Lass ein bisschen Raum für Magie. Ein Interview mit France de Griessen

France de Griessen ist eine Künstlerin, die ihre Arbeit nicht als Berufung im klassischen Sinn versteht, sondern als etwas, das von Anfang an da war – versteckt in den Nischen dessen, das man gemeinhin Persönlichkeit nennt und wartend auf den Moment des Durchbruchs und der Entfaltung. Auch im Titel ihres neuen Albums, das Anlass zu einem ausführlichen Gespräch gab, klingt dieses Durchbrechen und Lospreschen an, in den von Stimme, Gitarre und sorgsam eingesetzten weiteren Klangquellen geprägten Strukturen offenbart sich dies in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. In unserem Interview spricht sie weniger über Karriere oder Strategien als über Haltungen meditativer Präsenz und innere Notwendigkeiten, und in der Erwähnung anderer Musikerinnen und Musiker ist eine große Wertschätzung zu spüren. Früh geprägt von Figuren wie Sarah Bernhardt und fasziniert von der Möglichkeit, viele Leben zugleich zu denken, begreift sie künstlerische Praxis als Offenheit gegenüber Verwandlung und Ambivalenz. Musik erscheint ihr dabei nicht primär als Form der Mitteilung, sondern als Ritual, als Beschwörung, als ein Moment intensiver Präsenz. Immer wieder kommen Motive von Mehrdeutigkeit, aber auch von Zärtlichkeit und Widerstand zur Sprache. 

English Version

Da es in deutschsprachigen Ländern noch nicht viel über dich zu lesen gibt (wir arbeiten daran, das zu ändern), würdest du unseren Lesern ein paar Dinge über dich, deine Arbeit und deine Anfänge als multidisziplinärer Künstler erzählen? Gab es frühe Einflüsse, die deine künstlerische Motivation geweckt haben?

Danke!
Ich habe nie bewusst entschieden, Künstlerin zu werden. Schon in meiner Kindheit war mir klar, dass es meine Natur und mein Weg ist. Mit fünf oder sechs Jahren sah ich ein Buch, das mein Leben veränderte: Sarah Bernhardt, fotografiert von Nadar. Die Fotos zeigten sie in aufwendigen Bühnenkostümen. Sie war mal Frau, mal Mann, jung, alt oder irgendetwas dazwischen – es war ihr egal, ob die Rolle für eine Jungfrau, einen jungen Mann, einen Alten oder eine Femme Fatale geschrieben war: Wenn sie Hamlet spielen wollte, war das für sie irrelevant. Mir schien, als führe sie so viele verschiedene Leben in sich. Die wunderbare Tilda Swinton erinnert mich sehr an sie. Wenn es um Kreativität geht, frage ich mich nicht: „Kann ich das?“, sondern: „Wie kann ich das mit dem, was ich bin und was ich lernen kann, umsetzen?“

Du hast gerade dein viertes Album „Dawn Breakers“ veröffentlicht. Der Titel weckt poetische Assoziationen von Wandel und Transformation. Wann wusstest du, dass dieser Titel den Kern des Albums perfekt einfängt?

Als ich ihn sah! „Dawn Breakers“ stand auf dem Etikett eines Vintage-Shirts. Es war der perfekte Titel, nach dem ich gesucht hatte, um auszudrücken, worum es in diesem Album geht. Liebe zum Detail und Offenheit für das, was sie uns offenbaren können, gehören zum Künstlerdasein. Mein Motto lautet: „Lass ein bisschen Raum für Magie.“

Viele der Lieder wirken klanglich reduziert: Gitarre, Gesang, einige wenige andere Instrumente sparsam eingesetzt. Was ermöglicht dir diese formale Schlichtheit, das in opulenteren Arrangements verloren gegangen wäre?

Manchmal ist mehr mehr, manchmal weniger. Ich hatte das Bedürfnis, mich so auszudrücken, meine Seele in traumhafter Weise zu offenbaren. Die Lyrics und die Atmosphäre von Depeche Modes „Stripped“ haben mich schon immer inspiriert. Für mich verkörpern sie die Verbindung zwischen Nacktheit und Erotik, die über jedes Musikgenre hinausgeht.
Ich spiele Gitarre, weil man sie, wie Eric Clapton sagte, „wie einen Begleiter überallhin mitnehmen kann (…) sie ist zugleich ursprünglich und raffiniert“.

Du hast das Album mit einer Handvoll anderer Musiker aufgenommen. Kannst du diese kurz vorstellen und uns ein paar Dinge über eure Zusammenarbeit erzählen?

Nicht nur eine Handvoll.  :)
Da wären zum einen Cannonball Statman, der aus der New Yorker Antifolk-Szene stammt und weithin als „König des modernen Antifolk“ bezeichnet wird, obwohl seine Musik nicht ausschließlich diesem Genre zuzuordnen ist. Wir waren zusammen auf Tourn, und er lud mich ein, auf seinem Album zu singen und Instrumente zu spielen. Ein paar Monate später tat ich dasselbe. Es war eine sehr bereichernde Erfahrung. Musik ist künstlerische Harmonie und menschliche Verbindung. Lachen, Spaß haben und auch mal albern sein – besonders bei emotionaler Musik, die viel Konzentration erfordert – ist unerlässlich. Zum anderen ist da Nicolas Laureau (Prohibition, NLF3, R/A/D, Shane Aspegren / Nicolas Laureau / Jérôme Lorichon / Quentin Rollet Quartet, Don Nino…), der auf „High Strung Master“ Schlagzeug spielte. Prohibited Records wurde 1995 von Nicolas und seinem Bruder Fabrice Laureau gegründet. Ich fühle mich unglaublich geehrt und gesegnet, so großartige Künstler an Bord zu haben! Wir teilen viele Ideen, wenn es um Musik, Schönheit und die Schaffung bedeutungsvoller Kunst geht. Cannonball Statman ist auch Filmemacher und Dichter, Nicolas malt, dreht Videos und arbeitet viel als Grafikdesigner für Prohibited Records. Beide verstehen also einen interdisziplinären Ansatz und Lebensstil.
Ich möchte natürlich auch über Ben Scott Turner sprechen, der das Album in den Axe & Trap Studios aufgenommen und produziert hat. Ich habe ihn durch Cannonball kennengelernt, als er mich einlud, auf seinem Album zu singen und Instrumente zu spielen. Mir war sofort klar, dass er der Richtige für die Zusammenarbeit war – sowohl was sein Können und Talent als auch seine musikalischen Referenzen und seine Persönlichkeit angeht. Ich sage immer, er ist der englische Rick Rubin, denn er hat etwas an sich, das es ermöglicht, das Beste aus der eigenen Kreativität herauszuholen! Außerdem blühe ich in angespannten oder wettbewerbsorientierten Atmosphären nicht auf, und davon gab es hier nichts. Dadurch konnten wir viel erreichen und großartige Erinnerungen sammeln.

Du beschreibst deine Arbeit als eine Form von Ritual oder Beschwörung. Wo beginnt für dich der Übergang vom Gesang zur „magischen Formel“?

Ich zitiere Leonora Carrington: „Ich habe mich stets geweigert, diese wunderbare, geheimnisvolle Kraft in mir aufzugeben, die sich manifestiert, wenn ich in harmonischer Verbindung mit einem anderen inspirierten Wesen stehe.“ Musik ist meine Verbindung zu dieser geheimnisvollen Kraft und zu anderen inspirierten Wesen.

Die Aufnahmen entstanden in Somerset, England, in ländlicher Umgebung. Glaubst du, dass dieser Ort einen konkreten Einfluss auf die Lieder hatte, oder wirkte er sich eher subtil auf dein innere Verfassung während des Schreibens und Aufnehmens aus?

Ich habe die Lieder nicht in Somerset geschrieben. Die Aufnahmen dort hatten aber definitiv einen sehr positiven Einfluss. Ich fühlte mich emotional und körperlich stabil, was wunderbar war, da ich damit in meinem Leben oft zu kämpfen hatte. Es ist ein wunderschöner, bezaubernder Ort. Dort gibt es außerdem unglaublich knackige, saftige Äpfel und leckere Erdbeeren, die ich sehr genossen habe. Und viele vegane Restaurants, kleine Antiquitätenläden und lokale Geschäfte. Und die Natur ist natürlich atemberaubend!

Stimmen, Geister und innere Dialoge tauchen häufig in Ihren Texten auf, beispielsweise im Lied „July“. Wie unterscheiden Sie zwischen Fantasie, Erinnerung und etwas, das sich eher wie eine Botschaft aus einer transzendenten Welt anfühlt?

Das gelingt mir nicht immer sofort. Ich muss Worte und Situationen sich entwickeln lassen, um es zu verstehen. Manchmal ist das Dazwischen sehr schmerzhaft, als wäre ich für immer in der Dunkelheit gefangen. Ich handle und entscheide sehr instinktiv, oft jenseits der Logik und kann sie nicht durch diese Brille erklären. Manchmal dauert es eine Weile, bis sie Sinn ergeben, bis sie zu einer neuen, greifbaren Realität werden.

Manche Lieder wirken auf den ersten Blick sanft und besinnlich, und ich würde sagen, das ist definitiv ein wesentlicher Aspekt deiner Musik. Doch schnell merkt man, dass da auch etwas Drängendes, Kämpferisches, manchmal vielleicht sogar Dramatisches mitschwingt. Das zeigt sich besonders deutlich im Opener „Punch Me“, und ich denke da auch an die trotzige Kampfeslust in „You Can Keep“ oder die eindringliche und hypnotische Stimmung in „Where Have You Been, My Friend?“, trotz des Inhalts. Sind solche Ambivalenzen beabsichtigt, und wenn ja, was macht ihren besonderen Reiz für dich aus?

Ich bin tatsächlich sehr von Mehrdeutigkeit fasziniert. Von Zuständen, Gefühlen und Emotionen, die sich mit Worten allein weder beschreiben noch erklären lassen, oder die widersprüchlich erscheinen, obwohl sie in Wirklichkeit miteinander verwoben sind. Von Zärtlichkeit und Gewalt, von der Komplexität der Bindungen zwischen Lebewesen. Donovan sagt, seine Musik verkörpere das Konzept der „hoffnungsvollen Melancholie“. Er ist einer meiner Lieblingskünstler, und das berührt mich zutiefst.

Siehst kreative Tätigkeit auch als einen Akt der Selbstbehauptung (im nicht-egozentrischen Sinne) an, und falls ja, sind die im Zusammenhang mit dem Album erwähnten Einflüsse des Punk, die eine der Inspirationsquellen darstellen, auch eine Art Ventil für die Umsetzung dieser Ermächtigung?

So habe ich das noch nie betrachtet! Was ich sagen kann, ist, dass die Punkkultur großartige Ideen der Selbstakzeptanz und Selbstliebe für diejenigen mit sich brachte, die sich damit identifizieren: Mach die Dinge auf deine Art, mit dem, was du hast, und während du alle Schichten abstreifst, die nicht wirklich zu dir gehören, wirst du etwas erschaffen, das nur du erschaffen kannst.

Die Liner Notes des neuen Albums erwähnen eine Art Hyperpräsenz als Quelle des Lichts und des Ausdrucks. Wie würdest du diesen Zustand beschreiben und wie erreichst du ihn im Idealfall, z. B. beim Songwriting, im Studio oder auf der Bühne?

Es bedeutet, ganz im gegenwärtigen Moment präsent zu sein, verbunden mit sich selbst, der Umgebung und anderen. Es ist viel mehr als nur „Flow“. Es ist ein Zustand, den man aktiv und bewusst herbeiführen muss. Er hängt jedoch nicht allein von einem selbst ab. Umgebung, Umstände, das Leben … alles spielt eine Rolle. Ich glaube fest daran, dass sich unsere Welt mit unseren Perspektiven verändert, doch niemand ist allmächtig!

Du scheinst nicht zu den Künstlern zu gehören, die jedes Jahr ein neues Album und zwischendurch ein paar kleinere Veröffentlichungen herausbringen; stattdessen lässt du meist einige Jahre zwischen den Veröffentlichungen verstreichen. Genießt du diese gewisse Distanz zu deinen früheren Werken, eine Art Tabula-rasa-Situation, die es deiner Kunst ermöglicht, neu aufzublühen?

Es ist nicht beabsichtigt. Wenn ich könnte, würde ich mehr und öfter Musik veröffentlichen. Kunst bedeutet für mich, Emotionen zu transzendieren und basiert daher sowohl auf dem Leben als auch auf der Fantasie. Es geht nicht um Abgabetermine, sondern darum, was man zu sagen hat.

Das Cover-Artwork deines Albums „Saint Sebastien“ ist auf Discogs nicht verfügbar, zumindest nicht in unserem Land. Kannst du uns die Geschichte dahinter erzählen?

Das Cover von „Saint Sebastien“ ist eine wunderschöne, aussagekräftige Fotografie des französischen Fotografen Richard Dumas. „Saint Sebastien“ ist eine Sammlung von Liedern, inspiriert von meiner Leidenschaft für Giallo – ein italienisches Thriller-Genre, das Mitte der 1960er-Jahre entstand und Spannung, Horror und Erotik vereint – und von Sinnlichkeit als Mittel zur Überwindung von Schmerz. Daher auch der Albumtitel: Saint-Sebastien, halbnackt, ist an mehreren Stellen verwundet. Er strahlt eine erotische Kraft und eine magnetische Aura aus. Er ist verwundet, aber nicht machtlos. Als Richard mich fotografierte, erinnere ich mich, dass ich atmete, als ich spürte, wie das richtige Bild einfach „passierte“. Ein kleiner Teil meiner Brustwarze war auf dem Foto zu sehen. Es war genau der Ausdruck dessen. Richard ist Künstler, und ich sah dieses Bild als ein kraftvolles künstlerisches Statement. Mir kam nicht eine Sekunde in den Sinn, dass es online zensiert werden würde. Aber genau das ist passiert. In dieser unglaublich sexistischen Online-Welt ist es in Ordnung, Grausamkeit, Gewalt, Hass und männliche Brustwarzen darzustellen … aber weibliche Brustwarzen sind in der Kunstfotografie tabu. Die Welt braucht dringend mehr Liebe, und Kunst ist eine Form der Liebe.

Deine Referenzen reichen von Johnny Thunders bis Nico und, wie bereits erwähnt, Punk, von romantischer Lyrik bis zum klassischen italienischen Autorenkino. Wie fließen diese Inspirationen in deine eigene Bildsprache ein?

Wir sind ein Flickenteppich aus all dem, was wir lieben, nicht wahr? Wenn ich mir alles ansehe, womit ich mich verbunden fühle, weisen diese Dinge immer eines oder mehrere dieser Merkmale auf: Geheimnis, Zärtlichkeit, Erotik, Romantik, magischer Realismus – Kunst, die eine realistische Weltsicht präsentiert und gleichzeitig magische Elemente einfließen lässt und die Grenzen verwischt –, Spiritualität, Gewalt, Schönheit und Liebe. Alles, was die Fantasie anregt, kann poetisch sein. Ich finde auch in allem, was ich liebe, eine zeitlose Qualität, die nichts mit Trends zu tun hat. Ich interessiere mich nicht dafür. Das zu tun, was alle anderen tun, ist langweilig.

Vor nicht allzu langer Zeit hast du zusammen mit Pacôme Genty eine berührende Coverversion von John Prines „All the Best“ aufgenommen. Habt ihr jemals über weitere gemeinsame Projekte dieser Art nachgedacht?

Vielen Dank für eure positive Resonanz auf unser Cover!
Ich liebe es, mit anderen Künstlern zu singen, Musik zu machen und aufzunehmen. Es gibt viele, mit denen ich in Zukunft gerne zusammenarbeiten würde. Es muss aber auch künstlerisch harmonieren. Manchmal mögen beide Künstler die Musik des anderen, aber eine Zusammenarbeit funktioniert einfach nicht. Und manchmal passt es ganz natürlich und klappt sofort.

Wir waren sehr beeindruckt vom Kurzfilm zum Song „Blue Snow“. Was kann Film für dein Musik leisten, was Musik allein nicht kann?

Film ist eine Sprache, genau wie Musik. Es sind zwei unterschiedliche Sprachen, die einen bedeutungsvollen Dialog ermöglichen. Und dieser Dialog unterscheidet sich von Musik oder Film allein.

Du verstehst dich als interdisziplinäre Künstlerin und bewegst dich zwischen Musik, Bild, Text und Performance. Gibt es eine Kunstform, die für dich den Ausgangspunkt bildet, oder entstehen diese Komponenten in der Regel gleichzeitig?

Ganz gleich, wo man anfängt, die einzelnen Bestandteile verschmelzen am Ende immer auf die eine oder andere Weise. Das liegt in meiner Natur. Manchmal ist es schwierig, so zu sein; es ist Fluch und Segen zugleich.

Deine Lieder wirken intim und ausdrucksstark, persönlich und universell zugleich. Für wen schreibst du in erster Linie: für dich selbst, für jemand anderen oder für etwas, das über ein bestimmtes Publikum hinausgeht?

Diese Frage habe ich mir nie gestellt! Ich glaube, Musik und Kunst sind zum Teilen da, also würde ich sagen, sie trifft auf all das oben Genannte zu. Eines ist sicher: Je persönlicher wir sind, desto universeller wird es. Denn wenn wir das Bedürfnis loslassen, anderen zu gefallen und dazuzugehören, liegt hier unser wahres Menschsein. Die Art unseres Ausdrucks wird nicht jedem gefallen – wer es allen recht machen will, wird von niemandem wirklich geliebt –, aber für diejenigen, die sich damit verbunden fühlen, wird es universell sein.

Das mag eine Standardfrage sein, aber gibt es schon Ideen in der Entwicklung, auf die wir uns freuen können?

Ja, ich werde mit meinem Album auf Tournee gehen!
Vielen Dank für die Gelegenheit, so tolle Fragen zu meiner Arbeit zu beantworten. Ich bin dankbar für dieses schöne Gespräch.

Danke ebenfalls!

Interview: U.S., Fotos: Catherine James

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