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	<title>African Paper &#187; Riz Ortolani</title>
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		<title>Our nostalgic feelings are projected towards the future. Interview mit Cannibal Movie</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Jun 2013 07:33:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als Teile der Menscheit begannen, sich als modern und rational zu betrachten, bedurfte es einer markanten Kehrseite, welche die eigene Zivilisiertheit im Kontrast umso deutlicher hervorscheinen ließ. Furchteinflößend musste der finstere Doppelgänger sein, war es doch seine Aufgabe, die zurückgelassene &#8230; <a href="https://africanpaper.com/2013/06/01/our-nostalgic-feelings-are-projected-towards-the-future-interview-mit-cannibal-movie/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie1.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7025" title="cannibalmovie1" src="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie1.jpg" alt="" width="156" height="221" /></a>Als Teile der Menscheit begannen, sich als modern und rational zu betrachten, bedurfte es einer markanten Kehrseite, welche die eigene Zivilisiertheit im Kontrast umso deutlicher hervorscheinen ließ. Furchteinflößend musste der finstere Doppelgänger sein, war es doch seine Aufgabe, die zurückgelassene Roheit umso barbarischer und jeden Rückfall undenkbar erscheinen zu lassen. Neben übernatürlichen Gestalten musste vor allem der sogenannte Wilde dafür herhalten, und der Kannibale war einer seiner krassesten Ausprägungen, weshalb er auch nie die romantische Inversion als &#8220;edel&#8221; erfahren hat. Moderne Europäer dachten beim Kannibalen meist an Völker aus den Kolonien, freilich gibt es Verzehr von Menschenfleisch auch in der eigenen Geschichte</strong><strong>. <span id="more-7020"></span>So sind z.B. Fälle von Kannibalismus unter christlichen Kreuzfahrern dokumentiert. Mit den Kannibalenfilmen, die in den 1970er Jahren von Regisseuren wie Umberto Lenzi, Ruggero Deodato und auch Jess Franco gedreht wurden, schuf sich die spätmoderne Popkultur eine neue Folklore, in der sich vielfältige Konnotationen überlagerten: Derbe Exotik, sexualisierte Gewalt, grotesker Humor und immer noch das alte eskapistische Bedürfnis nach einer &#8220;echteren&#8221; Welt, mag diese auch den verdrehtesten Projektionen entsprungen sein. Dass reißerische Massenkost (die in &#8220;Cannibal Holocaust&#8221; freilich schon ihren eigenen Metakommentar fand) damals noch originell und ästhetich ansprechend sein konnte, ist einer der Gründe, warum die einst als Kommerzschund produzierten Filme heute eine große Wertschätzung erfahren, sei es als Zeitdokument, sei es in Form ernsthafter oder weniger ernsthafter Verkultung. Zu den Künstlern, die sich in den letzen Jahren von solchen Genres inspirieren ließen, zählen Donato Epiro und Gaspare Sammartano, die zusammen das experimentelle Rockduo Cannibal Movie bilden. Kannibalenschinken sind nur ein besonders bezeichnender Teil ihres Spektrums an Einflüssen. In ihren auf Orgel und Drums basierenden Kompositionen finden sich Referenzen auf Western und Zombiefilme, sowie auf eine Reihe an bekannten und weniger bekannten italienischen Musikern des 20. Jahrhunderts. Im folgenden Interview kommen die beiden erstmals in deutscher Sprache zu Wort.</strong></p>
<p><a title="Our nostalgic feelings are projected towards the future. Interview with Cannibal Movie" href="http://africanpaper.com/2013/06/01/our-nostalgic-feelings-are-projected-towards-the-future-interview-with-cannibal-movie/"><strong>Read the English Version</strong></a></p>
<p><em><strong>Cannibal Movie gelten hierzulande als recht obskur. Wollt ihr euch kurz vorstellen und erzählen, wo ihr herkommt?</strong></em></p>
<p>Wir kommen aus einer Stadt in Süditalien, Taranto. Es ist ein ganz besonderer Ort, von zwei Meeren umgeben, wo Aktivitäten wie Fischen und Ackerbau zusammen mit ländlicher Architektur und alten religiösen Traditionen mit der Massenherstellung vom Stahl und Umweltproblemen koexistieren; eine Menge Widersprüche, die einen sehr stimulierenden Ort zum Leben daraus machen. Tatsächlich ist das unser Ausgangspunkt, hier arbeiten wir und gehen unserer Leidenschaft für Musik, Biologie, Pflanzen und Kino nach.</p>
<p><em><strong>Ist Cannibal Movie euer Hauptsprojekt oder haben die anderen Gruppen, in denen ihr spielt, einen ähnlichen Stellenwert? Welche eurer Bands sind derzeit noch aktiv?</strong></em></p>
<p>Wir sind beide in andere Projekte involviert. Gaspare spielt Schlagzeug in einer Band namens Bogong in Action und ich betreibe ein Soloprojekt unter meinem eigenen Namen. Innnerhalb unserer gemeinsamen Erfahrungen entwickeln und bewegen wir uns zum Teil in entgegengesetzte Richtungen. Was wir jeweils individuell in die Band einbringen, entscheidet sich instinktiv und läuft einerseits auf freie Rhythmen, andererseits auf kontrollierte Elektronik hinaus.</p>
<p><em><strong><a href="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie2.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-7027" title="cannibalmovie2" src="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie2-209x300.jpg" alt="" width="209" height="300" /></a>Eure Musik hat zahlreiche Referenzen an Psychedelia aus den späten Sechzigern. Was fasziniert euch am meisten an diesen Stilrichtungen? Ist es in Ordnung für euch, wenn man eure Musik als &#8220;Retro&#8221; oder als nostalgisch bezeichnet?</strong></em></p>
<p>Wir werden oft als eine Psychedelic-Band klassifiziert, aber ehrlich gesagt sind unsere wichtigsten Bezüge andere. Wir sind sehr stark beeinflusst von italienischer Musik von den Sechzigern bis zu den Achtzigern, vor allem von Soundtracks, frühen Electronica-Experimenten, Produktionsmusik für Filme. Wir sind immer wieder fasziniert von der Frische und Intensität dieser Musik, und für uns war es selbstverständlich, bei der Entwicklung unseres eigenen Sounds von diesen Quellen auszugehen, sie zu filtern durch Jahre neuer Entwicklungen im Rahmen von Noise, Drones, Electronik und aller Arten von Sounds, die wir mit der Zeit aufgesogen haben; als Hörer sind wir wirklich Allesfresser. Wie dem auch sei, unsere nostalgischen Gefühle sind auf die Zukunft projiziert.</p>
<p><em><strong>Was sind eure Lieblingskünstler aus dieser Ära? Irgendwelche Geheimtipps?</strong></em></p>
<p>Selbstverständlich einige der großen Komponisten wie Ennio Morricone, Riz Ortolani, Piero Umiliani, Amedeo Tommasi, Armando Sciascia, Alessandro Alessandroni, Giuliano Sorgini, Giusto Pio. Außenseiter wie Franco Battiato, Roberto Cacciapaglia, Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza, Prima Materia. Schillernde Persönlichkeiten wie Gianni Sassi.</p>
<p><em><strong>Was sind deiner Ansicht nach die “modernsten“ Elemente eurer Musik?</strong></em></p>
<p>Die Lautstärke. Spaß beiseite, wir versuchen, zeitlose Musik zu spielen, die zugleich altertümlich und futuristisch klingt.</p>
<p><em><strong>Wenn immer ich gute alte (oder auf alt gemachte) Musik höre, möchte ich den typischen Prozess der Modekonjunkturen verfluchen, der originelle Stile in etwas Gewöhnliches und letztendlich in etwas Altmodisches verwandelt. Wenngleich Retrokonzepte auch nur ein Teil dessen sind, denkst du, dass Referenzen an historische Stilrichtungen (oder sogar so etwas wie Sammeln) trotzdem gegen den Zahn der Zeit wirken können?</strong></em></p>
<p>Es könnte ein Versuch sein, den Fluss der Zeit anzuhalten und in einen zeitlosen Raum gleiten zu lassen, der aus all den Klängen, Objekten und Erfahrungen, die wir lieben, gemacht ist. Es wäre gewiss beruhigend, innerhalb dieser bequemen Blase zu leben, aber gleichzeitig kann das auch eine Herausforderung für die Kreativität und den Fortschritt sein. Neue Technologien helfen uns, all die alte Musik leichter zugänglich zu machen, im Hier und Jetzt ist es, als gäbe es keinen zeitlichen Verlauf mehr. Wir sind absolut Kinder unserer Zeit.</p>
<p><em><strong><a href="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie5.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-7029" title="cannibalmovie5" src="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie5-300x274.jpg" alt="" width="300" height="274" /></a>Könntet ihr euch verstellen, euer Instrumentarium aus Schlagzeug und Orgel durch weitere Instrumente oder Stimme zu erweitern?</strong></em></p>
<p>Wir arbeiten gerade an einem Audio/Video-Set, das auf dem italienischen Kultfilm “La casa dale finestre che ridono” basiert, der von Pupi Avati gedreht wurde, Amedeo Tommasi komponierte damals die Musik dazu. Für die Vertonung haben wir uns für einen etwas elektronischeren Sound entschieden, wir verwenden nur manipulierte Orgelklänge, Drumcomputer und zwei weitere alte Synthies. In Zukunft werden wir weitere neue Möglichkeiten ausprobieren und gleichzeitig versuchen, den Kern unserer Klänge zu bewahren.</p>
<p><em><strong>Filmreferenzen sind ein Hauptthema eurer Veröffentlichungen. Warum war es gerade das Kannibalen-Genre, nachdem ihr euch benannt hattet?</strong></em></p>
<p>Kannibalenfilme sind ein typisch italienisches Genre, dessen Merkmale perfekt zu dem passen, was auch unsere Musik im Wesentlichen ausmacht. Auf gewisse Weise ist das sehr stark mit unserer eigenen Kultur verknüpft, nur durch die Farben verfremdet, und natürlich durch die Stimmung des exotischen Szenarios.</p>
<p><em><strong>Dem Anthropologen Claude Lévi-Strauss zufolge ist Kannibalismus eine Form des Inzest. Ist das ein Gedanke, den ihr nachvollziehen könnt oder würdet ihr sagen, dass das zu weit hergeholt ist?</strong></em></p>
<p>Es kann als eine Art Identifikation und Verkehr mit dem anderen betrachtet werden, als buchstäbliche Einverleibung des anderen. Mehr noch, wenn man an die katholische Tradition denkt, oder an archaische Religionen, wo die Gläubigen den Körper ihres Gottes essen.</p>
<p><em><strong>In “Cannibal Holocaust“ wird die Rolle der Medien und die Medien selbst (v.a. Film) während des Films kritisch reflektiert. Denkst du, dass “Cannibal Holocaust“ aus diesem Grund noch heute ein relevanter Film ist?</strong></em></p>
<p><a href="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie3.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-7031" title="cannibalmovie3" src="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie3-208x300.jpg" alt="" width="208" height="300" /></a>Ohne Zweifel. Die Themen von &#8220;Cannibal Holocaust&#8221; sind ausgesprochen aktuell, und es ist ohnehin sehr reduktiv, den Film nur aufgrund der visuellen Gewalt zu diskutieren. Mediale Manipulation der Wirklichkeit ist in der Tat ein sehr reales Problem, und es ist frustrierend, festzustellen, dass die neuen Informationsmöglichkeiten diesen Vertrauensverlust nicht wirklich zu kompensieren in der Lage sind. Oft produzieren sie nur neue Verwirrungen und Widersprüchlichkeiten.</p>
<p><em><strong>Habt ihr jemals Leute aus dieser Ära persönlich getroffen? Ein Freund von mir hat vor einiger Zeit ein Interview mit Franco Prosperi geführt, der in einem Haus im Wald voll mit bizarren Exotica wohnt&#8230;</strong></em></p>
<p>Wir hatten indirekten Kontakt mit Prosperi: Unsere Musik wurde als Soundtrack verwendet für eine kurze Interview-Doku (vom VICE Magazine produziert), die im Haus des Regisseurs gedreht wurde (in Formia, nicht weit entfernt von Taranto).</p>
<p><em><strong>Musik ohne typische Songstruktur wird gerne als &#8220;Soundtrack für den imaginären Film&#8221; bezeichnet. Auch wenn es ein bisschen klischeehaft klingt, sind visuelle Assoziationen bei Musik natürlich legitim. Kannst du mit dem Gedanken etwas anfangen?</strong></em></p>
<p>Ja, und es ist besonders interessant zu sehen, was Formen &#8220;abstrakter&#8221; Musik abhängig vom jeweiligen Hörer bewirken können. Konkrete Welten und griffige Bilder können entstehen, oder der Klang selbst beschreibt abstrakte Ideen oder Dinge, die auf den ersten Blick wenig mit Musik zu tun haben, wie zum Beispiel Objekte. Es können die unterschiedlichsten Ergebnisse sein.</p>
<p><em><strong>Vor kurzem habt ihr die EP “Mondo Music“ veröffentlicht. Würde jemand eine Art Neo Mondo-Film passend zu eurer Musik drehen, wie sollte der Film aussehen?</strong></em></p>
<p>Optimal wäre, wenn er auf den Gegensatz von wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt und den unüberwindbaren primitiven und irrationalen Instinkten des Menschen bezogen wäre. Es scheint, dass die technische Evolution nicht mit dem tatsächlichen Innenleben und der intellektuellen Entwicklung derer korrespondiert, die davon profitieren sollten.</p>
<p><em><strong>Jess Franco ist vor kurzem gestorben. Wie würde sich die passende Trauermusik von Cannibal Movie anhören?</strong></em></p>
<p>&#8220;Schiave Bianche&#8221; könnte ein guter Trauermarsch sein.</p>
<p><em><strong><a href="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie7.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-7033" title="cannibalmovie7" src="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/05/cannibalmovie7-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>Zum Schluss die obligatorische Frage nach den aktuellen Plänen &#8211; arbeitet ihr schon an neuen Aufnahmen, und was steht für den Rest des Jahres an?</strong></em></p>
<p>Aktuell steht die Vinyl-Edition von &#8220;Mondo Music&#8221; an (beim italienischen Label Yerevan Tapes), ansonsten gibt es den Sommer über eine Reihe an Konzerten, zum Abschluss eine kleine Tour in Griechenland im September. Danach fangen wir mit neuen Sachen an, dabei wird es auch ein paar neue Überraschungen geben.</p>
<p>(JJ, MG &amp; US)</p>
<p><a href="http://cannibalmovie.blogspot.com/">cannibalmovie.blogspot.com</a></p>
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		<title>CANNIBAL MOVIE: Mondo Music</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Feb 2013 09:24:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Cannibal Movie sind eine Combo, deren Werk man als eine leidenschaftliche Hommage betrachten kann. Den Gegenstand der Verkultung muss man nicht lange suchen, denn er liegt in so ziemlich jeder künstlerischen Äußerung des Duos auf der Hand – Bandname, Titel &#8230; <a href="https://africanpaper.com/2013/02/23/cannibal-movie-mondo-music/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/02/cannibalmoviemondomusic.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-6239" title="cannibalmoviemondomusic" src="http://africanpaper.com/wp-content/uploads/2013/02/cannibalmoviemondomusic-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Cannibal Movie sind eine Combo, deren Werk man als eine leidenschaftliche Hommage betrachten kann. Den Gegenstand der Verkultung muss man nicht lange suchen, denn er liegt in so ziemlich jeder künstlerischen Äußerung des Duos auf der Hand – Bandname, Titel und natürlich die Musik referieren auf eine Zeit, in der auch das Reißerische und Triviale eine würdevolle Ästhetik ausstrahlen konnte und weit entfernt war vom grellen Ramsch der folgenden Jahrzehnte. Gemeint sind die 60er und frühen 70er mit ihrer charakteristischen Populärkultur, eine Zeit, in der aus der Ikonografie des Konsums noch Popart werden konnte. Heute undenkbar, außer man verschreibt sich der Retromanie.<span id="more-6238"></span></p>
<p>Als Italiener und Cineasten steht Cannibal Movie, die sich der Retromanie ganz entschieden verpflichtet fühlen, ein riesiges Archiv an Inspirationsquellen zur Verfügung. Es wäre falsch, das italienische Genrekino dieser Ära über einen Kamm zu scheren, denn Giallo, Polizeifilm, Western, Gothic Horror und nicht zuletzt der Mondo- und Kannibalenfilm funktionierten nach je eigenen visuell-narrativen Mustern und sprachen auch nicht immer das gleiche Publikum an. Dennoch verallgemeinert man aus der zeitlichen Distanz, und das nicht ganz zu unrecht: Ob Spannung, Erotik oder abgeklärter Zynismus die Bilder prägen, stets registriert man in ihrer visuellen Pracht, ihrer markanten Symbolsprache und der sinnlichen Begleitmusik eine fast naive Lebenslust und eine Amoralität, die immer wieder in de Sade&#8217;scher Manier suspendiert wird, um durchaus moralisch die scheinheilige Fassade des Etablierten einzureißen. Die Genres waren durch die Bank populär, Stephen Thrower spricht in einer Monografie von volkstümlicher Kultur. Es ist anzunehmen, dass Auskenner, die alles über Schnittfassungen oder das Werk eines Regisseurs herunterbeten konnten, ebenso selten vorkamen, wie solche, die Begriffe wie Diskurs verwenden. Kontrovers diskutiert wurde v.a. das Mondo-Genre, das dokumentarisch anmutende Panoramen bizarrer Exotik präsentierte. In Filmen wie dem namensgebenden „Mondo Cane“ wurden die (u.a. sexuellen) Bräuche sogenannter Naturvölker mit dem Leben moderner Menschen kontrastiert und dabei verborgene Gemeinsamkeiten aufgezeigt.</p>
<p>Je ernsthafter die Erwartungen an die dokumentarische Seite der Filme, umso mehr fällt zwangsläufig ins Auge, dass Mondo-Movies primär der Unterhaltung dienten und in ihrer Stilisierung auf Sensationsbedürfnisse zugeschnitten waren. Die Kommentare aus dem Off im Duktus alter Wochenschauen konnten fesseln und waren doch durchzogen von allerlei oberlehrerhaften Plattheiten. Dennoch machen diese Filme ungemein Spaß, und schnell geht man dazu über, ihre Stärken anderswo zu suchen. Ähnlich den (im Unterschied zu Mondo wieder konventionell erzählerischen) Kannibalenfilmen handelt es sich hier um die letzten großen Abenteuergeschichten – jungenhafte bis pubertäre Fantasien, bei denen auf biedere Sittlichkeit ebenso gepfiffen wird wie auf p.c. Kreativer Selbstzweck waren derbe Szenarien vor kitschigen Urwaldkulissen, in denen rauschhafte Musik all das Anrüchige und Befreiende untermalt, mit dem man die Massen erfahrungsgemäß in die Kinos locken konnte, und sei es unter dem Deckmantel einer fadenscheinigen Reportage. Mondo-Filme waren ein großer janusartiger Mittelfinger, der sich gegen die hartnäckigen Reste eines idealisierten Menschenbildes ebenso richtete wie gegen die latent scheinheilige Verkopftheit einer aufgeklärten Kulturavantgarde, deren Anhänger Jess Franco &#8220;those false intellectuals&#8221; nannte.</p>
<p>Dem Rauschhaften und Transgressiven zollen auch Cannibal Movie ihren Tribut. Mit ihrem ekstatischen Psychrock, der dionysischer und zugleich monotoner ist als die schöngeistigen Mondo-Scores von Riz Ortolani, versuchen sie erst gar nicht, die Stimmung der Filme eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen – als wollten sie in einer Zeit, in der eine solche Sensationsmaschine funktionslos ist, v.a. das Überdrehte hervorheben, das im Retrokontext umso deutlicher werden muss. Aus der versnobten Auskennerperspektive von heute wirken die Ideen hinter diesen Filmen oft exotischer als ihre Schauplätze – schon deshalb bekommt der Titel &#8220;Mondo Music&#8221;, der ja Weltmusik heißt, eine ganz andere Semantik. Hypnotisches Beckenrasseln, wilde Trommelwirbel und das bedrohlich wirkende Dröhnen einer Orgel haben durchweg die Oberhand und sind, wenngleich untrennbar mit der Epoche verbunden, keineswegs ein Imitat älterer Musik. Ihren bedrogten Melodien haftet etwas Beschwörendes an, sie verbreiten eine ritualistische, okkult anmutende Stimmung, für die man sich beinahe ein Mondo-Revival herbeiwünscht, bei dem die Filme auf den Sound des Duos zugeschnitten sind. Sollte Tarantino jemals über eine Mondo-Hommage nachdenken, dann wäre hier der Score dazu.</p>
<p>Das aktuelle Tape der Italiener enthält pro Seite ein zirka fünfzehnminütiges Stück. Während die erste Seite Ihre perkussive Welterkundung gleich im entfesselten Herz der Finsternis startet, beginnt Seite zwei meditativer und ist erst nach und nach zu einer verhaltenen Steigerung bereit – die gipfelt in einem Plateau aus verwehten Orgelklängen, die in ihrer repetitiven Kargheit die Brücke zum orientalischen Covermotiv schlagen. Ich empfehle zuzugreifen, denn die Stückzahl ist limitiert. Das letztjährige Album dürfte noch irgendwo im Netz zu hören sein, ebenso lohnenswert ist ihr Beitrag zur exquisiten &#8220;Occulto&#8221;-Compilation.</p>
<p><strong>Label: <a href="http://avantdistro.blogspot.com/">AVANT! Records</a>/<a href="http://yerevantapes.blogspot.it/">Yerevan Tapes<br />
</a></strong></p>
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