AMUTE: Some Rest

Ganz gleich, an welcher Stelle von „Some Rest“ man die Plattennadel ansetzt, man wird immer Zeuge eines eigentümlichen Schauspiels: Die tiefen Saiten eines Cellos, abstrakte Dronescapes oder leicht verwaschener Gesang verströmen eine Ruhe, deren einlullende Besinnlichkeit regressiv anmuten würden, wären sie nicht von einer deutlich spürbaren Aura der Ernsthaftigkeit umgeben. Doch die Ruhe hat einen doppelten Boden. Weiterlesen

RAFAŁ KOŁACKI: Ā’zan. Hearing Ethiopia

Es gehört nicht nur ein gutes Ohr, sondern auch ein gutes Maß an Kunstfertigkeit dazu, die Seele eines Ortes, oder bescheidener ausgedrückt: das, was einen Ort ausmacht, anhand seiner Klänge wiederzugeben. Man sollte Realist sein beim Aufspüren und Auswählen von charakteristischen Geräuschen, doch durch und durch Musiker, wenn es darum geht, diese so zusammenzusetzen, dass sie ohne allzu viel Verfremdung mit ästhetischem Gewinn gehört werden. Es gibt zahlreiche Künstler, die – ethnographische oder sonstige – Feldaufnahmen zu ermüdenden Slideshows reihen. Rafał Kołacki, ein Weiterlesen

All that lives with us affects creativity. Interview mit Margenrot

Obwohl der Name Margenrot für eine recht opulente Form experimenteller Elektronik steht, bewahrt sich die Musik doch eine durchweg geheimnisvolle Aura – vielleicht weil die zahlreichen Samples und Sprachfetzen auf ihrem bisher einzigen Release “Zangezur” diffus und unverständlich bleiben, vielleicht aber auch, weil die Kombination ritueller, zum Teil noisiger Elektronik mit Themen der Geschichte des mittelalterlichen Armeniens ebenso ungewöhnlich anmutet wie das Weiterlesen

PEST MODERN: Rock’n'Roll Station

Pest Modern ist das gemeinsame Debüt des in Berlin lebenden Musikers Emmanuel Hubaut mit seinem Vater Joël Hubaut, der in der Welt der bildenden Kunst als ein ebensolches Enfant Terrible gilt wie der Sohn im queeren, Noise- und Goth-angehauchten Postpunk. Die Idee erwuchs aus einer gemeinsamen Coverversion des Klassikers „Rock’n'Roll Station“ von Jac Berrocal und Vince Taylor, dem schon Nurse With Wound ihren Tribut zollten. Das schrille, postapokalyptische Surfrock-Album, das dabei Weiterlesen

THOMAS LIGOTTI: The Bungalow House

1996 erschien The Nightmare Factory, eine Zusammenstellung der meisten Geschichten aus Thomas Ligottis Sammlungen Songs of a Dead Dreamer, Grimscribe und Noctuary (keine Berücksichtigung fanden die unter dem Titel The Agonizing Resurrection of Victor Frankenstein and Other Gothic Tales versammelten Vignetten). Es gab aber auch eine Sektion namens „Teatro Grottesco“, die eine Reihe neuer Kurzgeschichten versammelte, von denen sich viele mit Künstlern, mit der „artistic underworld“, wie es in der Titelgeschichte heißt, beschäftigten. Weiterlesen

COÀGUL / COMANDO SUZIE / ESCAMA SERRADA / Ô PARADIS: La Nueva Guardia

Musikalische Communities, die sich an einem bestimmten Ort, um ein Label oder innerhalb eines Freundeskreises herausbilden, sind eine interessante Sache, v.a. wenn sich bei all den dort entstehenden Erzeugnissen ein roter Faden finden lässt – mehr allerdings noch, wenn dieser Faden nicht in oberflächlichen Merkmalen wie Genrezugehörigkeit oder bestimmten inhaltlichen Schwerpunkten zu finden ist, sondern irgendwie vage und doch spürbar in der Luft liegt. Weiterlesen

THE SHNA: Fairytape

Ein stimmungsvoller Fingerstyle zu hypnotisch kreisenden Drumbeats, melodischer Gesang, untermalt von sägendem Lärm. Eine stark verfremdete Frauenstimme, stop and go, ragt aus dem Chaos eines kaum noch rhythmischen Gedresches. Federnder Groove, zu knarzbassig für schnöden Indierock. Dazu Texte, die immer wieder um Längen morbider und konfrontativer sind, als es die netten Songtitel – „Flowers“, „Loveletters“, „Fairytales“, „Starglide“ – suggerieren. Weiterlesen

TIMOTHY RENNER: Fallow

Timothy Renner hat neben zahlreichen Stone Breath-Veröffentlichungen (jüngst noch hier) immer wieder (teilweise unter leicht verschiedenen Namen) Soloalben veröffentlicht, die musikalisch sehr unterschiedlich ausgerichtet sein konnten: Vom Experimentellen hin zu selbstreflexiv betitelten „Primitive Recordings“ von Traditionals oder aber einer Tour de Force durch die verschiedensten Genres, die Renner sich im Laufe seiner Karriere zu eigen gemacht hat. Weiterlesen

OKKYUNG LEE: Cheol-Kkot-Sae (Steel.Flower.Bird)

Die Cellistin Okkyung Lee zog als Jugendliche von Südkorea in die USA, wo sie zunächst verschiedene westliche Musikarten studierte. Zugleich keimte in ihr dort erstmals, mit zunehmender Erfahrung in der klassischen Musik, im Jazz und in vielen experimentellen Richtungen, das Interesse an der traditionellen Musik ihres Landes, mit der sie während ihrer Kindheit nur wenig Berührung hatte. Es dauerte allerdings noch einige Jahre, bis sie sich in ihren eigenen Kompositionen an koreanische Musik heranwagte. Weiterlesen

ÀRNICA: Cabeza de Lobo

Unter den vielen Folk-Genrebegriffen, die in den letzten Jahrzehnten die Runde machten, tauchte irgendwann auch das Wort Ur-Folk auf. Wie all seine Pendants natürlich nur eine vage Kategorie, bezeichnet der Begriff eine Musik, die von schöngeistiger Romantik ebenso weit entfernt ist wie von Indie-Sanftmut, sich dabei aber auf subtile Art bei lärmiger Undergroundmusik bedient. Sicher ist Ur-Folk eine der “heidnischsten” Musikarten überhaupt, und in ihren oft derb klingenden Aufnahmen und den Performances nah am Re-Enactment lassen die Weiterlesen

JOHN RENBOURN: Live In Kyoto 1978

John Renbourn zählte in den 60er- und 70er Jahren nicht nur mit seiner Band Pentangle zu den großen Erneuerern des Folk, denn schon parallel zu den oft leicht jazzig angehauchten Arbeiten der Gruppe nahm er Soloalben mit Gitarre auf, mit denen er u.a. seinem Interesse an Alter Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock nachging. Sicher stellte das Ende der Band 1973 für ihn eine wichtige Zäsur dar – im Hinblick auf sein kreatives Output jedoch war es das definitiv nicht, denn ähnlich wie sein Kollege Bert Jansch stürzte er sich nun noch mehr in seine Soloabenteuer. Weiterlesen

ANDREW TUTTLE: s/t

Schaut man sich Andrew Tuttles Selbstbeschreibung an, so wird schnell deutlich, dass es um das Überschreiten von (vermeintlichen) Schwellen geht, um das Einreißen von (musikalisch-konzeptionellen) Grenzen, nämlich zwischen akustischen und elektronischen Instrumenten, zwischen Komposition und Improvisation, Folk und Elektronik. Weiterlesen

HEROIN IN TAHITI: Casilina Tapes 2010 – 2017

Heroin in Tahiti hatten zu Beginn ihrer Karriere einen unverkennbaren Stil, der sich wunderbar als Trademark eignete, nämlich eine ultraentschleunigte (und somit auch ultracoole) Doomversion einer an Link Wray erinnernden Sufmusik, vergleichbar mit dem, was diverse Darkjazzer eben mit dem Erbe von Miles Davis und anderen gemacht hatten. Dabei ist es aber keineswegs geblieben – zum Glück, denn Stile mit allzu originellem Wiedererkennungswert gerinnen schnell zum Klischee ihrer selbst und finden im schlimmsten Fall noch schnöde Nachahmer. Stattdessen wussten Weiterlesen

YONATAN GAT: Universalists

Über Yonatan Gat gibt es so viel zu sagen, dass man am besten gar nicht nach Vollständigkeit strebt, aber vielleicht sollte man zumindest erwähnen, dass er schon vor seiner Solokarriere berüchtigt und gefürchtet war, nämlich als Gitarrist der Garage Punk-Truppe Monotonix, die nach einigen Konzerten im Großraum Tel Aviv überall Hausverbot hatten, aus berechtigter Sorge der Venuebetreiber um ihr Mobiliar und die Unversehrtheit ihrer Besucher. Weiterlesen

SOTHIAC: Erebia Christi

Sothiac, das Sopran-, Bass-, Elektronik- und Gong-Duo aus dem lombardischen Imrov-Underground, serviert seinem Publikum keine leichte Kost, aber man kann ihnen zugute halten, dass sie die Hörer mit der gebotenen Zaghaftigkeit in ihren eigenwilligen Musikkosmos locken. Das erdige, warme Dröhnen, das „ON“, den langen Opener des aktuellen Albums „Erebia Christi“ eröffnet, ist von metallenem Rasseln und leisen Gong-Schlägen durchsetzt, doch alles wirkt zunächst stimmig und wahrt Harmonie. Erst mit der Zeit, mit Ansteigen der Dichte und Lautstärke, wird langsam klar, dass man es mit keiner Weiterlesen

BITCHIN BAJAS: Bajas Fresh

Greifbar sind sie eher weniger, die Ende des letzten Jahrzehnts im Großraum Chicago gegründeten Bitchin Bajas mit ihrem spacigen Sound, der trotz allem in erdigen Naturfarben tönt und alle möglichen musikalischen Beigaben von Folk über Exotica bis hin zu analogen Sythies zu integrieren weiß. Mit diesem Gebräu eignen sie sich perfekt als Kulisse unterschiedlicher Stimmen wie z.B. der von Will Oldham, mit der vor knapp zwei Jahren ein hierzulande wenig beachtetes Album namens Weiterlesen

ANGÈLE DAVID-GUILLOU: Mouvements Organiques

Bei manchen Kompositionen ist es erstaunlich, wie stark eine ungewohnte Instrumentierung oder ein Aufführungsort den Charakter einer Musik verändern können. Angèle David-Guillou stellte bisher in den zur Veröffentlichung bestimmten Arbeiten das Piano, zuletzt hochwertige Flügel ins Zentrum des Geschehens, doch wie viele Pianistinnen interessierte sie sich auch für die Orgel und spielte bereits an besonderen Orten wie der Londoner Union Chapel. Weiterlesen

IANNIS XENAKIS: Persepolis

Über den Entstehungskontext und die Erstaufführung von Iannis Xenakis’ elektroakustischer Komposition „Persepolis“ ist einiges geschrieben worden. Das knapp einstündige Werk basiert auf diversen 8-Spur-Tapes und wurde 1971 von Mohammed Reza Pahlevi, dem letzten Shah des Iran für das Shiraz Art Festival in den Ruinen der alten Hauptstadt Persepolis in Auftrag gegeben. In dieser Aufführung war es Teil einer Multimedia-Performance namens „Polytopes“ – „viele Räume“: Entsprechend der Topografie der Ruinen wurden Weiterlesen