V.A.: 10 Years 8MM Musik

In der Hauptstadt ist die 8MM Bar wahrscheinlich jedem bekannt, der mit alten Low Budget-Filmen etwas anfangen kann und findet, dass Rock lofi und geschichtsbewusst sein sollte. Selbst den Wandel der „Ecke Schönhauser“ vom Szene- zum Touri-Kiez hat die rauchige Kaschemme unbeschadet überstanden. Auch nach ihrem gut zehnjährigen Bestehen überzeugt sie noch immer mit einer eigentümlichen Mischung aus cool und gemütlich. Interessant für Auswärtige – auch für solche, die keinen Berlinbesuch geplant haben – ist die Tatsache, dass die 8MM-Leute schon recht früh auch ein eigenes Plattenlabel gegründet haben.

Mit der vorliegenden LP feiert 8mm sein zehnjähriges Bestehen und gibt einen Überblick über das Programm an (in der Hauptsache deutschen) Musikern. Doch wenngleich das Label sich recht allgemein durch die Berliner „Nischenmusikszene“ definiert, gibt es Schwerpunkte, will sagen: Fuzzpedal, Handrassel und dunkle, nach hinten gemischte Vocals sollte man schon mögen, um die Sammlung am Stück zu hören, und man sollte auch nicht zu den Superauskennern mit Retrophobie zählen, die fluchtartig den Raum verlassen, sobald 13th Floor Elevators (respektive Fuzztones, Silver Apples, Spaceman 3, White Hills) aus den Boxen dröhnen. Einige Vertreter sind dem garagigen Psychrock m.o.w. in Reinkultur verpflichtet. Was beim Opener „Meteor“ der in Harmonia-Umfeld sozialisierten Camera noch recht „kosmisch“ beginnt, steigert sich zu deftigem Rock, bei dem die Drums alles, auch den Gesang, stilvoll zermalmen. „Alle Mikros sind verrutscht, alles ist verrutscht”, heißt es am Ende, aber ist schon ok so. Nicht nur The Brian Jonestown Massacre als vielleicht bekanntester Act schlägt in eine ähnliche Kerbe, zu nennen wären auch Sun and The Wolf, deren Beitrag – eventuell dank Ladytron-Unterstützung – zu den tanzbarsten zählt. The Blue Angel Lounge dagegen klingen wie der Score zu einer perfekten Kopfhängerszene nach Edward Hopper, uncooler als die Velvets, betont unaufgeweckter als die Elevators. Ebenfalls in die Richtung tendieren die Newcomer The Suns of Thyme, deren „Cataclysm“ mit gebrochenen Rhythmen und den hallunterlegten Vocals ein bisschen wie eine deutsche Gothkapelle nach erfolgter Weiterentwicklung in psychedelische Gefilde klingt.

Am stärksten aus dem Rahmen fallen Kadavar und Jack November, deren aufeinanderfolgende Stücke kaum besser kontrastieren könnten. Kadavar sollten mit ihrem kernigen Gitarrensound und der doomigen Inbrunst des Sängers alle nostalgisch gestimmten Black Sabbath- und Saint Vitus-Fans beglücken. Wie man aus etwas bekanntem etwas komplett neues macht zeigt die hier überraschend undronige Jack November mit einer Akustikversion von Nirvanas “Pennyroyal Tea”: Schnell wird klar, dass es hier keineswegs so etherisch zugeht, wie es die gehauchten Stimmeinsätze am Strophenbeginn suggerieren. Die Refrains, bei denen ihre Stimme immer wieder an Volumen gewinnt, zählen zu den gesanglich stärksten Momenten der Musikerin. Ebenfalls mit von der Partie ist waviger Gitarrenpop aus Island (The Third Sound), barocker Garage-Pubrock mit nostalgischem Sythie/Orgelsound (Snøffeltøffs) und americanalastiger Gypsie Blues (Mythical Communication Service), bis dass Kitchenmen vs. Fredovich zum Abspann noch mal richtig dick auftragen und alle Register pathetischer Rockismen ziehen.

Wer mit der Stoßrichtung der Compilation klar kommt, findet hier eine gute Stunde schmissiger Musik zum Durchhören am Stück. Es ist eine klare Richtung zu erkennen, und doch ist die Auswahl nicht zu homogen, und auch wenn nicht jeder Beitrag gleichermaßen überzeugt, gibt es keine wirklichen Ausfälle und Längen. Ich spare mir an der Stelle alles, was mit Hipsterschelte und Retrobashing zu tun hat. Ein Großteil der Beiträge mag Stereotypen bedienen, die nicht erst seit gestern angesagt sind, aber “angesagt” heißt in dem Fall bei einem relativ marginalen Teil heutiger Musikkonsumenten, der gemessen an kommerziellen Standards immer noch subkulturell ist. (U.S.)

 

Label: 8MM/’a’ Recordings