SANAM: Sametou Sawtan

Verlust, Entfremdung und die Suche nach Verankerung prägen die Texte wie auch den Klang auf “Sametou Sawtan”, dem zweiten Longplayer des furiosen libanesischen Sextetts SANAM. Der arabische Titel bedeutet im Deutschen “Ich hörte eine Stimme” – eine Formulierung, die offenlässt, ob sie etwas Vertrautes oder etwas Unheimliches bezeichnet, und ob die Vergangenheitsform vielleicht mit einer gewissen Wehmut auf einen zurückliegenden Endpunkt verweist. Diese Spannung zieht sich durch das ganze Album, das zugleich fest im östlichen Mittelmeerraum verwurzelt und offen für überregionale Avantgarde-Formen ist. Nach ihrem Debüt “Aykathani Malakon” zeigen sich SANAM hier noch konsequenter in ihrer Hybridität: Psychedelic, Krautrock, Improvisation, Jazz, arabische und persische Dichtung und elektronische Texturen verbinden sich mit traditionellen Liedern zu einer Musik, die gleichermaßen historisch reflektiert und gegenwärtig klingt.

Sängerin Sandy Chamoun, die gemeinsam mit Antonio Hajj (Bass), Farah Kaddour (Buzuq), Anthony Sahyoun (Gitarre, Synthesizer), Pascal Semerdjian (Schlagzeug) und Marwan Tohme (Gitarre) das Album prägt, erklärt die Verankerung der Musik und der Texte besonders im Gefühl des Verlusts in einer Zeit zunehmender Migration aus dem Libanon: “Seit etwa fünf Jahren fühlt es sich an, als würde jeder den Libanon verlassen. Das Album handelt nicht buchstäblich davon, dass alle gehen – aber von der Vorstellung, dass etwas dich verlässt”. In diesm Zusammenhang verarbeitet die Band ein Lebensgefühl, das von Verwurzelung ebenso wie von Entfremdung geprägt ist.

Vielleicht kann man dieses ambivalente Lebensgefühl auch mit der ambitionierten Suche nach den unterschiedlichsten musikalischen Ausdrucksformen verbinden, die man hier fast wie in Echtzeit zu verfolgen meint – mehr noch allerdings in dem stets gleichzeitigen Vorhandensein von Sensibilität und Energie, von Souveränität und Verwundbarkeit. Schon das eröffnende “Harik” verdeutlicht diese doppelte Intensität: ein Stück voller eruptiver Drums und verzerrter Elektronik, in das Chamouns Stimme zwischen atemloser Dringlichkeit und kraftvoller, fast liturgischer Ruhe eingreift. Sie beschreibt den Text als ein Feuer, das ohne Treibstoff brennt. Hier treten erstmals die Kontraste hervor, die sich durch das ganze Album ziehen: Kontrollierte Wucht und offene Form, ritualhaftes Kreisen und eruptive Ausbrüche. Ganz anders beginnt “Goblin”: ruhiger, gesetzter, nocturnal, melancholisch. Chamouns hallunterlegte Stimme trägt eine hymnische Weise, während Kanun, Buzuq und zischelnde Becken nach und nach eine spannungsvolle, fast cinematische Atmosphäre entstehen lassen. Der Song ist einer der Höhepunkte des Albums.

“Habibon” beginnt mit glissandierenden Hochtönern, über denen Jazzbesen und tiefes Saitenspiel einen lockeren Groove entstehen lassen. Gitarreneinsätze und ornamentaler Gesang – feinsinnig und oich zu kraftvoll, um im engeren Sinne sanft zu sein - lassen das Bild einer nächtlichen Fahrt in einem wehmütig abgeklärten Roadmovie entstehen. Hochtönende Tupfer und augenzwinkernd aus der popkulturellen Traditionskiste gezogene Gitarrentwangs kommentieren den Song wie der Chor den Dialog in einem griechischen Drama, bis Chamoun den Titel plötzlich hinausschreit und dem bislang etwas schlafwandlerischen Stück eine ganz neue Dringlichkeit gibt. Der Song ist übrigens aus der Feder eines Imam Ali – ob damit der historische Träger dieses Namens und Begründer der schiitischen Glaubensrichtung gemeint ist, entzieht sich meiner Kenntnis. In “Hadikat Al Ams”, das auf einen Text des Dichters Paul Shaoul zurückgreift, steigert sich die Band, ausgehend von a capella vorgetragenem Gesang, in ein intensives, hämmerndes, kratzendes Geflecht aus psychedelisch eingefärbten Noiserock und No-Wave, das von Chamouns stets unbeirrter Stimme zusammengehalten wird.

“Hamam” greift ein traditionelles ägyptisches Lied auf und entfaltet es über fast zehn Minuten zu einem hypnotischen Stück, dessen lange Aufbauphase immer wieder durch eruptive Ausbrüche kontrastiert wird. Die Instrumente verschränken sich hier in einem oszillierenden Strom, über dem die Stimme noch deutlicher zwischen zartem Ornament und kraftvoller Wucht changiert. Noch deutlicher wird die Verbindung von Tradition und Gegenwart in “Sayl Damei” und dem kurzen abschließenden Titelsong “Sametou Sawtan”, die wohl beide auf Gedichte des persischen Mathematikers und Dichters Omar Khayyam zurückgreifen. “Wenn man Omar liest, fühlt man eine Verbindung zum Jetzt”, sagt Chamoun, “das Gefühl, dass es keinen klaren Weg gibt”. „Tatayoum“, ein weiteres kurzes Stück mit schnell gespielter Buzuq wirkt dagegen wie eine obsessive Schleife volelr Dröhnung und kleinen sperrigen Details, eine Verdichtung von Energie in direkter, körpernaher Form, bei der die Stimme ganz nah am Ohr zu erklingen scheint.

So entsteht ein Album, das die Live-Intensität von SANAM mit einer enormen klanglichen Bandbreite verbindet. “Sametou Sawtan” lässt sich nicht auf eine eindeutige Richtung festlegen: Es oszilliert zwischen sperrig und hymnisch, zwischen frei mäandernd und streng rhythmisch, zwischen historischen Quellen und einer Gegenwart, die keinen sicheren Boden bietet und gerade dadurch eine große Unmittelbarkeit entfaltet.

Label: Constellation