THE EX: If Your Mirror Breaks

Die legendären The Ex, ursprünglich und unüberhörbar vom Punk kommend, sind seit jeher für ihren liebevoll-respektlosen Umgang mit Genreerwartungen bekannt, außerdem sind sie in ihren Songs grandiose Geschichtenerzähler. Ihr neues Album “If Your Mirror Breaks” stellt, anknüpfend an den Vorgänger “27 Passports”, beides, v.a. das zuletzt genannte, noch einmal besonders unter Beweis und lässt in seiner üppigen Farbepracht außer Langeweile nichts vermissen. Drei Gitarren, ein Schlagzeug und mehrstimmiger Gesang arbeiten mit einer ungestümen, doch hochpräzisen Energie, die Dringlichkeit, Kreativität und ein ungebrochenes Gespür für das Spannungsfeld zwischen Chaos und Struktur offenbart.

Der Auftakt “Beat Beat Drums” lässt keinen Zweifel daran, dass die niederländische Band, deren Wurzeln tief in der Anarchoszene der Achtziger stecken, nichts an Schärfe eingebüßt hat. Ein sperriger Rhythmus, der zu beginn überraschenderweise (und für den Rezensenten vermutlich zunächst abschreckenderweise, wäre der nicht längst vertraut mit den Eskapaden der Band) an Nu Metal erinnert, gibt den Ton an, wird dann aber von treibenden Snares aufgefangen. Der Gesang wechselt von kämpferischen Shouts zu melodischeren Passagen, während die Gitarren sich zunehmend in noisige Verzerrung und sirenenhafte Soli auflösen. Es ist ein Stück, das die Intensität der des Albums bereits zu Beginn direkt auf die Spitze treibt. Mit “Monday Song” folgt ein Kontrast, ein getragenes, vergleichsweise melancholisches Stück, das viel Raum für Reflexion lässt. Der Text evoziert Bilder von aufsteigenden Geistern und bedrohlicher Weite, während der Gesang eine eigentümliche, fast entrückte Dringlichkeit vermittelt. Auch “The Evidence” schlägt eine erneut andere Richtung ein: Hier dominiert ein rauer, bluesrockiger Einschlag mit einer rohen, beinahe exzessiven Energie.

“Spider and Fly” beginnt leichtfüßig, fast verspielt mit entspannten Drums, wird aber durch die markanten Gitarren und den fast rezitativen Gesang geerdet. Der Text zeichnet eine surreale, zugleich allegorische Szene: eine Spinne, die Netze spinnt, Wände, die flüstern. Es ist ein Stück, das mit seiner ruhigen Eindringlichkeit eine hypnotische Wirkung entfaltet. Besonders herausragend ist “Circuit Breaker”, das sich mit knarrenden Gitarren und einer verspielt-hölzernen Drumarbeit in die Gehörgänge bohrt und klopft. Der Gesang setzt erst spät ein und entwickelt sich zu einer Art Mantra, das sich um die (gesellschaftsbezogene?) Frage dreht, was alles in uns verborgen bleiben sollte.
Auf der zweiten Seite des Albums markiert “Wheel” einen Höhepunkt. Der von Katherina Bornefeld geschriebene und gesungene Track entfaltet mit seinem zyklischen Motiv, seinen folkigen Rasseln und der feierlich-ernsten Atmosphäre eine faszinierende Tiefe. Die Struktur und der Gesang erinnern an das legendäre britische Folkrevival und Bands wie Pentangle und Steeleye Span, die Gitarrenbasis bleibt jedoch unverkennbar im klanglichen Universum von The Ex verankert. Thematisch kreist das Stück um Unbeständigkeit und Wandlung, um den Zerfall alter Strukturen und den Drang nach Erneuerung. “The Loss” schaltet wieder in den drängenden, hämmernden Modus um: Der eigenwillige Takt und die aggressiven Shouts von Arnold de Boer treiben das Stück voran. “In The Rain” beginnt scheinbar ruhig, doch bald kippt die Stimmung. Die Gitarre sägt, der Rhythmus wird hektisch und schafft eine Unruhe, die perfekt mit den assoziativen, bissigen Textbildern harmoniert.

Mit “The Apartment Block” und “Great!” findet das Album seinen Abschluss. Ersteres ist beinahe instrumental, verspielt und kraftvoll zugleich, während das finale Stück mit quirliger Energie und lakonischem Humor endet und so dem Album einen mehr als adäquaten Schlusspunkt gibt. “If Your Mirror Breaks” wirkt, so kann man schon nach einem Hördurchgang konstatieren, auf mehreren Ebenen: Die bandtypische Mischung aus eruptiven, ruppigen Momenten und unerwarteten, fast elegischen Passagen lässt eine Spannung entstehen, die stets unaufgelöst bleibt, und ein politischer oder meinetwegen gesellschaftlicher Subtext schwingt immer mit, ohne sich je aufzudrängen.

Ein mehr als genießbares Album also, dem man sich am besten ohne die gängigen Erwartungen annähert. (U.S.)

Label: Ex Records