TIMEMOTHEYE & THE SPECTRAL LIGHT: Grave Needs

In einem vor einiger Zeit veröffentlichten Interview sprach Timothy Renner davon, dass das Introspektive von Stone Breath, die Thematisierung von Spiritualität, langsam an einen Endpunkt komme, sich sein Schreiben verändere und er gab zu, dass die politischen Texte, die er mit seinem Crossoverprojekt Albatwitch schreibe, augenblicklich von ihm als „dringender” – vielleicht möchte man sagen “drängender” – empfunden würden. Weiterlesen

SOAPKILLS: The Best Of Soapkills

In einer der letzten Szenen in Jim Jarmushs „Only Lovers left Alive“ betreten die beiden Vampire Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) ein Lokal im Marrokanischen Tanger, in dem gerade ein kleines Konzert stattfindet. Was sie zu sehen und zu hören bekommen, ist nicht etwa Sir Richard Bishop bei der Präsentation seines neuen Albums, sondern eine charismatische Sängerin, die mit ihrer Band ein schwermütiges Lied auf Arabisch vorträgt. Wie sehr die beiden von der Austrahlung der jungen Frau beeindruckt sind, merkt man nicht nur an ihrer Mimik, denn Adam sagt nur sinngemäß, dass er hoffe, dass sie nicht allzu populär werden wird. Ob es ihm um die Weiterlesen

EXPLORING JEZEBEL: On A Business Trip To London

Hätte der Wire über dieses Dominick Fernow-Album berichtet, wenn es bei einem ordinären Industrial-Label, sagen wir Freak Animal erschienen wäre? Vielleicht sind Phänomene wie Blackest Ever Black ja ein interessantes Experiment, insofern sie die These belegen, dass für die Bildung und Veränderung eines Kulturkanons der Rahmen immer wichtiger ist als das Bild oder was sich sonst so an Inhalt in ihm befindet. Wie dem auch sei, Fernow ist als treibende und in den meisten Fällen auch einzige Kraft hinter Hospital Productions, Prurient, Vatican Shadow und manch anderem längst Weiterlesen

NICK GREY AND THE RANDOM ORCHESTRA: Breaker of Ships

Nick Grey hatte Mitte des letzten Jahrzehnts eine ganze Reihe an Platten herausgebracht, teilweise solo, teilweise bereits mit seinem Random Orchestra, teilweise aber auch in Zusammenarbeit mit wieder anderen Kollegen und stets bei undergroundigen Labels mit Sinn für verträumten, krautig angehauchten Folk. Nach einer mehrjährigen Pause, die relativ abrupt einsetzte, hat die Musikwelt den nun in Berlin lebenden Musiker seit etwa einem Jahr zurück, und es macht den Eindruck, als würde er mit diesem Neustart ganz neue Horizonte erkunden und dabei auch seinen Bekanntheitsradius merklich erweitern. Weiterlesen

SIEBEN: Lietuva

Es vergeht kein Jahr ohne ein oder mehrere Lebenszeichen von Matt Howden, dem Mann, der jahrelang die erste Geige des Neofolk spielte und sein Instrument nach allen Regeln und Regelbrüchen streicht, zupft, als Handdrum nutzt oder mit seinen Bartstoppeln kratzend in die Rassel eines Schamanen verwandelt. Mithilfe von Mikros, Sampling und Looptechnik entsteht im Handumdrehen der Sound einer ganzen Band, bei der Matt dann gleich noch die Rolle des Frontsängers übernimmt. Von seinem Hauptprojekt Sieben erscheinen in zuverlässiger Regelmäßigkeit opulente Alben, doch Kollaborationen und Neuinterpretationen gibt es Weiterlesen

I do not tolerate bitterness in my music. Interview mit Nick Grey

Falls es im Werk des Sängers und Gitarristen Nick Grey so etwas wie einen gemeinsamen Nenner gibt, dann dass nahezu alle wichtigen Bestandteile seiner Musik schwer zu greifen und doch seltsam vertraut sind. Da ist zum einen die mit seinem Random Orchestra eingespielte Musik, die er nicht zuletzt auch darum „Oblique Pop“ nennt, weil sie alle Genremuster sprengt – würde man sie auf den einfachen Gegensatz zwischen songhafter Akustik und experimentierfreundiger Elektronik reduzieren, so könnte man sie vielleicht irgendwo in dem weiten Feld zwischen Weiterlesen

IONOSPHERE: Nightscape

Schon in meiner Besprechung zu Sawakos „Nu.it“-Album schrieb ich, dass es wenig Musikarten gibt, die das Phänomen der Nacht so unmittelbar und quasi impressionistisch einzufangen wissen wie Ambient. Während die Japanerin die Nacht als ein verspieltes Abenteuerreich darstellte, in dem sich wohlige und unheimliche Stimmungen gegenüberstehen, bis alles wie in einem Film zum beruhigenden Finale kommt, erscheint die Nacht in „Nightscape“, dem dritten Longplayer des deutschen Projektes Ionosphere, wie ein unendlicher Raum, der nicht nur den Schlafenden scheinbar für immer in seine Dunkelheit zieht. Weiterlesen

MACELLERIA MOBILE DI MEZZANOTTE: Funeral Jazz

Macelleria Mobile di Mezzanotte, kurz MMM, ist wie eine Noireserie, die sich immer wieder fortsetzt, auch wenn man das nie erwartet, denn die einzelnen Folgen enden immer wieder in derart fataler Schwärze, dass der jeweilige Schluss allenfalls als Cliffhanger zu einem Nachruf taugt. MMM, das ist räudiger Dark Jazz mit Ambient-, Doom- und Noise-Zitaten und im Unterschied zu den ganzen Gebirgsformationen auf Denovali weit entfernt von jeder Entspannungsmusik. MMM, das ist auch die Geschichte abgeklärter Nihilisten in schäbigen Trenchcoats, die nur das Schattenspiel einer Jalousie von den geheimnisvollen Frauen trennt, die ungefähr so viel Skrupel kennen wie Weiterlesen

CONTROLLED BLEEDING & SPARKLE IN GREY: Perversions of the Aging Savant

Vergangenes Jahr konnte man auf der Facebook-Seite Controlled Bleedings einen Post von Paul Lemos lesen, in dem dieser das Ende der Band verkündete, zu frustriert schien er darüber zu sein, dass das Publikum die vielen musikalischen Ha(c)kenschläge nicht (mehr) mitzumachen schien. Kurz darauf verschwand dieser Post wieder und nun melden sich Controlled Bleeding mit einer Split-CD mit Sparkle In Grey zurück, auf der man den Eindruck hat, mit den hier versammelten Tracks wolle Lemos zeigen, dass er sich um Erwart(ungshalt)ungen und Kohärenz noch immer nicht schert. Weiterlesen

SQUADRA OMEGA: Altri Occhi Ci Guardano

Was haben John Fahey-Gitarren, krautiges Schrammeln, und spukige Giallosounds gemeinsam? Zunächst nicht viel, außer dass sie prinzipiell kombinierbar sind und in etwa der gleichen Zeit die Musikwelt aufmischten und die kompakten Strukturen der Populärkultur aufbrachen. Squadra Omega, ein norditalienisches Kollektiv von Instrumentalisten aus zahlreichen anderen Bands, hatten seit jeher ein Faible für die Musik der 60er und 70er, ohne sich je auf ein Genre oder einen griffigen Retrostil festzulegen. Auf ihrer neuen Doppel-LP legen sie eine Fährte durch einen Dickicht an Errungenschaften, die sie nicht bloß archiviert Weiterlesen

ERIK FRIEDLANDER: Illuminations. A Suite for Solo Cello

Vielleicht würde Erik Friedlander die Bedeutung von Konzepten in seiner Musik nicht allzu hoch ansetzen, dennoch spielen inhaltliche Sujets in seinen Aufnahmen eine große Rolle, beziehen sich doch zahlreiche seiner ohnehin zahlreichen Kompositionen, wenn sie nicht sowieso für Film oder Theater geschrieben sind, auf konkrete Ereignisse oder sind dem Andenken an ihm nahestehende Personen gewidmet. Bedenkt man dann noch die permanente Dynamik von Stimmungen und Spannungen, dann wundert es kaum, dass der New Yorker Cellist sich in erster Linie als Erzähler versteht. Weiterlesen

Searching for Subterranean Sounds. Interview mit Silvia und Andrea von Yerevan Tapes

Abgesehen von der ursprünglichen Bedeutung als Ettikett rangiert die Semantik des Begriffs “Label” zwischen Plattenfirma und Marke, und auch in weniger kommerziellen Nischen kann man viele Labels dahingehend unterscheiden, welche der beiden Bedeutungen ihnen eher entspricht. Zum einen gibt es die Labels, die innerhalb eines nicht allzu eng gefassten Spektrums eine gute Bandbreite an Acts verlegen, ohne dass es eine klar erkennbare Hausphilosophie und eine deutliche ästhetische Linie gäbe. Auf der anderen Seite Weiterlesen

PRINCE BUJU: We Are In The War

Manchmal sind es ganz einfache Dinge, die gesagt werden müssen, und manchmal will es der Zufall, dass diese einfachen Dinge einen doppelten Boden haben. „We are all in the war, singt Prince Buju in dem Song, der in seiner Heimat Ghana schon längst ein Hit ist und zum Aushängeschild seines Debütalbums wurde. Allerdings meint der Sänger und Saitendrescher einen viel umfassenderen Zustand des Gegeneinander- statt Miteinanderagierens, den die Menschen überwinden sollten. Auf niederländisch, der Sprache seines Verlegers und Protegees Arnold de Boer (The Ex), bedeutet Weiterlesen

ERIK FRIEDLANDER: Nothing on Earth

Der vor zwei Jahren fertiggestellte Film „Nothing on Earth“ ist die Dokumentation einer Dokumentation. Regisseur Mich Angus begleitete den Fotografen Murray Fredericks bei seiner Reise ins Innere Grönlands und filmte seine zum Teil gefahrvollen Anstrengungen, die schmilzende Eisdecke des gewaltigen Landes einzufangen. In der gut ausgewogenen Balance aus Bild und Ton ist der Film Making of und zugleich Kommentar. Weiterlesen

BABY DEE: I Am A Stick

Baby Dee hatte sich in den letzten Jahren – zumindest im Studio – stimmlich etwas zurückgenommen. War ihr letztes Album „Regifted Light“ zum Großteil instrumental, überließ sie auf „State of Grace“, ihrer Zusammenarbeit mit Little Annie, dieser weitgehend das Mikrofon, um schließlich, ganz unter Pseudonym versteckt (was vielleicht ein Grund dafür war, dass das Album kaum medialen Widerhall erfuhr), die Orgel spielte, während Eliot Bates seine Oud zupfte. Weiterlesen