CHRISTOPHER SLATSKY: The Immeasurable Corpse Of Nature

Gerade im angloamerikanischen Raum gibt es das Narrativ, dass das, was gemeinhin weird fiction genannt wird, in ein goldenes Zeitalter getreten sei und es eine Vielzahl von talentierten Autoren und Autorinnen und ambitionierte (Klein-)Verlage gebe. Das ist sicher zu einem großen Teil richtig, gleichzeitig hat man aber manchmal den Eindruck einer kleinen Szene, in der jeder jeden kennt und (deswegen) jedes noch so mediokre Buch als ein Meisterwerk (an-)gepriesen wird. Weiterlesen

COTITO: Hechicero

In vielen lateinamerikanischen Musikrichtungen spielt die Cajon, eine hölzerne Kastentrommel, auf der der Musiker sitzt, eine wichtige Rolle, sie kann je nach Ausrichtung die Funktion einer Basstrommel oder einer Snare übernehmen. Ursprünglich von Sklaven als provisorischer Ersatz für die verbotenen afrikanischen Trommeln aus Obstkisten gebaut, existieren sie heute in zahlreichen Varianten und wurden spätestens durch den Einsatz im spanischen Flamenco globalisiert. Weiterlesen

TERUYUKI KURIHARA: Frozen Dust

Man kann, wenn man um starke Worte nicht verlegen ist, die hallastig dröhnende Wucht, die sich in den ersten Minuten von “Frozen Dust” ihren Weg durch raues, verrauschtes Knistern bahnt, als infernalisch bezeichnen. Immer mehr steigert sich der orchestral anmutende Klangkörper in Fülle und Intensität, und wenn das eröffnende “Coin Trap” nach zwei Dritteln einen eruptiven Höhepunkt umgeht und stattdessen Weiterlesen

O YUKI CONJUGATE: Sleepwalker

Basierte das 2018 veröffentlichte Album „Tropic“  auf ursprünglich Mitte der 90er Jahre komponiertem Material, das später be- und überarbeitet wurde, handelt es sich bei „Sleepwalker“ um eine komplett neue Veröffentlichung. Aufgenommen während einiger Auftritte in den Jahren 2017 bis 2019, sind die auf „Sleepwalker“ enthaltenen Stücke Soundtrack des gleichnamigen Films (von Gründungsmitglied Andrew Hulme), über den es heißt, er habe eine „loose dream-like narrative“. Weiterlesen

CHRISTOPHE CLÉBARD: SSS

Christophe Clébard ist ein Fantom. Wenige wissen, wo er sich zur Zeit aufhält, Gerüchten zufolge soll es irgendwo in Belgien sein, wo er nach einem längeren Aufenthalt in Vancouver, Kanada, gesehen wurde. Er stammt aus Italien, und Christophe Clébard ist lediglich ein Pseudonym, eine Maske, die im Rollenspiel seiner Karriere zwischen Synth-Punk, Noise, Disco und sonstigen musikalischen Vehikeln irgendwann Projektnamen wie Onefuckone, Tucano oder Cobra Jaune abgelöst hat. Auch mit dem Weiterlesen

AIDAN BAKER / GARETH DAVIS: Invisible Cities II

Vor zwei Jahren machten sich der bekannte Gitarrendröhner Aidan Baker und der in Belgien lebende Klarinettist Gareth Davis an die musikalische Umsetzung von Italo Calvinos Roman “Die unsichtbaren Städte” aus dem Jahr 1972. Ohne textliche Referenzen wie Lyrics entstand durch meditative Drones und den orientalisch anmutenden Ornamenten der Bassklarinette eine eher vage Interpretation der semifantastischen Reiseerzählung um den Entdecker und Geschichtenerzähler Marco Polo, bei der einem auch ohne Textkenntnis nichts entging. “Invisible Cities” wurde ein ganz eigener, von der Ausgangsidee unabhängiger Kosmos, der sich Weiterlesen

KONRAD KRAFT: Oval

Seit den frühen 80ern ist Detlef Funder unter verschiedenen (Projekt-)Namen wie eben Konrad Kraft aktiv. Zuletzt veröffentlichte er auf dem Kölner Label Auf Abwegen zwei Alben („Temporary Audiosculptures And Artefacts“ und „Quadrat“). „Oval“ will verstanden werden als Fortsetzung der mit „Quadrat“ begonnenen Reihe. Die Basis waren bearbeitete „mangled and destroyed“ Feldaufnahmen, wie es von Labelseite heißt, und Kraft arbeitete mit einem modularen Synthesizer und mit zwei digitalen. Weiterlesen

MOONCHY / TOBIAS: Atmosfere

Wer “Atmosfere” auflegt und zumindest partiell mit dem bisherigen Werk von Pat Moonchy und Todd Tobias vertraut ist, könnte sich eine ganze Weile irritiert fühlen und fragen, ob er oder sie sich vielleicht im Plattenschrank vergriffen hat. Was einem da entgegenschallt, ist weit entfernt von schrillen Stimmexperimenten in kunstvollen Fantasiesprachen und von rauer, nach originellen Kontrasten kollagierter Psychedelik. Weiterlesen

INSTANT VOODOO: Extra Dust and Magic

Mit Instant Voodoo haben die beiden Macher von Kitchen Leg Records ein neues Projekt ins Leben gerufen, und auf ihrem Tape-Debüt “Extra Dust and Magic” scheint es fast, als wollten sie die besten Möglichkeiten analoger Musikproduktion – Tapeloops, improvisierte Elektronik, Sampling und verfremdeter Gesang – auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Ein Nenner, der hintersinnig, kraftvoll, magisch, extra staubig und pulsierend sein soll. Weiterlesen

OISEAUX-TEMPÊTE: From Somewhere Invisible

Wahrscheinlich können die französischen Sturmvögel, die zugleich passionierte Zugvögel sind, gar nicht anders als episch sein, doch im Vergleich zu den Vorgängeralben, die als großangelegte Konzeptwerke jeweils eine Reise ins östliche Mittelmeergebiet in Poesie und doomig angefolkten Postrock gossen, ist das in einem vagen, unsichtbaren Setting angesiedelte “From Somewhere Invisible”, das erneut mit einer Reihe an prominenten Gästen eingespielt wurde, doch um ein paar Stufen Weiterlesen

TRANSTILLA: II

Ein schwebendes Dröhnen im molligen Sound eines strömenden Harmoniums, viel farbiger als der Titel “Achrome” vermuten lässt – nie geradlinig in seiner Stoßrichtung, eher changierend mit kleinen unregelmäßigen Brüchen im Stil der Akkordeondrones auf DuChamps gefeiertem Album “Nar”. Ein Sound, der im Laufe der vierzehn Minuten heller, drängender wird und Raum für kratzige Störungen bildet, in denen sich dem feinsinnigen Ohr verwinkelte Gänge eröffnen. Soweit die Exposition Weiterlesen

V.A.: These Are Our Friends Too

Weibliche Genitalverstümmelung hat in einigen Ländern z.B. Ostafrikas, aber auch des Mittleren Ostens und Südostasiens eine lange Tradition, die historisch weit hinter den Siegeszug monotheistischer Religionen zurückreicht und trotzdem vielerorts noch heute praktiziert wird. Seit langem taucht das Thema immer wieder auch in westlichen Medien auf, läuft dabei aber stets Gefahr, zwischen ideologische Fronten zu geraten. Während manche das Thema für einen Kulturkampf mit nur notdürftig kaschierten xenophoben Untertönen zu instrumentalisieren suchen, schrecken andere aus vermeintlichem Weiterlesen

FOVEA HEX: The Salt Garden III

2019 findet die “The Salt Garden”-Trilogie mehr als zwei Jahre nach Veröffentlichung des zweiten Teils ihren Abschluss. Das Projekt von Clodagh Simonds – die (u.a. mit Mellow Candle) schon in den 60er Jahren Musik machte – kehrt mit „The Salt Garden“ wieder zur kleine(re)n Form der EPs zurück, mit der Fovea Hex in der zweiten Hälfte der 00er Jahre debütierte. Erneut beeindruckend ist die Konsistenz und Kohärenz dieser drei EPs.  Weiterlesen

MIGUEL FLORES: Lorca – Lost Tapes (1989-1991)

Taucht man etwas tiefer ein in die Geschichte der experimentellen Musik Perus, dann taucht neben Arturo Ruiz del Pozo, Manongo Mujica und Luis David Aguilar auch immer wieder der Name Miguel Flores auf. Ursprünglich vom Rock herkommend und Mitglied mehrerer Bands aus dem Großraum Lima wandte Flores sich Ende der 70er abstrakteren Soundscapes zu, von denen er ein riesiges Archiv anlegte, aus dem sich einige Konzertauftritte speisten. Weiterlesen

MATTEO UGGERI: The Next Wait

Zu den vielen Impulsen, eine künstlerische oder musikalische Arbeit zu erschaffen gehören – natürlich – auch persönliche Erfahrungen und intensiv erlebte Abschnitte der Biografie, auch wenn dies nicht immer bewusst vonstatten geht und zur Programmatik erhoben wird wie im Fall von Matteo Uggeri. Der Musiker, den viele unserer Leser von seiner Band Sparkle in Grey und deren Kollaboration mit Controlled Bleeding kennen, verarbeitet auf “The Next Wait” die Zeit unmittelbar vor Weiterlesen

RUFUS WAINWRIGHT: Come A Little Bit Closer 7″

Viele lernten den aus einer kanadischen Musikerfamilie stammenden und doch wie wenige andere Songwriter der heutigen Zeit das liberale New York verkörpernden Rufus Wainwright über seine beiden “Want”-Alben kennen und haben ihn daher als Mann der üppigen und zum Teil orchestralen Arrangements auf dem Schirm. Mit dem Album “Songs for Lulu”, bei dem er sich wie in einigen Konzerten ohne weitere Instrumentierung nur an Klavier und Gitarre begleitete, zeigte er ebenso ein Geschick für auf’s Wesentlichste reduzierte Settings. Weiterlesen

Stimmen aus Heterotopia. Interview mit Anna Linardou

Anna Linardou veröffentlichte vor einigen Monaten ihr erstes Soloalbum, das ganz im Zeichen der Heterotopie, des “anderen Ortes” steht – eines weiträumigen Bereichs alternativer Möglichkeiten, der oft im Rahmen kindlicher Fantasien erkundet wird und der doch weit mehr ist als ein irrationales Refugium. Das recht umfangreiche Repertoire der Sängerin und Stimm-Performerin reicht von kreativen Vokalexperimenten bis zu populären griechischen Kunstliedern, vielen Weiterlesen

SHALLOW WATERS: The Sleepwalkers

Inmitten der Transgression über alles liebenden Power Electronics-Szene situierte sich das aus der Lovecraft-Heimatstadt Providence kommende Duo Shallow Waters eindeutig in einem linken, anarchistischen Kontext. Ihr 2008 auf Hospital Productions erschienenes Langzeitdebüt „Equal Eyes“ präsentierte in Artwork und Texten die USA als Land, das noch immer von Jim Crow und dem Vietnamkrieg, dem vielleicht zusammen mit 9/11 noch immer größten Trauma der USA, geprägt war. Weiterlesen

DIE GEHIRNE: Ihre Großen Erfolge 1983-85

1986 veröffentlichten die Karl-Marx-Städter Claus Löser und Florian Merkel alias Die Gehirne ihre MC “Ihre Großen Erfolge 1983-85″ mit insgesamt 34 oft sehr kurzen, kratzig-rumpelnden, wütenden, morbiden, schalkhaft-skurrilen Art Punk-Hits aus den zurückliegenden Jahren, aufgenommen im Kinderzimmer und herausgebracht in 35er Auflage. Dies diente damals mehr dem Austausch mit anderen Musikern, doch unbedeutend waren die beiden, an deren Weiterlesen