BARTELLOW SAN GROUND SAN: Amanogawa

So umständlich und schwer einprägsam der Name der Formation ist, so entspannt und eingängig ist die Musik auf der vorliegenden EP “Amanogawa”, deren dunkler, warmer Basssound mit seinen smoothen elektronischen Rhythmen und den traumwandlerischen Melodien perfekt durch den Titel des Openers erfast wird: “Gekko No Odoriko” heißt soviel wie “Tänzer im Mondschein”. Trotz der kindlich monotonen Rasseln ist der nie ganz variationslose Takt fließend und erzeugt zusammen mit den Weiterlesen

IN GOWAN RING: Hazel Steps Through A Weathered Home

Im Werdegang von Sänger B’ee und In Gowan Ring markiert das erstmals 2002 erschienene “Hazel Steps Through A Weathered Home” eine Schnittstelle. Es war das letzte reguläre Album vor der Phase, in der B’ees zweites Projekt Birch Book im Zentrum stehen sollte. Stilistisch deutet es in einigen Punkten schon auf dieses Projekt und auf die späteren In Gowan Ring-Alben voraus. Zwar hatten die sanften Folksongs noch nichts von dem leichten Americana-Touch der folgenden Arbeiten, doch waren sie Weiterlesen

SABA ALIZADEH: Scattered Memories

Erinnerungen, die man als zersplittert und bruchstückhaft erlebt, sind selten so klar und eindringlich wie die Kompositionen, die der iranische Musiker Saba Alizadeh auf seinem ersten Soloalbum „Scatteted Memories“ zusammengestellt hat. Es handelt sich dabei um Nacharbeiten verschiedener Stücke, die er in den letzten Jahren komponiert und aufgeführt hat, und die so Teil eines ungeordneten musikalischen Erinnerungngsfundus sind. Weiterlesen

MAAT: The Next

Zu der in Hamburg lebenden Musikerin Dörte Marth könnte man so viele Hintergrundinformationen liefern, dass es den Rahmen einer Rezension sprengen würde. Vielleicht macht der Hinweis, dass ihr in den frühen 90ern aktives Projekt Maat nur eine Etappe in im Werdegang der Künstlerin darstellt, die seinerzeit im Dunstkreis von Dom Elchklang und HNAS unterwegs war und heute Teil von Female Pressure ist, Experimentalfans und Wave-Nostalgiker gleichermaßen neugierig. Womit auch gleich Weiterlesen

ANNA CALVI: Hunter

Mit „Hunter“ ist Anna Calvi ein energiegeladenes Album gelungen, doch es ist eine unruhige, suchende, drängende Kraft, die die neun Songs durchdringt. Calvi äußerte in vielen Statements der letzten Zeit ein Unbehagen bei der Gefahr, Erwartungen zu entsprechen, etwas sein zu müssen, auch hinsichtlich der Vorstellung, was weiblich oder männlich ist. Und ihre Sehnsucht, etwas jenseits dieser Klischees zu sein, ihren eigenen individuellen Stempel zu bekommen, fühlt sich für sie an wie eine Jagd. Weiterlesen

LUSTMORD: First Reformed (Extended Motion Picture Soundtrack)

Paul Schrader hatte lange vor seinem Erfolg als Drehbuchautor und Regissuer einen Text über das, was er den transzendentalen Stil im Film nannte, verfasst, eine Art von Film, der verglichen mit psychologischem Realismus “a spiritual state by means of austere camerawork, acting devoid of self-consciousness, and editing that avoids editorial comment “ illustriere. Jüngst ist dieser Text mit einer neuen Einleitung wiederveröffentlicht worden. Weiterlesen

TEMPLE MUSIC: Εποχές (Vol. lI)

Vor knapp zwei Jahren haben Temple Music bereits zwei Tracks, die auf rituellen Performances basierten, unter dem Titel “Εποχές”/”Epoxes” herausgebracht – Stücke, die ganz auf den jeweiligen Darbietungsort und die okkulten Implikationen des Zeitpunktes zugeschnitten waren und in ihrer musikalischen Gestalt ausladender und abstrakter ausgefallen sind als die meisten Aufnahmen, die man von ihren meist zwischen Psych Folk und Space Rock rangierenden Alben her kennt. Nach dem derben und Weiterlesen

PHAROAH CHROMIUM: Jean Genet Quatre Heures à Chatila

Auf den ersten Blick erinnert Shatila nicht unbedingt an ein Flüchtlingslager im Nahen Osten. Es stehen dort keine Zelte und Bretterbuden, sondern drei- bis vierstöckige, wenn auch windschiefe Häuser, und wenn es nur darauf ankäme, könnte man es für ein weiteres Stadtviertel in den südlichen Vororten Beiruts halten, in denen es, wie oft in Ballungszentren, immer noch innenstädtisch zugeht. Weiterlesen

JH1.FS3: Trials and Tribulations

Hinter dem scheinbar kryptischen Projektnamen verbergen sich Frederikke Hoffmeier, die als Puce Mary in den letzten Jahren dissonante Elektronik gespielt hat, und Jesse Sanes, der unter dem wagnerianischen Namen Liebestod ebenfalls gezeigt hat, dass er weiß, was atonal bedeutet. Als JH1.FS3 agieren die beiden weitaus weniger brachial, aber kaum weniger irritierend. Sie selbst sprechen davon, dass es um ein „cinema of the ear“ gehe und das ist vielleicht auch für das zweite Album der beiden nicht die schlechteste Beschreibung. Weiterlesen

AUDREY CHEN: Runt Vigor

Der Mund-, Nasen- und Rachenbereich ist eine Körperregion, die zahlreiche Geräusche produziert, und viele davon sind für das durchschnittliche Ohr weit weniger attraktiv als die vielleicht beliebtesten Äußerungen dieser Organe, das Singen und das Sprechen. Das leicht klebrige Geräusch von Lippen, die sich voneinander lösen, das noch nassere der Zunge, wenn sie den Gaumen kurz berührt, der Klang des Atems, wenn er in Keuchen, Hecheln oder Röcheln übergeht, oder wenn er durch die Weiterlesen

JULIA KENT: Temporal

Nach ihrem 2015 erschienenen Album “Asperities” hat Cellistin Julia Kent mehr als zuvor Musik zu verschiedenen Theater- und Tanzprojekten komponiert und im Livekontext aufgeführt – eine Erfahrung, die sie mehr als alles andere mit der Zerbrechlichkeit physischer Existenz konfrontiert hat. Im Unterschied zu ihr selbst als Musikerin, die immer wieder mit Cello und Weiterlesen

UNIVERSAL EYES / WOLF EYES: Two Civilized Centers

Auf Lower Floor Music wird dieses Split-Tape von Wolf Eyes, die nach dem Weggang des Gitarristen James Baljo nun als Duo aus John Olsen und Nate Young agieren, und Universal Eyes, dem inzwischen aus Aaron Dilloway, Gretchen Gonzales, Olson und Young bestehenden Projekt, veröffentlicht. Auch wenn die letzten Jahre von Wolf Eyes geprägt waren von einer klanglichen Reduktion und etwas weniger von Eruption und Brachialität, so war die auf den Tonträgern erzeugte Stimmung noch immer wenig optimistisch. Weiterlesen

V.A.: Anti-Mimesis

Das Andere Selbst operiert als Tape (and more)-Label seit etwa sechs Jahren im oft totgesagten DIY-Underground der deutschen Hauptstadt und ist das zweite Steckenpferd von Elia Buletti, der unter dem Namen Delmore FX kakophonisches der Marke „bedroom tribalism“ intoniert. Auf der vorliegenden Compilation, die für den ersten deutschen Cassette Store Day produziert wurde, versammeln sich ein Querschnitt der Künstler des Labels plus eine Reihe an befreundten bzw. ähnlich gearteten Musikern. Die Bandbgreite reicht von waghalsiger bis tanzbarer Elektronik über tribale Klangkollagen bis hin zu Weiterlesen

JEAN C. ROCHE: Birds of Venezuela

Unter Ornithologen, also Vogelkundlern, ist Jean C. Roché seit langem ein bekannter Name, gehen doch Aufnahmen zahlreicher Vogelstimmen aus mehreren Kontinenten auf die Arbeit des Franzosen zurück. Und die war ausgespochen arbeitsintensiv, denn es ist eine Sache, auf Forschungsreisen den Stimmen exotischer Vögel vor dem Hintergrund ihrer klanglichen Umgebung nachzuspüren, eine andere jedoch, die “Urheber” auszumachen und zu katalogisieren. Inwieweit solche Aufnahmen zu Forschungszwecken auch als Musik gelten können, ist eine Weiterlesen

SÍRIA: Cuspo

Manchmal entstehen umfangreiche Arbeiten aus kleinen Impulsen. Für Diana Combo, die Frau hinter dem Soundprojekt Síria und außerdem Sängerin, beginnt ihr Tape „Cuspo“ mit einem Auftrag. Ein Autor hatte sie gebeten, Patti Smiths „Gloria“ und einen eigenen Song für eine Theaterproduktion einzusingen. Während ihrer Suche nach passenden Stimmungen, Melodien und Texten entstand recht schnell ein ganzer Songzyklus, und als sie später vom Lissaboner Crónica-Label zu einem Auftritt eingeladen wurde, stand längst fest, dass das Material reif für ein Album war. Weiterlesen

TOMASZ BEDNARCZYK: Illustrations For Those Who

Mit seinem Händchen für sensible Klanggestaltung und schwermütige Melodien gilt Tomasz Bednarczyk seit seinen Anfängen vor fünfzehn Jahren als wichtiger Vorreiter der Welle an polnischen Ambient-Komponisten, die seit Jahren über Labels wie Idiosyncratic oder Zoharum vertrieben werden. Vor einigen Jahren jedoch hat Bednarczyk seine Fühler in andere Richtungen ausgestreckt und mehrere Technoacts ins Leben gerufen, zuletzt das recht erfolgreiche Projekt New Rome. “Illustrations For Those Who” ist sein Weiterlesen

TIMOTHY RENNER: Belsnickel

Zur Weihnachtszeit gab es schon des Öfteren spezielle Veröffentlichungen von Timothy Renner und vor Jahren hatte er das dronebasierte Album „SnowAngelsUndeathSong“ aufgenommen, welches er jetzt für „Belsnickel“, ein selbst so betiteltes „wintertime album“, überarbeitet und erweitert hat. Der Titel des Albums verweist auf den aus Süddeutschland („Pelzmärtel“) stammenden und von den Pennsylvania Dutch verwendeten Namen des vorweihnachtlichen Gabenbringers, der es bis in die amerikanische Version von The Office geschafft hat, Weiterlesen

V.A.: Girih. Iranian Sound Artists Volumes I – IV

Auf ganzen vier Tapes mit insgesamt zweiundvierzig Tracks präsentiert das Label Zabte Sote einen extensiven Einblick in die in unseren Breiten nur wenig bekannte, aber in den letzten Jahren zu beachtlicher Größe angewachsene experimentelle Musikszene Irans und ihrer Ableger im Rest der Welt, wo viele Iraner seit der Revolution Ende der 70er im Exil leben. Was jeden, der irgendein Faible für Noise, Soundart und experimentierfreudige Elektronik hat, beeindrucken muss, ist die große Bandbreite an kreativen Ansätzen, die diese lokale Community zu bieten hat. Weiterlesen

WALKER PHILLIPS: My Love Sunday

Plötzlich taucht scheinbar aus dem Nichts ein grandioses Album auf, das völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint: Walker Phillips schaut auf dem Cover als melancholischer Hippie so aus, als sei mit einer Zeitmaschine aus dem Haight- Ashbury der 60er gekommen – vielleicht hat er aber auch gerade bei Lord Summerisle vorbeigeschaut. Diese ganze Ambivalenz spiegelt sich auf „My Love Sunday“ wider, einem wunderschönen (Folk-)Album, auf dem sich Gegensätze sowohl innerhalb einzelner Stücke als auch zwischen den Songs zeigen (und vielleicht auflösen). Weiterlesen