NAM-KHAR: Antimon

Seit seiner Gründung vor gut anderthalb Jahrzehnten bewegt sich das hessische Kollektiv Nam-Khar, dessen tibetischer Name gerne mit Himmel übersetzt wird, in den Überlappungsbereichen von ambienter Ritualmusik und psychoakustischer Soundarbeit. Nach einer stark tantrisch buddhistisch geprägten Trilogie und einigen Kollaborationen widmet sich das Projekt auf dem neuen Album “Antimon” der Alchemie als innerer Arbeit, wie sie auch in den Schriften C.G. Jungs erforscht wird.

Bereits die Tracktitel verweisen unübersehbar auf einen alchemistischen Themenkomplex. Die Abfolge von Melanosis, Leukosis, Xanthosis, Iosis, Coniunctio, Lapis Philosophorum und Elixir lässt sich als Reise durch die verschiedenen Stadien innerer Läuterung und Integration lesen — von Auflösung und Konfrontation über Reinigung und Vereinigung bis hin zu einer niemals vollständig abgeschlossenen Form von Ganzwerdung. Die klassische Umwandlung unedler Metalle in Gold erscheint hier als Metapher für die Transformation fragmentierter Persönlichkeitsanteile und die bewusste Auseinandersetzung mit verdrängten psychischen Inhalten, die in Jungs Terminologie als Schatten benannt werden.

Klanglich setzt Nam-Khar diesen Prozess mit bemerkenswerter Konsequenz um. Analoge Drones, ritualhafte Strukturen und weit ausgreifende Ambientflächen verschmelzen mit pulsierenden Sequenzen und raueren elektronischen Texturen zu einem semiorganisch anmutenden Gefüge. Auffällig ist dabei, wie beweglich und dynamisch die Stücke angelegt sind. Kaum ein Klangzustand bleibt stabil; selbst ruhige Passagen wirken immer latent in Veränderung begriffen. Das eröffnende “Melanosis” beginnt mit einer vergleichsweise hellen, offenen Fläche, unter die sich nach und nach unterschiedlichste Geräuschebenen schieben: Knackern, Rattern, perkussive Impulse und kraftvolle Synthies erzeugen eine unterschwellige Spannung, die zum Thema der Nigredo-Phase passt. Die Musik bleibt griffig, aber zugleich fordernd, verweigert einfache Auflösungen und hält die Frage offen, wohin sich dieser Prozess entwickeln wird.

“Leukosis” öffnet anschließend einen deutlich lichtvolleren Raum. Die Elektronik entfaltet sich beinahe wie das langsame Aufgehen einer Blüte und breitet sich facettenreich im gesamten Klangbild aus. Doch auch hier bleibt eine gewisse Ambivalenz bestehen. Vereinzelte perkussive Einschläge und unterschwellige Reibungen machen deutlich, dass Reinigung hier nicht mit Harmonie oder einem idyllischen Zustand verwechselt wird. Mit “Xanthosis” tritt eine Phase relativer Ruhe ein, die Musik wirkt entspannt und kontemplativ. Organisch wirkende rhythmische Akzente verleihen dem Stück eine körperliche Qualität innerhalb des ansonsten stark elektronischen Klangbildes.

“Iosis” trägt Spuren unterschiedlicher elektronischer Avantgarden in sich und markiert einen ersten deutlichen Höhepunkt des Albums. Rauere, tiefere elektronische Wellenbewegungen treffen hier auf die lichten Synthies, wobei interessant ist, dass Nam-Khar die hellen Klangfarben nicht nur den “erlösenden” Passagen zuordnet, sondern sie immer wieder mit Dissonanz, Schwere und Reibung verknüpft. In “Coniunctio” verdichten sich die zuvor etablierten Elemente zu einer eindringlichen Form gegenseitiger Durchdringung, was dem Titel entspricht. Melancholisch wirkende Synthies erweitern das Bild dabei um eine entrückte, beinahe traumartige Qualität.

Das folgende “Lapis Philosophorum” wirkt dann wieder sperriger und unbequemer. Helle Glut, Hochfrequentes und Details an der Grenze zum Lärm überschreiten bewusst die Grenzen des Angenehmen, und auch darin liegt eine der Stärken des Albums: “Antimon” präsentiert Transformation nicht als linearen Aufstieg, sondern als widersprüchlichen, manchmal irritierenden Prozess. Das abschließende “Elixir” beginnt fast wie ein künstlicher Regen aus elektronischen Streicherflächen, entwickelt jedoch zunehmend eine schwere, beinahe infernalische Wucht. Auch hier bleibt die Musik in permanenter Bewegung und vermeidet jede endgültige Auflösung.

Gerade die Verbindung aus ritualhafter Atmosphäre, psychoanalytischem Unterbau und klanglicher Beweglichkeit macht das Album zu einer der bislang überzeugendsten Arbeiten von Nam-Khar und zu einer interessanten musikalischen Auseinandersetzung mit Alchemie, die sich neben der “Magnum Opus Collectio”-Serie des Undogmatisch-Labels sehen und hören lassen kann. durch seine Verfasstheit funktioniert “Antimon” aber nicht bloß als Konzeptalbum über Transformation, sondern vollzieht Transformation im Medium des Klangs selbst nach.