LILI REFRAIN: 9

LILI REFRAIN ist eine junge römische Gitarristin und Sängerin, die bisher vor allem im eigenen Land von sich reden machte. Vor rund zwei Jahren erschien ein schlicht „Lili Refrain“ betiteltes Debütalbum auf CDr, das die Künstlerin wohl ohne weitere Unterstützung aufnahm, und das erwartungsgemäß in unseren Breiten kaum beachtet wurde.

Auch an mir ging die Scheibe bislang vorbei, wobei mich die Informationen, die ich später bei ihrem Label bekam, schon neugierig machten – dort ist von Lilis ersten Stimmexperimenten im Rahmen sakraler Musik die Rede, von energiegeladener psychedelischer Gitarrenarbeit, von hypnotischen Loops und pastoralen Ruhephasen. Von Einflüssen, die von GYÖRGY LIGETI bis zu 70er-Jahre Rock und Metal reichen. Zu guter Letzt wird ihre Musik noch, zugegebenermaßen etwas schematisierend, als Drone-Metal-Variante vom Folksound der ESPERS beworben. Das ist natürlich alles in allem eine hohe Messlatte für ihre erste reguläre CD, die nach der Zahl der Musen schlicht „9“ betitelt ist und vor wenigen Wochen beim Label TRIPS UND TRÄUME in Koproduktion mit THREE LEGGED CAT erschien. Dabei handelt es sich erneut um eine Soloarbeit, Lili wartet diesmal mit „Guitars, Voices, Bow on Steel & Bass“ auf und bringt ein Werk zustande, das, um es vorweg zu nehmen, ungemein kraftvoll ausgefallen ist und wie die ausgereifte Arbeit einer routinierten Band wirkt.

Die Platte ist in drei Abschnitte mit je drei Song gegliedert, die das ganze in einen ritualistischen Kontext setzen oder zumindest einen derartigen Eindruck erwecken – der erste Abschnitt ist mit „Invocazione“ (Beschwörung) überschrieben. Der Opener „Incipit (Number 9)“ beginnt wie alle Stücke des Albums mit dem Buchstaben „I“, dem neunten Laut des Alphabets, und bietet ein  erwartungsvoll stimmendes Ambient-Intro. Schon kurz nach dem Auftakt ergreift eine zurückhaltende Stimme das Wort, doch den Großteil des akustischen Raumes nimmt eine hypnotisch wirkende Klangfläche ein, die, gleichwohl elektronisch bearbeitet, weit mehr ist als alles, was ein abgewirtschafteter Begriff wie „Dark Ambient“ suggerieren mag. Im weiteren Verlauf ergänzt Lili das Klangbild durch deutlicher zu erkennenden Gesang, der klassisch anmutet – was für den Unkundigen zunächst für Italienisch gehalten werden mag, entpuppt ich als Schall und Wahn, als verhalten ekstatische Feier der Lautmalerei. Schon bei diesem Intro basiert alles auf musikalischen Prinzipien wie Loop, Variation und Steigerung, was im Verlauf beibehalten wird. Auch kleine Rockzitate klingen bereits an. Der zweite Song, „Ipnotica (Desertsnake Ballad)“, beginnt zunächst recht zaghaft mit dezentem aber eindringlichem Finger Picking beinahe im MICHAEL CASHMORE-Stil (und der Vergleich ist nicht willkürlich gewählt). Stufenweise verwandelt der Song sich aber in den nächsten Minuten in ein Stück ekstatisch aufpeitschenden Desert Folks, der durch die lautmalerischen Vocals, die auf der ganzen CD nur selten in Textvortrag herkömmlicher Art übergehen, an Kraft und Entrücktheit noch gewinnt. Der Titel dieses frühen Höhepunktes ist hier Programm, denn der Song ist in der Tat hypnotisch und beschwört eine fesselnde Geisterstadtatmosphäre herauf, die natürlich auch irgendwie italienisch ist, wenn man an den Italo-Western denkt. Auch andere Stücke beginnen zunächst sparsam und repetitiv. „Imitatio“ erinnert mit einer sich einprägenden Skala an Tönen an die so genannte Minimal Music. Gitarren kommen hinzu, zunächst Soli mit einschmeichelnden Melodien, dann wird das Spiel verzerrter, krachiger, alles mündet in Rock, der jedoch völlig neu kontextualisiert erscheint. Nachdem der Song sich erst einmal richtig aufgebaut hat, ist er ein großartiges Beispiel an Fülle und Intensität.

Der zweite Teil trägt den Titel „Iniziazione“ und beginnt mit dem Stück „Insultura (On Trembling Earth)“, welches dann endgültig die rockige Seite von Lilis Kunst repräsentiert. Es gibt recht bald BLACK SABBATH-artige Stoner-Riffs, allerdings wartet der Hörer unter Umständen vergebens auf Drumeinsatz oder bekannte Strukturen wie das gängige Schema von Strophen und Refrain. Doch bei dem keinesfalls improvisiert wirkenden Fragmentcharakter des Songs hat man nicht im Mindesten das Gefühl, das etwas fehlen würde, im Gegenteil wird auch hier wieder Fülle geboten, denn dem Titel entsprechend zittert die Erde wirklich wie unter einer Naturgewalt, die sich nur langsam wieder beruhigt und einige kleine Nachbeben nach sich zieht. Ich möchte jetzt nicht auf alle Stücke des Albums eingehen, obwohl hier eine große Vielfalt vorliegt, mit der man sich ausgiebig befassen könnte. Es wiederholen sich folkige Improvisationsfeuer auf der akustischen Gitarre, Stücke, die an slawische Volkstänze erinnern, oder Passagen, die von opernhaften Echolalien geprägt sind und (als vielleicht am ehesten italienische Parts) Assoziationen zu Arien bei Monteverdi und Cavalli wecken. Dabei ist die Struktur nicht nur von Wiederholung und Variation geprägt, sondern auch von sprunghaften Brüchen, bei denen ein Stück schon mal komplett seine Richtung wechseln kann und entweder in ein hörspielartiges Sample, in ein rhythmisches Gewitter (Man vergleiche auch den entsprechenden Untertitel „Compulsive Techno Massacre“.) oder in das kunstvoll eingewobene Kinderlied „Fra. Martino“ (Bruder Jakob) mündet, bei dem Lilis verfremdete Stimme ganz kurz wie ein  Kinderchor erklingt.

Was nach dem Ende des „Incantesimo“ betitelten dritten Teiles bleibt, ist der Eindruck eines sehr kraftvollen Albums, bei dem Kategorien wie die schon angeführten Begriffe Psychedelic, Stonerrock und Minimal Music zu kurz greifen, obwohl die Musik ihrer durchaus würdig ist. Denn sagen wir’s ehrlich – seit Jahren schmückt sich jede zweite Akustikcombo, die ein bisschen mehr macht als biederes Akkordeschrammeln, mit dem Begriffsfetisch „Psychedelic“, und selbst da, wo es dann ein bisschen dröhnender zugeht, wird einem meist Entspannungsmusik geboten. Das ist hier keineswegs der Fall, Refrains Songs treten in alle Ärsche und sind so vielgestaltig wie ein spontanes Jam zwischen DIAMANDA GALÁS, ERNESTO TOMASINI, SIX ORGANS OF ADMITTANCE und ELECTRIC WIZARD, irgendwo in der Wüste von New Mexico. Ich geb’s zu, ich konnte nicht widerstehen, eine italienische Review durch den Babelfish zu jagen. Zwischen dem informativen Kauderwelsch um Südliche Herren und Postfelsen, das ich erwartungsgemäß ausgespuckt bekam, fand sich auch dieser in seiner Einfachheit rührende Satz, der viel mehr sagt als alle Verquastheiten über Semiotik, die man hier anschließen könnte: „Sie ist ein Gitarrenspieler, und sie lässt gern die Gitarre erklingen!“ Hoffen wir, dass das so bleibt. (U.S.)