Mirco Magnani ist seit den frühen 80ern als Musiker, Produzent und Labelbetreiber aktiv. Er gründete Bands wie Minox oder das Technophonic Chamber Orchestra, arbeitete mit Leuten wie Lydia Lunch, Steven Brown, Ernesto Tomasini oder Sainkho Namtchylak, und veröffentlichte zuletzt eine Reihe von Projekten auf seinem eigenen Label Undogmatisch. Literarische, alchemistische und philosophische Texte von Bataille bis Nietzsche ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Werk – ebenso wie die Verbindung von Musik mit Bildender Kunst, Installation und Performance. Für sein aktuelles Album “Zarathustra – Der Große Mittag” hat er Nietzsche neu interpretiert – zusammen mit Steven Brown, Sainkho Namtchylak, Nikolas Klau und Paganland. Über all dies und mehr sprachen wir mit ihm im folgenden Interview.
Dein aktuelles Album heißt “Zarathustra – Der Große Mittag”, entstanden mit Steven Brown, Sainkho Namtchylak, Nikolas Klau und Paganland, basierend auf Friedrich Nietzsche. Den Text kennst du vermutlich schon lange – was hat dich inspiriert, daraus ein eigenes Werk zu machen?
Ja, mit “Also sprach Zarathustra” von Nietzsche beschäftige ich mich schon lange, aber ich empfinde es als extrem komplexen Text. Jedes Mal, wenn ich ihn lese, finde ich neue Bedeutungen, neue Zweifel, neue Widersprüche. Nach vielen Jahren habe ich ihn erneut zur Hand genommen – und plötzlich öffnete sich eine andere Tür. Es war dieselbe Mischung aus Faszination, Frustration und Aufregung darüber, was sich noch alles hinter diesen Worten verbirgt.
So entstand die Idee für ein neues Album. Ich wollte den Weg fortsetzen, den ich mit “Madame E.” begonnen hatte: einen literarischen Text als Libretto nutzen, mit einer bestimmten kompositorischen und performativen Haltung arbeiten und dieselben Künstlerinnen und Künstler wie Stellan Veloce, Andrea De Witt und Valentina Bardazzi einbeziehen – dazu Yakovlev und andere, die Nietzsche ihre Stimme leihen.
Die Grundidee ist, daraus eine Trilogie zu machen. In Zukunft möchte ich noch ein drittes Album entwickeln, mit einem ähnlichen Prozess.
Das Album verbindet Nietzsches Text in vier Sprachen mit Klangkunst. Wie kam es zur Idee, Nietzsches Mythos multilingual und damit auch kulturübergreifend zu interpretieren?
Nachdem die Musik fertig war, habe ich darüber nachgedacht, wie ich den Text umsetzen will. Der erste Schritt war die Entscheidung, wen ich einbeziehe. Wichtig war mir, Künstler*innen mit einer gewissen Reife zu haben – nicht nur, um Zarathustra idealtypisch eine Stimme zu geben, sondern um auch die vielen Facetten und Widersprüche dieser von Nietzsche erfundenen Figur hörbar zu machen.
Als erster kam Steven Brown hinzu, der diese Präsenz von sich aus mitbringt. Sein Beitrag war entscheidend, nicht nur stimmlich, sondern auch musikalisch, denn er hat auch Altsaxophon und Orgel eingespielt.
Dann habe ich weitere Stimmen gesucht, die zusätzliche Dimensionen von Zarathustra/Nietzsche verkörpern konnten. Auswahlkriterien waren sowohl die künstlerische und menschliche Tiefe als auch Sprache und kultureller Hintergrund: Persisch, Deutsch, Russisch und Englisch. So habe ich langjährige Partner wie Steven Brown und Nikolas Klau, aber auch neue Stimmen wie Sainkho Namtchylak und Paganland eingebunden.
Wie hat sich dein Umgang mit Texten generell über die Jahre verändert?
Die Methodik selbst hat sich nicht so sehr verändert, aber die Ausgangstexte sind unterschiedlich: Bei Bataille ist es eine kurze Erzählung, bei Nietzsche ein komplexes Werk in vier Teilen. Gemeinsam ist beiden ein Wille zur Provokation, zum Bruch mit Konventionen. Auch heute noch wirken diese Texte herausfordernd, weil sie Themen wie Erotik, Religiosität, Tod, Spiritualität, Natur oder das Absolute berühren.
Du bist von Pistoia in der Toskana nach Berlin gezogen. Wie hat dich dieser Ortswechsel geprägt – als Künstler und auch als Labelbetreiber?
Als ich nach Berlin zog, hatte ich schon lange das Bedürfnis, Pistoia zu verlassen. Es ist eine kleine Provinzstadt bei Florenz, dort habe ich Bands und Labels gegründet. Im Nachhinein sehe ich: Gerade die Abwesenheit einer großen Szene hat mich dazu getrieben, aktiv zu werden – fast wie eine utopische Jagd nach etwas, das es dort gar nicht gab. Ich habe internationale Kooperationen gesucht, um das auszugleichen, und gleichzeitig eine kleine lokale Szene mit aufgebaut.
Der Umzug 2009 nach Berlin war ein Wendepunkt. Nach vielen Jahren Arbeit in Italien mit Labels (I.D. Lacerba, Suite Inc.) und Bands (Minox, 4D Killer, Technophonic Chamber Orchestra) konnte ich hier in einer lebendigen internationalen Szene neue Erfahrungen machen. Aber es war auch schwieriger: Früher lag die Herausforderung darin, trotz einer kaum vorhandenen Szene etwas auf die Beine zu stellen. In Berlin dagegen geht es darum, in einem riesigen, fragmentierten Umfeld sichtbar zu bleiben, das ständig auf der Suche nach Neuem ist.
Was hat dich motiviert, dein eigenes Label Undogmatisch zu gründen? War das eher eine Fortsetzung oder ein Neuanfang?
Undogmatisch war die natürliche Fortsetzung meines Weges. Am Anfang war es eine Veranstaltungsreihe mit audiovisuellen Live-Sets, DJ-Sets und Ausstellungen. Später wurde daraus ein Label mit dem Schwerpunkt auf Selbstproduktion – und ich konnte auf die Erfahrungen mit I.D. Lacerba und Suite Inc. zurückgreifen.
Es war also beides: Fortsetzung und Neuanfang. Wichtig war, ohne kommerziellen Druck zu arbeiten, anders als in den 1980ern oder 90ern, wo man mit solchen Projekten noch eher seinen Lebensunterhalt verdienen konnte.
Valentina Bardazzi ist Mitbetreiberin von Undogmatisch und auch als bildende Künstlerin in viele deiner Projekte involviert. Wie funktioniert eure Zusammenarbeit?
Valentina ist von Anfang bis Ende in den gesamten Prozess eingebunden. Sie hat nicht nur ein visuelles, sondern auch ein musikalisches Verständnis und kann dadurch Konzepte und Inhalte sehr genau erfassen – und sie dann in passende Bilder übersetzen.
Du arbeitest seit Jahrzehnten in verschiedenen Medien – Musik, Installationen, Video, auch Literatur. Wie verändert sich dein künstlerisches Vorgehen im Übergang zwischen Klang, Wort und Bild?
Ich sehe die drei Medien als parallele Entwicklungen, die sich gegenseitig beeinflussen. Manchmal beginnt eine Idee mit einem Text, manchmal mit einem Klang oder einem visuellen Element. Der Ansatz ändert sich nicht, sondern erweitert sich durch den Austausch.
Was fasziniert dich an der Schnittstelle von Philosophie, Mythos und Klang – und welche Rolle spielt Spiritualität?
Philosophie, Mythos und Klang haben gemeinsam, dass sie versuchen, über das rein Physische hinauszugehen. Sie eröffnen eine andere Sicht auf die Realität und helfen uns bei unserer Weiterentwicklung. Spiritualität war für mich immer wichtig – heute ist mir das noch bewusster als früher.
Die “Opus Magnum Collectio Series”, die du herausgegeben hast, verbindet elektroakustische Komposition, Philosophie und rituelle Struktur. Was war der Ausgangspunkt?
Das Konzept entstand während der Pandemie. In dieser Zeit hatte ich das Gefühl, dass bei uns Menschen eine Art “Transmutation” stattfand: Wir wurden verletzlich, aber zugleich bewusster.
Meine Interessen an alchemistischen Themen konnte ich mit dieser Serie verbinden. Die Beiträge der vielen beteiligten waren für mich sehr wertvoll, sie haben mir Kraft gegeben, weiterzumachen.
Die Symbole der Alchemie – Transformation, Sublimation, “solve et coagula” – ziehen sich durch die Serie. Was bedeutet Alchemie für dich persönlich und künstlerisch?
Ich sehe mich nicht als Alchemisten, aber ich fühle mich von den zugrunde liegenden Ideen angezogen. Sie helfen, die Realität zu verstehen und unser Handeln bewusster zu gestalten. Ein wichtiger Punkt: Es gibt einen Unterschied zwischen Wissen und Sein. Oft verkörpern wir nicht, was wir wissen. Die Aufgabe ist, das Wissen wirklich zu leben.
Ist auch dein kompositorisches Arbeiten ein “alchemistischer” Prozess?
Ja, ich denke schon. Über die Jahre habe ich gelernt, Gefühle in Sequenzen von Tönen und Klängen zu verwandeln – also sie zu transmutieren in etwas, das weniger subjektiv und nachvollziehbarer ist.
Du hast die drei alchemistischen Phasen (Nigredo, Albedo, Rubedo) als Struktur verwendet. Hat dich dabei Jung beeinflusst?
Ich kenne nicht alles von C.G. Jung, aber das Konzept der Individuation war sehr wichtig für mich. Es beschreibt einen einzigartigen inneren Prozess, bei dem man das Ich mit dem Selbst versöhnt – also die eigenen Schatten integriert und zu einer Einheit gelangt.
Inwiefern spiegeln die Beiträge der anderen deine eigene Vorstellung von Transformation wider?
Ich habe viele Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Ländern eingeladen, die alle experimentell arbeiten. Ich habe ihnen völlige Freiheit gelassen, das Thema Alchemie auf ihre Weise zu interpretieren. Am Ende haben viele genau das eingefangen, was ich ausdrücken wollte. Die Qualität der Beiträge macht mich sehr zufrieden.
Mit Lukasz Trzcinski hast du das Projekt Lumiraum gegründet. Welche Rolle spielt dort der Bezug auf mythische Schöpfungsgeschichten?
Die Arbeit an “Lumiraum” und “Lumiraum Appendix” fiel in eine Zeit, in der Lukasz den Wunsch zur Zusammenarbeit hatte und ich selbst neue Stücke ohne Vorgaben entwickeln wollte. Wir haben frei improvisiert, mit einem meditativen Ansatz und inspiriert von kosmogonischen Mythen aus verschiedenen Kulturen.
Welche Bedeutung hat das Symbol des Lichts (lumen) in deiner Musik?
Licht ist für mich das Gegenstück zur Dunkelheit, beide gehören zusammen und schaffen eine dritte, neutrale Kraft. Licht ist der Funke, der eine bereits vorhandene Veränderung auslöst – eine schöpferische Energie, die uns Horizonte, Grenzen und Bewusstsein erkennen lässt.
Ich möchte auch nach deiner frühen Arbeit in den 80ern und 90ern fragen. Was bedeuten dir diese Anfänge heute?
Diese frühen Jahre haben mich stark geprägt. Mit Minox war es eine Zeit intensiven Austauschs und Lernens. Unsere ersten Konzerte, Aufnahmen und internationalen Kooperationen fielen in eine Phase, in der Independent-Labels die Spielregeln veränderten.
Minox war in der italienischen New Wave etwas Besonderes, unter anderem durch die kammermusikalische Instrumentierung auf eurem Debüt “Lazare”. War das eine bewusste Gegenposition oder ergab sich das von selbst?
Uns hat New Wave und Post-Punk stark interessiert, aber wir wollten immer unsere eigene Sichtweise entwickeln. Jeder von uns fünf hatte einen anderen Hintergrund, und wir wollten uns nicht zu sehr an eine Szene binden. In Florenz gab es eine starke New-Wave-Szene, aber wir fühlten uns davon eher unabhängig.
Die Klarinette spielt in deinem Werk bis heute eine Rolle. Siehst du sie als Leitmotiv, das verschiedene Phasen verbindet?
Ja, absolut. Die Klarinette war das erste Instrument, mit dem ich mich intensiv befasst habe. Auch wenn ich zwischendurch Pausen hatte, bin ich immer wieder zu ihr zurückgekehrt. Ich sehe sie als roten Faden durch meine gesamte Laufbahn.
War die Szene damals sehr international geprägt?
Ja, schon unsere erste Veröffentlichung 1985 war ein Split mit der norwegischen Band Fra Lippo Lippi. Später haben wir mit Steven Brown und Luc Van Lieshout von Tuxedomoon gearbeitet, mit Lydia Lunch, mit Blaine Reininger und vielen anderen. Und auch später, in den 90ern und 2000ern, gab es zahlreiche internationale Kooperationen – bis hin zu den heutigen Projekten mit Undogmatisch.
Die Zeit um “Lazare” war ein früher Höhepunkt. Was erinnerst du besonders stark aus dieser Phase?
Es war eine sehr intensive und inspirierende Zeit, in der wir viel Neues ausprobiert haben. Gleichzeitig war sie von einem tragischen Ereignis überschattet: Zwei Bandmitglieder starben kurz nach der Aufnahme bei einem Autounfall. Das hat uns lange gelähmt, auch wenn wir nach zwei Jahren wieder aktiv wurden.
Welche Kontinuitäten und Unterschiede siehst du zwischen diesen frühen Arbeiten und deinen heutigen Projekten?
Die 90er-Jahre-Projekte wie Technophonic Chamber Orchestra oder 4D Killer waren anders, aber in den letzten Jahren spüre ich wieder eine Art Rückkehr zu meinen Anfängen. Natürlich mit einer anderen kompositorischen Erfahrung, aber bestimmte Elemente – Ambient, Improvisation, auch ein psychedelischer Zug – kehren wieder. “Madame E.” und “Zarathustra” sehe ich als eine Art Synthese meiner bisherigen Arbeit.
Mit wem aus früheren Zeiten arbeitest du bis heute zusammen?
Vor allem mit Andrea de Witt, Steven Brown, Luc Van Lieshout und Nikolas Klau. In Berlin habe ich dazu viele neue Partnerinnen und Partner gefunden – Ken Karter, Retina.it, Lukasz Trzcinski, AUR-OIO und andere. Außerdem habe ich eine enge Zusammenarbeit mit Ernesto Tomasini und seit einiger Zeit auch mit Sainkho Namtchylak.
Du gibst gerade wieder mehr Konzerte. Welche Projekte verfolgst du zurzeit?
Im Moment spiele ich ein neues Soloprogramm namens “Suite for Clarinet and Square Wave Generator”. Es besteht aus neun Stücken, die ganz spontan entstanden sind. Bisher habe ich es nur live gespielt, eine Aufnahme gibt es noch nicht.
Außerdem arbeite ich an drei neuen Veröffentlichungen: dem neuen Album von Technophonic Chamber Orchestra (“Sanatorium”), dem zweiten Lumiraum-Album mit Lukasz Trzcinski und dem Remix-Album von “Madame E.” mit internationalen Gästen.
Interview: U.S. & A.Kaudaht
Titelbild: Kiril Bikov
@ Bandcamp | YouTube | Soundcloud | Instagram | Facebook