ZAHAVA SEEWALD & MICHAËL GRÉBIL: From My Mother’s House

Würde man „From My Mother’s House“ anhand seiner vielen Komponenten beschreiben, dann liefe man Gefahr, ein völlig falsches Bild zu vermitteln. Die zahlreichen Gedichtzitate, die unterschiedlichen Vortragsweisen, Stimmlagen, Instrumente und Spielweisen, die Momente, in denen neue Abschnitte ganz abrupt beginnen – all dies könnte zu Unrecht den Eindruck chaotischer Überladenheit vermitteln. Das Gegenteil ist der Fall.

Zahava Seewald und Michaël Grébil sind beide schon seit Jahren aktiv, sie hauptsächlich als Sängerin mit Schwerpunkt auf Folk und liturgischer Musik aus der jüdischen Tradition, er als Lautenspieler und Kenner der mittelalterlichen Musik. Im Laufe ihre Karrieren kreuzten sich ihre Wege mit Musikern wie John Zorn, Jordi Savall und Montserrat Figueras, was dann auch zu ihrem Kontakt untereinander führte. Nach und nach entstanden eine Reihe konzeptuell stringenter Alben, deren roter Faden sich in sprachlichen und musikalischen Überlieferungen des aschkenasischen Judentums findet. Neben allen anderen Motivationen hatte dieses Engagement stets einen bewahrenden Charakter, ist die Tradition der Aschkenasim und ihre Sprache, das Jiddische, doch seit dem Absolutismus und dem damit einhergehenden Startschuss der abenländischen Modernisierung im Schrumpfen und erfährt erst in den jüngeren Generationen neuen, durchaus bewusst forcierten Aufwind. Ihr neuestes Gemeinschaftswerk „From My Mother’s House“ ist sprachlich zwischen Lesung und Hörspiel anzusiedeln, von einer musikalische Verortung sollte man eher absehen, denn die beiden Hauptfiguren und ihre Mitwirkenden bewegen sich zu frei zwischen allen bekannten Kategorien. Dass bei all den vielen Facetten ein in sich geschlossenes, beinahe ambientes Gesamtbild entstehen konnte, mag sich einem Moment der Stimmung verdanken, einer Tiefe, die das komplette Werk durchzieht und alle Unterschiede vergleichsweise sekundär erscheinen lässt. Vielleicht ist es aber auch die enorme Kraft des realtiv zentral angeordneten Traditionals „Ono Tovo“, dessen mitreißende Energie mittels Regen, Chor und Zahavas Gesangssolo in sämtliche Richtungen ausstrahlt und alle anderen Stücke mit verzaubert.

Das Jiddische, dessen zahlreiche Facetten auch diesmal wieder ausgelotet werden, ist hier nicht rein sprachlich zu verstehen, denn unter den Texten finden sich Gedichte in deutscher, franzöischer und hebräischer Sprache. Celans „Fadensonnen“ entfaltet in Seewalds und Grébils Vertonung eine ebenso heimelige wie beklemmende Ausstrahlung, was sich wohl der Tatsache schuldet, das all die überblendeten Details (die kindliche Stimme, improvisierte Streicher, heftiger Noise) in keinem Moment entscheiden wollen, ob Harmonie angestrebt, oder doch eher Spannung zugelassen werden soll. Es gibt andere Stellen, an denen Chor und Streicher zu einem wohlklingenden Dröhnen verschmilzen oder urige Fingerübungen auf dem Kontrabass ein kammermusikalisches Ambiente schaffen. Meist jedoch ist es ein Moment des Stimmeinsatzes, das für verfremdendes Foregrounding sorgt, sei es durch betonte Beiläufigkeit – wie wenn jemandem beim Staubwischen spontan ein paar Verse in den Sinn und über die Lippen kommen – oder durch die fast versteckte Rezitation, die hinter sanftem Klavierspiel zu verschwinden droht.

Fazit uneingeschränkte Hörempfehlung. Wegen “Ono Tovo”, wegen des schönen, informativen Booklets und weil das Album eine unermessliche Schatztruhe ist. (U.S.)

Label: Sub Rosa