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	<title>African Paper &#187; Spectral Unit</title>
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		<title>V.A.: Music For Hotels Vol. 3 &#8211; Sea Songs</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Oct 2026 04:34:46 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Das Meer gehört zu den großen Bildern der Kulturgeschichte. Mindestens seit Homer steht es für Aufbruch und Abenteuer, für Herausforderung und Bewährung, aber &#8211; so erfährt man im Metzler Lexikon der literarischen Symbole &#8211; ebenso für das Weibliche, die Regression &#8230; <a href="https://africanpaper.com/2026/10/10/v-a-music-for-hotels-vol-3-sea-songs/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://africanpaper.com/wp-content/uploads/2026/09/seasongs.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-52437" title="seasongs" src="https://africanpaper.com/wp-content/uploads/2026/09/seasongs-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Das Meer gehört zu den großen Bildern der Kulturgeschichte. Mindestens seit Homer steht es für Aufbruch und Abenteuer, für Herausforderung und Bewährung, aber &#8211; so erfährt man im Metzler Lexikon der literarischen Symbole &#8211; ebenso für das Weibliche, die Regression und jene Tiefen des Unbewussten, in denen sich das Vertraute jederzeit ins Unheimliche verwandeln kann. <span id="more-52431"></span>Geisterschiffe und der Fliegende Holländer, Melvilles Moby Dick oder Hemingways Geschichten haben ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die zahlreichen musikalischen Annäherungen an das Meer, wie sie auch auf Seiten wie den unseren besprochen werden – man denke etwa an Nurse With Wounds Abgesang auf die sinkende Salt Marie Celeste, an <a title="TRISTAN DA CUNHA: Maris Stella" href="https://africanpaper.com/2026/09/12/tristan-da-cunha-maris-stella/">Tristan da Cunha dem Stern des Meeres</a> gewidmetem Album oder an die <a title="XXENA AND DBPIT: White Stories Of Black Whales" href="https://africanpaper.com/2015/10/02/xxena-and-dbpit-white-stories-of-black-whales/">Arbeiten von Noise Cluster und ihren Vorgängerprojekten</a>.</p>
<p>Das italienische Label Silentes hat sich nun dieses nahezu unerschöpflichen Themas angenommen und mit &#8220;Sea Songs&#8221;, der dritten Ausgabe ihrer &#8220;Music for Hotels&#8221;-Reihe, eine Anthologie italienischer Musiker zusammengestellt, die das Meer nicht auf eine bestimmte Stimmung festlegt, sondern als kulturellen, emotionalen und klanglichen Raum begreift. Nostalgie und Sommerfrische, die man im Zusammenhang mit dem Hotelthema betrachten kann, stehen hier neben Mythos, Dunkelheit, Experiment und Avantgarde, zugleich wird die Compilation, wie man im Begleittext erfährt, zu einem schönen Dokument von Netzwerken, Freundschaften und künstlerischen Verbindungen jenseits ausgetretener Pfade der Kultur.</p>
<p>Entsprechend weit ist die stilistische Spannbreite: Rock und Pop, Blues und Jazz, New Wave und Punk, Surfrock und Rockabilly begegnen Industrial, cinematischen Soundscapes, Rezitationen und freien Experimenten. Besonders reizvoll ist dabei, wie selbstverständlich Generationen und Genres miteinander in Verbindung treten. Einige Beiträge greifen auf bekannte Stücke zurück. Le Forbici di Manitù nähern sich Robert Wyatts „Sea Song“ mit großer Zuneigung und bewahren dabei dessen wehmütige und gleichsam geerdete Qualität. Die berühmte Zeile „Different Every Time“, die auch Wyatts Biografie ihren Titel gab, passt hier besonders gut: Das Meer ist eben niemals dasselbe. Wide Hips 69 verwandeln Shocking Blues „Hot Sand“ in einen schwülheißen 60er-Jahre-Surf-Sound voller Abenteuerlust, während Ricky Rialto eine Rock&#8217;n'Roll-Schmonzette von Don Gibbon recht nah am Original interpretiert. Dazu kommen Michela Lombardi und Andrea Garibaldi mit Trenet, Luciano Federighi mit Fred Neils „The Dolphins“, Brunhilde Galeotti mit Tim Buckleys (bzw. This Mortal Coils) „Song To The Siren“ und Staindubatta mit Lou Reeds „Ocean“ – Klassiker des Meeresthemas, die hier in sehr unterschiedlichen Interpretationen wieder auftauchen.</p>
<p>Die dunklere literarische Seite des Meeres wird besonders eindrucksvoll in den Beiträgen von Gianluca Becuzzi (u.a. bekannt von seinem langjährigen Projekt Limbo) und Elia Ulian ausgelotet, die sich auf den Schiffbruch Percy B. Shelleys vor Viareggio im Jahr 1822 beziehen. Bei Becuzzi entsteht aus dunklem, monumental brummendem und knarzendem Material nach und nach eine raue, sägende Textur, während Ulian mit seltsam surrealen, zugleich elektrifizierten, submaritimen Klängen arbeitet. Helle Stimmfragmente, hektische, beinahe panische Bewegungen und abrupte Brüche treffen dabei auf feierliche Momente. Teatro Satanico, bekannt für ihre dunkle, okkult angehauchte Klangkunst in der Tradition des Industrial, führen dagegen direkt in die Meeresmythen H. P. Lovecrafts: Eine geheimnisvoll gleitende Klanglandschaft trägt Serena de Maios verfremdete Stimme, die die Verse des Gedichts &#8220;Oceanus&#8221; beinahe liturgisch, aber auch etwas Nico&#8217;esk, rezitiert. Die soghafte Wirkung macht diesen Beitrag zu einem der eindringlicheren Stücke der Compilation. Adi Newton und Enrico Marani alias Spectral Unit greifen mit „Ghost Ship“ schließlich ein Motiv auf, das weniger an ein einzelnes literarisches Werk als an die lange Tradition der Geisterschiff-Erzählungen erinnert. Elektronische Geräusche, Piano, Synthies und Sprachsamples verbinden sich mit Wellen, Gluckern und anderen aquatischen Geräuschen zu einer modernen Variante dieses alten Motivs.</p>
<p>Experimentelle Elektronik kommt in &#8220;Sea Songs&#8221; keineswegs zu kurz. Stark in Richtung Musique concrète geht das Monofonic Orchestra, bestehend aus Marsico, Roger Stanza und Mauro Tondini. Lachende Stimmen, spritzendes Wasser und ein Wolkenbruch werden in eine zunehmend verzerrte Elektrifizierung überführt, die selbst zum eigenständigen Ereignis wird und nicht bloß als Hintergrund für Flüstern und andere Stimmbeiträge dient. Das Stück bleibt ständig in Bewegung und entwickelt dabei durchaus rasante, dynamische Momente. Der dazu fast konträr arbeitende Maurizio Marsico alias MARSICODITRAPANI liefert mit „Lunadimare“ beinahe einen Sommerhit aus einer anderen Zeit: tanzbar, melancholisch und mit italienischem Gesang über den Mond des Meeres – man könnte sich den Track ohne weiteres in der NDW-Zeit als kleinen Hit vorstellen. Noch hitverdächtiger der Beitrag des KI-Musikers Grey T. Noise.</p>
<p>Bassist und Komponist Steve Piccolo steuert gemeinsam mit The Garden of Love ein spannendes, jazzig eingefärbtes Stück bei. Der in Sardinien ansässige Simon Balestrazzi, bekannt auch von Bandprojekten wie T.A.C. und Dream Weapon Ritual,  entwirft aus undefinierbaren, ständig wandelbaren rauschenden und kratzenden Geräuschen, Klangschalen und orchestralen Andeutungen ein kaum greifbares und gerade deshalb reizvolles hörspielartiges Szenario. Adriano Zanni nähert sich dem Thema dagegen über Regenschutt auf dem Meer, hypnotisierende Rhythmen, leichte Synthies und verschiedene Störgeräusche. Tommaso Leddi und Carlo De Martini wiederum verweisen auf historische Verbindungen zwischen politischer und experimenteller Musik. Spirocheta Pergoli Redux verbinden wusselige Elektronik mit Dark-Jazz-Elementen und schwülheißen Twangs und treten hier gemeinsam mit ihrem langjährigen Freund und Kollaborateur Massimo Giacon auf. Auch Polemica, ein Punk-Avantgarde-Projekt, sticht hervor.</p>
<p>Eine besondere Rolle spielen persönliche Verbindungen des Labels, die vom Veneto bis in die Toskana reichen, zu nennen sind Giuseppe Giannecchini und Ugo Cappadonia, ferner Brunilde Galeotti, Elenband und Staindubatta. Dome La Muerte E.X.P., Gabriele Bartolucci und Xayde erweitern dieses regionale Netzwerk um weitere experimentelle Ansätze. Besonders Mirco Magnani bleibt dabei mit einem filigranen Szenario im Gedächtnis: langsam brandende Wellen, vereinzelte Pianotupfer und eine sich gemächlich bewegende, vielgestaltige Dröhnung formen einen Raum, der sich beinahe unmerklich verändert. Auch Spoken Word und Soundcollagen finden ihren Platz. David Greenberger steuert gemeinsam mit Tyson Rogers ein narratives Stück mit feinsinnigem Humor bei. Stefano Saletti und SALE verbinden vokal-jazzige Elemente mit experimentellen Stimmen. Und auch xoX und Teho Teardo, beide aus dem Umfeld der Great-Complotto-Ära in Pordenone, gehören in diesen Bereich und erweitern die Compilation um eine weitere historische Verbindungslinie.</p>
<p>Gerade diese Mischung aus bekannten Namen, langjährigen Weggefährten, regionalen Zusammenhängen und unterschiedlichen Generationen macht die &#8220;Sea Songs&#8221; letztlich zu mehr als einer bloßen Themen-Compilation: Das Meer dient als gemeinsamer Horizont, innerhalb dessen sehr unterschiedliche musikalische Sprachen nebeneinander bestehen können – manchmal sommerlich und nostalgisch, manchmal verstörend und mythisch, manchmal vollkommen abstrakt. Eine ausgesprochen vielseitige Sammlung also, die ihrem Thema gerade dadurch gerecht wird, dass sie es niemals auf eine einzige Bedeutung oder Klangfarbe festlegt.</p>
<p><strong>Label: 13 Silentes</strong></p>
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