Wie kann man lieben, wenn ringsum Gewalt herrscht? Die Frage wirkt einfach und vordergründig betrachtet fast etwas trivial, und doch entpuppt sie sich in den Texten von Snakeskins neuem Album wie ein kaum auflösbarer Widerspruch. Auf der einen Seite stehen Zerstörung, Niedergang, Flucht und Ohnmacht, auf der anderen eine beharrliche, durchaus Kraftreserven benötigende Zärtlichkeit, die sich weigert, dasjenige verschwinden zu lassen, was die Einzelnen zusammenhält.
Das libanesische Duo Snakeskin – Julia Sabra und Fadi Tabbal – widmet sich auf “We live in sand”, das größtenteils während einer Residenz in Bern produziert wurde, genau diesem Spannungsfeld. Entstanden im Oktober 2024, als die Eskalation des aktuellen Kriegens in der Region auch Beirut erreichte, markiert das Album den vielleicht radikalsten Punkt in ihrer bisherigen Arbeit. Schon der Auftakt “Ready” konfrontiert mit aufgewühltem, elektrifiziertem Rattern, das metallen vibriert und wie im Kontrapunkt zu der Genügsamkeit von Sabras entspannt-melancholischem Gesang steht. Bald mischen sich weitere Schichten darunter, flächige Sounds, die fast wie ein vorbeifliegendes Flugzeug wirken, ehe sich die Musik noch einmal überraschend melodisch öffnet.
“October sun” knüpft mit elektrifiziertem Hauchen und Summen daran an, getragen von einer monochromen Kulisse, die warm im Hintergrund liegt. Hier entfaltet sich eine Stimmung des Ausharrens, in der Sabras Stimme von verlorenen Orten und einem Himmel voller Drohnen singt. “This time there’s no escape”, heißt es und verweist auf die Unausweichlichkeit der Gegenwart, in der das Private untrennbar mit der politischen Situation verschränkt ist. Rhythmischer und beschwingter setzt “Blindsided” ein, doch unter den luftigen Takten liegt eine ambient geerdete Grundierung. Hier wird auch der zentrale Gedanke des Albums zwischen Verzweiflung und Beharren besonders eindringlich formuliert: “How to love in the face of this death”.
Mit “Olive groves” verändert sich die Stimmung spürbar. Feierliche Orgelklänge begleiten eine andächtige, fast schwebende Stimme, die in wenigen Worten jahrzehntelange Konflikte anruft. Auch “Black water” bleibt im Gestus reduziert, getragen von dumpfen Schlägen, folkig eingefärbten Saitenklängen und Bläsern, was der Komposition wie Musik für einen abgedunkelten Kurzfilm anmuten lässt. “The fear” dagegen klingt im Ansatz poppiger, mit klopfenden, rauschenden Texturen, hochtönendem Gesang und einem melodischen Brummen im Hintergrund – eine Eingängigkeit, die den bitteren Text umso deutlicher akzentuiert, in dem persönliche Erinnerungen an Kindheitsängste mit gegenwärtiger Bedrohung verschränkt. Ein wiederholtes Traume ist bekanntlich umso stärker in seiner Wirkung.
Im Titelstück schiebt sich ein metallisches Rasseln, Brummen und Bläserartiges in den Vordergrund, ehe Feedback und Kratzen die Klangfläche zerreißen. Der Gesang ist stark verfremdet, mal kaum verständlich, mal glasklar, und entwirft Bilder von Flammen, Steinen und einer “bloodied sun”. Der Abschluss “In the pines”, als einziges Stück außerhalb der Residency entstanden, führt schließlich in tiefe Melancholie. Bedächtige Pianolinien und verfremdete Stimmen verweben sich zu einem düsteren Duett. Zwischen Erinnerungsverlust, brennender Stadt und dem Ruf der Grillen entsteht eine Schwere, die keinen Ausweg mehr anbietet.
Von Anfang bis Ende ist “We live in sand”, trotz seiner voerdergründigen Zugänglichkeit, ein Album ohne beschönigende Zwischentöne. Während das selbstbetitelte Debüt noch von den Nachwirkungen der Beiruter Hafenexplosion geprägt war und “They Kept Our Photographs” im Schatten des beginnenden Kriegs entstand, ist die Gewalt hier endgültig im Alltag angekommen. Karl Matar, als Interbellum selbst Musiker, erfasst dies in den Liner Notes als Zeugnis ohne Fluchtpunkt: Wo frühere Werke Hoffnungsräume offenhielten, bleibt diesmal nur der entschlossene Realismus.
Am Ende bleibt ein Werk, das so bedrückend wie notwendig wirkt, eine fragile, aber klare Stimme aus der Mitte der Zerstörung. (U.S.)
Label: Ruptured Records / Beacon Sound