt markiert allerdings „Moonsorrow“, das in puncto Klangfülle und Instrumentierung aus der Rolle fällt und so etwas wie der No Wave-Song von Jack November ist. Monotone Gitarrenriffs und eine stampfende Metallperkussion von Neubauten-Drummers N.U.Unruh lassen zusammen mit dem abgeklärt herausgestoßenen Refrain „It keeps me going on“ einen hypnotischen Song entstehen, der nach einer Ultra Extendet-Version verlangt. Im Vergleich wirkt das ausklingende „Endless Layers“ mit seinem verhuschten Glockenspiel geradezu märchenhaft lieblich.

Schon nach dem ersten Hördurchgang wird klar, dass die Musik von Jack November einen doppelten Boden hat. Hinter vermeintlich einfach aufgebauten Songs verbirgt sich eine vielfarbige Stimmungs- und Klangpalette, die weder mit Begriffen wie Etherischem Drone Pop eingefangen wird, noch dem zurückhaltenden Chic des Artworks entspricht. Neue Aufnahmen sind Gerüchten zufolge schon in Arbeit, und es soll instrumentell heterogener werden. Das ist Zukunftsmusik und natürlich noch komplett offen, aber ich bin gespannt, wie es nach dem gelungenen Auftakt weiter gehen wird. (U.S.)

Label: 8mm Musik