JOANNA NEWSOM: Divers

Über Joanna Newsom konnte man sich in der Zeit ihres großen Durchbruchs vortrefflich streiten. Da gab es die mit starker Folkidentifikation, die nicht einmal Puristen sein mussten, aber Fräulein Newsom ihre Popularität unter den Spexlesern übelnahmen. Jedes hybride Stilelement kam ihnen zu gefällig vor und hatte für sie den Beigeschmack von Ausverkauf und Hipstertum. Dann waren da aber auch jene Spexleser selbst sowie ihre schreibenden Stichwortgeber, die in Joanna schon deshalb ein Wunderkind sehen wollten, weil sie ihre folkig grundierten Songs mit allerlei stilfremden alten und neuen Elementen anreicherte und überhaupt so gar nicht konservativ wirkte. Dass all dies gar keine Ausnahme darstellte, hatte man in dieser seltsamen Parallelwelt oberhalb der Wahrnehmungsgrenze verschlafen. Wahr ist, dass Jonanna Newsom auf ihre Art ein durchaus originelles Phänomen ist. Sie hat das Zeug zur radikalen Innovatorin mit Sinn für Abstraktion und Weite und mit “Emily” vom “Ys”-Album einen der großartigsten Songs überhaupt geschaffen. Zugleich ist sie ein hübsches Postergirl für Studentenzimmer. Ihr kindlicher Gesang ist schräg und süß zugleich und über Vergleiche mit Björk und Kate Bush erhaben. Trotzdem hat sie auch nicht alles erfunden, was sie macht.

Joannas Stil ist stets im Wandel begriffen, nach einem noch am ehesten folkigen Frühwerk, in dessen Zentrum das nur auf Gesang und Harfe basierende Album “The Milk Eyed Mender” stand, schuf sie mit dem orchestral instrumentierten Epos “Ys” ein frühes, manche sagten zu frühes opus magnum, dem zumindest quantitativ das auf drei Platten verteilte “Have One On Me” noch eins drauf setzte – ein ganz eigener Kosmos, bei dem zahllose Seiten amerikanischer Populärkultur zum Setting eines märchenhaften Paralleluniversums zusammengesetzt wurden, in dem die Geschichten Hemingways schon mal ganz plötzlich auf Jugenderinnerungen in den Hügeln des ländlichen Kaliforniens treffen. Seitdem sind nun fünfeinhalb Jahre vergangen, in denen Newsom wohl konsequent an ihrem jüngst erschienenen Longplayer “Divers” gearbeitet hat, ein zirka einstündiges Werk, das der Tonqualität zuliebe auf zwei LPs gepress wurde. Viele haben sich bei “Have One On Me” gefragt, warum nicht zumindest zwei zeitversetzt veröffentlichte Alben daraus gemacht wurden, doch dies wären zwei stilistisch nahezu identische Releases gewesen. Man merkt das nur zu gut, wenn man im Kontrast “Divers” hört, das sound- und stimmungsmäßig wieder einen gewaltigen Sprung in eine neue Richtung darstellt.

Drückte das Debüt – in dem die Verszeile “I killed my dinner with karate” vorkommt, die mich sofort für die junge Sängerin einnahm – noch am ehesten eine jugendliche Aufbruchstimmung aus, so stand “Ys” stark im Zeichen einer nostalgischen Aufarbeitung von Vergangenem und Verlorenem. Einer seltsamen Dialektik entsprechend kehrte “Have One On Me” wieder zu den lebensbejahenden Anfängen zurück, doch unter musikalisch und dem Anschein nach aus persönlich gereifteren Voraussetzungen und brachte einen verwegenen Hedonismus zum Ausdruck, der einen bei dem fragil wirkenden Persönchen zum Schmunzeln bringen konnte. “Divers” wendet seinen Fokus wieder den kontingenten Seiten der Existenz zu, kündet von Zeit und Vergänglichkeit, Untergang und Tod. Was das Album mit “Ys” verbindet, ist die konsequent unlamoryante Hinwendung zu diesen Sujets und die alles umschließende Liebe und Freundlichkeit, mit der sie dem Zerronenen ein ums andere Mal ein Denkmal setzt. Ein großer Unterschied dagegen ist, dass sie ihren Themenkreis diesmal nicht aufs Persönliche begrenzt, sondern ins historische und z.T. beinahe Kosmische ausweitet. Bisweilen fühlt man sich als Hörer geradezu erschlagen von den vielen mythologischen und geschichtlichen Bezügen, die die episodisch wirkenden Stücke zusammenhalten. Doch dies passt zumindest sehr gut zu denjenigen Stücken, die mit Unterstützung von Nico Muhly, Dave Longstreth und Ryan Francesconi ein orchestrales Arragement verpasst bekamen.

Nach einem in mehrere Abschnitte gegliederten Intro entführt „Sapokanikan“ in ein mit einem soliden Westcoast-Popsound erfülltes winterliches New York. Im von Paul Thomas Anderson inszenierten Video flaniert Newsom durch Greenwich Village, doch in den Lyrics erfahren wir, dass es sich bei dem Stadtviertel um einen Palimpsest-Ort mit einem tragischen historischen Subtext handelt, denn an dem Ort befand sich früher das titelgebede Ureinwohnerdorf, das einer ethnischen Säuberung zum Opfer fiel und von der Sängerin mit Versen aus Shelleys “Ozymandias” bedacht wird. “Leaving the City” führt uns aus diesem Ort hinaus in ein eher fantastisches Szenario, in dem Newsoms Harfe im Zentrum steht wie lange nicht mehr, wenngleich die von Mellotron durchwirkten Rockinstrumente ab einem bestimmten Moment jeden Eskapismus verneinen, ebenso wie die fast metallastige Gewandung des barocken “Goose Eggs”. Am intensivsten jedoch gebärden sich diejenigen Songs, bei denen Newsom lediglich zu Harfe, Piano oder sogar Banjo singt. Wenn sie in „The Things I Say“ ihre letztlich doch hoffnungsfrohen Evokationen der Erinnerung der Brandung entgegensingt, ist das nicht nur einer der stärksten und aussagekräftigsten Momente des Albums, sondern auch einer, der Lust auf etwas weniger Bombast macht. Bei allem Lob wünsche ich mir so etwas für künftige Aufnahmen. (U.S.)

Label: Drag City