Nachdem der in der amerikanischen Apallachenregion beheimatete Experimentalfolker Blake Hornsby auf dem vor rund zwei Jahren erschienenen “A Village Of Many Springs” noch stärker dem Raga und dem Erbe von Gitarristen wie John Fahey frönte, bewegt er sich auf “Brugmansia” noch tiefer hinein in jene eigentümliche Zone eines sogenannten Freak Folk, in welcher akustische Instrumentierung, psychedelische Improvisation, Naturklänge und östlich inspirierte Klangwelten ineinander übergehen. Sitar, Fingerpicking-Gitarre, Tabla, Streicher, Flöten, Drones und allerlei ungewöhnliche Klangquellen bilden dabei kein folkloristisches Dekor, sondern das Material für eine Musik, die zugleich erdig, entrückt und ausgesprochen unberechenbar wirkt.
Schon das eröffnende “Solanaceae” führt mitten in diese Welt: Wasser rauscht, Wind bewegt sich durch eine offenbar üppige Vegetation, exotisch anmutende Vögel krächzen und zwitschern, dazu gesellen sich Flöten und kaum identifizierbare Zupf- und Reibegeräusche. Alles klingt unmittelbar, verrauscht und ungeschönt. Der Titel verweist auf eine Familie der Nachtschattengewächse und erweist sich als durchaus programmatisch, denn mit “Brugmansia”, der Engelstrompete, steht schließlich eine ebenso giftige wie halluzinogene Pflanze im Zentrum des Albums: Schönheit und Gefahr, Natur und Bewusstseinsveränderung liegen auch hier eng beieinander.
Besonders eindrucksvoll ist “The Child & the Crow”, das mit einer vermutlich gesampleten Stimme beginnt, die über die Beziehung von Klang und Stille spricht, während Krähen im Hintergrund antworten. Danach bricht ekstatisches Trommeln herein, Sitarklänge und Hornsbys entrückter Gesang folgen. Stimmen, Saitenornamente und Naturgeräusche tauchen auf und verschwinden wieder, Tempo und Richtung verändern sich mehrfach. Das Stück wirkt wie eine kleine Initiation in die Logik des Albums: Alles kann zum musikalischen Ereignis werden, und nichts muss dort bleiben, wo es zunächst verortet wurde. Auch “The Singing Bells of Chimes” entwickelt aus einer wabernden, schwer zu bestimmenden Dröhnung heraus eine erstaunlich körperliche Szenerie. Glocken, Maultrommel und fein verteilte Geräuschpartikel bewegen sich um Hornsbys langsam voranschreitenden, kernigen Gesang. Man meint beinahe, den Sandelholzduft dieser imaginären Landschaft wahrzunehmen. Im Titeltrack wird diese Atmosphäre rauer und verdichteter: Kratzende, verrauschte Drones, geheimnisvolles Rumoren, Stimmen wie aus einem alten Radio und zeitrafferartig vorbeihuschende Geräusche bilden zunächst ein chaotisches Gefüge, aus dem sich allmählich melodischere Formen herauslösen.
Mit dem synästhetisch betitelten “A Song for Our Eyes to Hear” zeigt Hornsby dann seine vielleicht zugänglichste Seite. Ein wunderschönes Gitarrenpicking trägt den wehmütigen Gesang, poetische Worte erzählen von einer ersten Zigarette und öffnen sich weiteren Gedanken. Es ist vielleicht der deutlichste Folksong des Albums, doch selbst hier bleibt die eigentümliche Atmosphäre erhalten. Noch stärker verschränkt “While Lying in a Field of Datura Stramonium” Schönheit und Verstörung: Rückwärts laufende Gesangsspuren, metallisches Klappern und atonale Einsprengsel treffen auf zunehmend folkige Melodien. Irgendwann verliert man dabei tatsächlich ein wenig den festen Boden unter den Füßen.
Das achtminütige “Rishikesh” ist schließlich ein besonders schönes Beispiel für Hornsbys Fähigkeit, unterschiedliche musikalische Herkunftslinien miteinander zu verbinden. Melancholisches Gitarrenpicking trifft auf Handperkussion und indisch gefärbte Instrumentalklänge. Der Gesang besitzt dabei etwas archaisch-entrücktes, das mich an In Gowan Ring denken lässt. Im weiteren Verlauf verdichtet sich das Stück, die Percussion beschleunigt sich, Drones kreisen und kleine Eruptionen in Hornsbys Stimme lassen aus der zunächst melancholischen Szenerie einen ekstatischen Tanz entstehen. Der Titel verweist auf die nordindische Stadt Rishikesh, die als bedeutendes Zentrum von Yoga und spiritueller Praxis bekannt ist. Zum Abschluss kehrt “Eaecanalos” zu den rauschenden Naturklängen des Beginns zurück. Liest man den Titel rückwärts, dann wird klar, dass sich hier ein Kreis konsequent schließt. Grillen oder Zikaden, Vögel, Wind und andere kaum bestimmbare Geräusche erscheinen noch einmal, doch nach der Reise durch das Album hört man sie anders. Was am Anfang noch eher wie eine fremde, zu erkundende Klangkulisse wirkte, ist nun zu einer vertrauten Landschaft geworden.
“Brugmansia” ist damit ein ausgesprochen gelungenes Album für alle, die Folk nicht als statische Stilform verstehen. Hornsby verbindet die musikalische Vorstellungskraft des Acid Folk in den Traditionen des 20. Jahrhunderts mit indischen Klangtraditionen und einer geradezu alchemistischen Freude am Geräusch. Das Ergebnis ist schön und beunruhigend, organisch und fremdartig, manchmal meditativ, dann wieder ekstatisch. Vor allem aber besitzt diese Musik das seltene Gefühl, nicht einfach eine Atmosphäre abzubilden, sondern tatsächlich einen Ort zu öffnen, den man für die Dauer des Albums betreten kann. (U.S.)