Your veins will be bathed in light. Interview mit Jack November

Das Besondere an der Musik, die Daniela Moos unter dem Namen Jack November spielt, lässt sich nur schwer an oberflächlichen Merkmalen festmachen, und wenn man es versucht, landet man schnell bei der Aufzählung all dessen, was Jack November nicht oder nicht nur ist: Ein melancholisches Fräuleinwunder, ein weiteres Drone-Projekt, ein neues Gewächs aus dem Dunstkreis von Soap&Skin oder der Einstürzenden Neubauten. Auch mit Vergleichen kommt man nicht wirklich weiter. Konzentriert man sich auf das Wesentliche, dann bemerkt man schnell, dass das Alleinstellungsmerkmal Jack Novembers vor allem eine Sache der Stimmung ist. Ich habe Danielas Musik, die trotz ihrer vordergründigen Schlichtheit durch Detailreichtum ebenso besticht wie durch viele der Improvisation geschuldete kleine Ungereimtheiten, bereits als ausgesprochen unaufdringlich beschrieben – ihre Emotionalität ist dezent und selbstgenügsam, was der Wucht ihrer raumgreifenden Harmonium-Flächen jedoch vor allem im Live-Kontext keinen Abbruch tut. Ihre jüngst bei 8mm erschienene EP kann sich über mangelnde Resonanz in den deutschsprachigen Medien kaum beschweren, ein Überschwappen in die internationale Musikwelt sollte nur eine Frage der Zeit sein. Gründe genug, die Person hinter Jack November einmal selbst zu Wort kommen zu lassen.

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Hallo Daniela, Musiker interessieren sich selten nur für Musik. Was ist dein Lieblingsfilm?

Da fällt mir spontan „Der Mann, der vom Himmel fiel“ ein, mit David Bowie in der Hauptrolle. Ich weiß nicht, ob du den Film gesehen hast? Da spielt er einen Außerirdischen, der auf der Erde landet, er trifft eine Frau und es entwickelt sich eine etwas verrückte Liebesbeziehung daraus.

Ja, kenne ich…

Es ist schon länger her, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, deswegen kann ich mich an den Ausgang nicht mehr erinnern. Aber ich weiß noch, dass ich am Ende über die ganze Geschichte dachte „Klar, das könnte wirklich mal vorkommen, sowas“. Als zweiter Film kommt mir „Belle de Jour“ in den Sinn, Catherine Deneuve spielt eine verheiratete Frau, die sich eines Tages dazu entschließt, heimlich als Prostituierte zu arbeiten. Den Film mag ich sicher aus ähnlichen Gründen wie „Die Verachtung“ von Godard, in beiden erfährt man mehr über die weiblichen Hauptfiguren, in dem man sie genau beobachtet und nicht durch ausführliche Dialoge. In „Die Verachtung“ gibt es außerdem einfach sehr schöne, üppige Farben und Musik.

Schöne Auswahl.. Hast du ein besonderes Faible für die 60er und frühen 70er? Dass du die Leute der Factory interessant findest, hat sich ja schon herumgesprochen…

Nein, das würde ich nicht sagen. Solche Interessen ändern sich auch recht schnell bei mir, der Andy Warhol-Fanatismus ist z.B. schon sehr lange her, da war ich 15 oder 16, glaube ich. Als du fragtest, ob ich dir ein paar Lieblingsfilme nennen kann, wusste ich im ersten Augenblick nicht, was ich sagen soll, da es vermutlich immer der letzte ist, den ich gerade gesehen habe. Ich will mich nicht dauernd zurückerinnern, wie toll dieser oder jener Film irgendwann mal war.. Aber klar, den einen oder anderen schaut man sich von Zeit zu Zeit wieder an, dann mit anderen Augen.

Dann ist der oft geäußerte Nico-Bezug vermutlich auch etwas vorschnell und einseitig. Findest du solche Vergleiche sinnvoll, oder nervt das eher?

Ich halte das für vorschnell, ja.. Von außen betrachtet kann ich es aufgrund der Wahl des Instruments irgendwie verstehen, warum man das im ersten Moment denken könnte, das Harmonium ist ja nicht gerade ein Standardinstrument. Auf der anderen Seite kann ich es mir aber dann wieder nicht erklären, weil in Wirklichkeit ja gar keine musikalische oder künstlerische – wie sollte das auch gehen? – Beeinflussung stattgefunden hat und ich nicht wüsste, wo dieser vermeintliche Einfluss zu finden sein sollte. Ob es nervt, kann ich noch nicht sagen, mal schauen, ob es wirklich so häufig vorkommt, wie du offenbar voraussagst.

Nun, vielleicht sehen manche gewisse Parallelen in der Art des Harmonium-Spiels. Ich hab das bisher nicht so beachtet, denn die Stimmung deiner Musik ist anders. Mir erscheint sie weniger hart und kalt und konfrontativ…

“Hart” und “kalt” würde mir zu Nico ebenfalls einfallen, aber konfrontativ finde ich ihre Musik bzw. ihre Texte nicht.. Vielleicht fällt mir gerade bloß nichts ein, ich habe auch nur zwei Platten von ihr. Aber warum sollte eine Konfrontation immer hart oder laut sein? Es kann ja auch eine innere Form der Konfrontation oder Auseinandersetzung sein. So würde ich das in meinem Fall schon sehen, in zukünftigen Stücken richtet sich das dann vielleicht auch mal nach außen, wer weiß.

Da du z.B. auch Gitarre spielst, vermute ich, dass du dich ohnehin gar nicht so sehr auf das Harmonium festgelegt hast. „Moonsorrow“ fällt da ja schon ziemlich raus. Bist du generell offen, was die Wahl der Instrumente betrifft?

Ich liebe mein Harmonium sehr, aber in der Tat ist es für mich eher ein Werkzeug. Aus dieser Perspektive arbeite ich auch, es geht immer nur um das Stück, welche Zutaten nötig sind, um dieses kaum definierbare Etwas, das da plötzlich in deinem Bewusstseinsfeld auftaucht und von dem du dann regelrecht besessen werden kannst, umzusetzen.

Was kannst du uns über die Jack November-Vorgeschichte erzählen? Gab es vorausgehende Pläne und Projekte? Bist du in einem Musiker-Umfeld sozialisiert worden?

Eine große Vorgeschichte gibt es nicht, das ist das erste Mal, dass ich selbst Musik mache. Ich glaube, dass es mir lange zuvor als heimlicher Wunsch im Kopf herum gegeistert ist, aber manchmal muss man eben warten, bis der richtige Zeitpunkt kommt, und sich ein paar Möglichkeiten offenbaren.

Du hast mittlerweile schon eine Reihe an Konzerten gegeben. Was waren deine bislang prägendsten Erfahrungen auf der Bühne, bzw. auf Tour?

Es sind immer noch weniger als 10 Konzerte, insgesamt, wenn ich mich nicht irre. Naja, also ich habe neulich erst darüber nachgedacht, dass es damals vielleicht etwas zu früh war, vor so vielen Leuten zu spielen, das allererste Konzert in Paris war ausverkauft mit 600 Leuten. Ich bin völlig ahnungslos an die Sache rangegangen, an erster Stelle auf meiner Setlist stand ausgerechnet ein A-Capella-Stück.. Obwohl ich mich dieser Herausforderung bewusst aussetzen wollte, habe ich natürlich wie verrückt gezittert, als ich dann vorn am Mikrofon ankam, so sehr, dass ich kaum stehen konnte. Aber es hat nur wenige Sekunden gedauert, bis ich an einem einigermaßen sicheren Ort war und alle Gedanken vergessen konnte. Ich hab mich ein bisschen gefühlt wie ein Reh, das, anstatt wegzulaufen, vor Schreck vor dem Auto stehen bleibt, weil es von den Scheinwerfern geblendet wird.

Das war als Support für Soap&Skin… Magst du kleinere Konzerte dann doch lieber als vor so einem großen Publikum zu spielen, das deine Musik zumindest damals noch kaum kannte?

Beides hat Vor- und Nachteile. Ich glaube wie gesagt, dass die großen Supportshows etwas zu früh für mich waren, man will sich vielleicht lieber vor 50 Leuten blamieren oder auch weiterentwickeln, als vor 500 oder 1000. Auf der anderen Seite hilft mir ein gewisser räumlicher Abstand zum Publikum dabei, besser zu performen und mich der Situation leichter zu öffnen.

Welches Land würde dich besonders reizen für eine Konzerttour?

Im Grunde möchte ich überall dort hin, wo ich bisher noch nicht war. Italien wäre schön, oder Russland.

Auf dem Berliner Konzert hast du zwei Bonus-Stücke gespielt, neben einer Version von Nirvanas „Pennyroyal Tea“ auch ein neues Demo, das mir sehr gefallen hat, v.a. die Zweiteilung in einen rauen, gitarrigen Anfang und einen Harmoniumteil. Kannst du was zu dem neuen Stück sagen?

Auf beides hatte ich mich gefreut, aber der Umstand, dass ich zu diesem Zeitpunkt des Sets kaum noch einen Ton herausgekriegt habe, hat es etwas schwierig gemacht, diese beiden Songs auch gut zu performen. Das neue Stück, von dem du sprichst, heißt “Cold Blood”, es ist das Letzte, was ich aufgenommen habe. Ich will nicht zu sehr ins Detail über meine Quellen gehen, es ist eine Art späte Rache. Und eine einzige, große Lüge.

Schön zu hören, dass du bereits an neuen Stücken arbeitest. Gibt es schon spruchreife Ideen für ein kommendes Release, oder ist es dafür noch zu früh?

Oh, das ist noch zu früh. Es müssen viele alte Stücke überarbeitet werden, das ein oder andere neue wird aber auch auf dem zukünftigen Album zu finden sein. Ich hoffe, es nächstes Jahr veröffentlichen zu können.

Auf deiner EP wirken noch andere Musiker mit, der bekannteste ist sicher N.U. Unruh von den Einstürzenden Neubauten. Magst du die anderen kurz vorstellen?

Klar. Da wäre Gerrit, der zusammen mit seiner Freundin Johanna, die in einem Stück das Cello gespielt hat, das Blackstone Studio in Schöneberg betreibt. Er hat vor allem bei den Aufnahmen selbst geholfen und uns für die Session bei mir zuhause das Equipment gestellt. Ohne Philip wäre jedoch die gesamte EP nicht das geworden, was sie nun ist. Da er von Anfang an meinen Prozess verfolgt hat und intuitiv verstanden hat, wonach die Songs verlangen, war die Zusammenarbeit sehr angenehm, ich musste nicht viel erklären.

Das leidige Thema jedes Newcomers ist der Bandname, und da deiner auch noch männlich klingt, kommt jetzt die obligatorische Gender-Frage: Gibt es schon eine Fotoserie mit CocoRosie-Schnauzbart? ;)

Das Lustige ist, dass “Jack” für mich ein vollkommen neutrales Wort ist, ich weiß nicht warum. Ich war mit 12 oder 13 auf einer Art Mission, die Leute darüber aufzuklären, dass das doch alles keine Rolle spielt. Besonders meine Mutter hat mich diesbezüglich mit einer großen Offenheit erzogen, aber mein weiteres Umfeld, sprich die Leute in der Schule oder auch bei uns in der Nachbarschaft waren da schon eher dagegen, da wurde alles sofort verteufelt, was nicht eindeutig einzuordnen war. Ich habe schnell gemerkt, wie amüsant und einfach es ist, diese Leute zu provozieren, ich habe bei jeder Gelegenheit laut herausposaunt, dass alle Männer Kleider tragen sollten, da das doch eh viel besser aussähe.

Also ist Jack November auch mehr ein Projektname als ein Pseudonym, oder anders ausgedrückt, du bist nicht Jack November, du bist eher die Daniela von Jack November…

Darüber habe ich bisher nicht nachgedacht. Also, ja, es ist schon ein Projekt.. Aber eins von dem ich möchte, dass es einen festen Platz in meinem Leben einnimmt, also vermutlich doch mehr. Und da ich hinter allem Schaffen stecke , bzw. die ausführende Kraft bin, bin ich es wohl doch selbst. Wer könnte es sonst sein? Ich weiß nicht, wer oder was ich bin, das ist eine Tatsache, die mir gefällt, die mich nicht mehr verunsichert.

Wie entstehen deine Texte?

Manchmal habe ich eine Zeile, die ich Monate mit mir herumtrage und es passiert nichts, oft auch nie mehr. Und dann gibt es Momente, in denen der ganze Song aus mir herausbricht und ich es sofort aufnehmen muss. Das Ergebnis ist dann sehr überraschend, da ihm keine Pläne oder Logik vorausgingen. Es gehört alles zusammen, aber es ist nie gleich.

Das mit dem Herausbrechen erinnert mich an eine Aussage von Thomas Bernhard, den du ja auch ganz gerne magst. Er spricht da von inneren Widerständen, die ihn lange am Schreiben hindern, aber zugleich auch herausfordern. Erst wenn er erfolgreich gegen sie angekämpft hat, muss er schreiben, als gäbe es kein Halten mehr. Das klingt natürlich alles sehr dramatisch, kennst du solche Situationen, oder läuft das bei dir generell entspannter ab?

Innerer Widerstand ist mir sehr bekannt. Also ich denke, dass es mir nicht unbedingt leicht fällt, in einen Zustand zu kommen, der dieses Maß an Offenheit bereitstellt, die für ein “Herausbrechen” nötig ist. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich nicht permanent versuche, in jedem Moment so aufmerksam wie möglich zu sein, man nimmt also automatisch immer weitere Erlebnisse und Eindrücke in sich auf und die werden dann manchmal zu etwas, das schon vorhanden ist, hinzugefügt. Das Ankämpfen, welches Bernhard beschrieben und falls er es denn so gemeint hat, ist bei mir das genaue Gegenteil. Um die erwähnten Voraussetzungen zu schaffen, muss ich eher gewisse Widrigkeiten akzeptieren, sie nicht verdrängen oder auslöschen.

Was würdest du beim jetzigen Stand als schwieriger bzw. herausfordernder ansehen, das Livespielen oder einen Song entstehen zu lassen?

Oh, definitiv das Umsetzen eines neuen Songs. Da ich keine Musikerin im eigentlichen Sinne bin, sind meine technischen Möglichkeiten sehr begrenzt. Das lerne ich gerade zu akzeptieren, und mit der Zeit entwickelt man sich ohnehin weiter. Diese Songs konnten genau so nur zu eben diesem einen Zeitpunkt entstehen. Das Aufnehmen an sich ist eine kuriose Sache, finde ich.. Eine Aufnahme repräsentiert in meinen Augen kein “Original”, es ist nur eine Momentaufnahme. Am Livespielen gefällt mir, dass du keine zweite Chance bekommst, du musst präsent sein. Dasselbe gilt für das Publikum.

Ich weiß nicht, wie sehr du dich gerade mit aktueller Musik beschäftigst, aber welches waren die letzten Platten oder Songs, die dich – unabhängig von Fragen der Beeinflussung und dem ganzen Kram – so richtig begeistert haben? Gibt es etwas, das du empfehlen würdest?

Schaut euch Leonard Cohen live an. Und kauft seine neue Platte „Old Ideas“ – „…a manual for living with defeat”.

Heutzutage ist es vergleichsweise einfach, Musik aufzunehmen und (zumindest im Netz) zu veröffentlichen. Während die einen es als Chance sehen und darauf vertrauen, dass sich Können und Ausdauer auszahlt, argumentieren andere, dass viele interessante Musik in der Menge untergeht und ungehört bleibt. Wie denkst du über solche Zusammenhänge?

Beides ist wahr, denke ich. Ich weiß nicht, ob das zu weit führt, aber ich sehe das Problem eher in der schwindenden Fähigkeit, ein gewisses Maß an Achtsamkeit aufzubringen. Zu entscheiden, welche Dinge einem wirklich nützen und welche bloß stumpfe Unterhaltung, Ablenkung, sind. Da muss sich jeder selbst zur Ordnung rufen. Klar, es kann schon schwierig sein, wenn das Angebot einfach so groß ist, wie es momentan der Fall ist, aber das muss man so akzeptieren und man kann es nicht als Entschuldigung vorschieben. Ich glaube in der Tat, dass sich eine gewisse Form von Disziplin auszahlt.

Gibt es noch etwas, das du gerne mitteilen würdest?

Ja: Dir vielen Dank für deine Zeit und Aufmerksamkeit, ist nicht selbstverständlich.

(U.S.)

Konzertfoto: Robert GIL @ photosconcerts.com

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