Ein Surfer auf einer Muschelschale mit Gasmaske und Kontrabass – ein Covermotiv, das zugleich Rätsel und Versprechen ist. “This Was Tomorrow”, die neue Zusammenarbeit von Kitchen Cynics und Margery Daw, bewegt sich zwischen liebevoller Verschrobenheit, feinem Humor und stiller Melancholie. Es ist ein Album, das in der Vergangenheitsform von einer Zukunft erzählt und uns so an einem Blick nach vorn teilhaben lässt, der schon wieder Erinnerung geworden ist.
Alan Davidson, seit Jahrzehnten unter dem Namen Kitchen Cynics ein unermüdlicher Architekt einer Musik, die man vielleicht als experimentellen Folk beschreiben kann, und Margery Daw, die mit Tasten, Streichinstrumenten und elektronischen Schichten arbeitet, haben hier sechzehn Miniaturen geschaffen, die sich organisch zwischen akustischer Poesie und surrealer Klangkunst entfalten.
Schon das eröffnende “Viktor Buys A Kilt” legt mit glockenhellen Tönen und rückwärts eingespielten Passagen eine feine Balance aus Lieblichkeit und Rätsel an, so als würde man in einem Traum etwas Schönes hören, das man nicht ganz fassen kann. In “The Finnish Hatmaker” tauchen gespenstische Stimmen, geloopte Schellack-Schnipsel und dröhnende Geräusche auf, ein Szenario, das an die surrealen Welten von Nurse With Wound oder an einen imaginären Jan-Švankmajer-Film erinnert. Andere Stücke wie “Joie De Vivre” oder “Mary Delany” öffnen den Raum hin zu den folkigen Wurzeln der beiden und präsentieren Gitarrenpicking, das glitzert und sich mit metallischen Schlägen und sanftem Rauschen verbindet.
“Wenzerhaur” bricht dieses Gleichgewicht auf: infernalisch, dröhnend, fast wie Rhythm Noise – eine seltsam zwingende Intensität, die dennoch nie ins bloß Lärmende kippt. In “Fancies” zeigt sich dann endgültig die märchenhafte Seite des Duos: Tasten, Saiten und etwas, das an Flöten erinnert, entwerfen das miniaturhaftes Szenario einer detailverliebte Traumwelt: ein Ort zwischen Kindheit, Okkultismus und feinem Witz, bei dem ich an die legendäre EP der Gnostic Gnomes denken musste.
In der Folge entfalten sich mehrere Stücke, die das Album noch einmal auf andere Achsen stellen. “Wainscoting” wirkt fast wie ein kleines Hörspiel aus raschelnden, klirrenden und tremolierenden Schichten, ein Moment des tastenden Übergangs. “Black Cloth” greift mit seinem verfremdeten Applaus und dem Davidsons Gitarrenpicking jene melancholische Entrückung auf, die sich durch viele seiner Arbeiten zieht, während “If Not Today” mit imaginärem Hufgetrappel und einem warmen Gitarrenmotiv etwas Erdendes beisteuert. In “Whelptons Pill” und “Johnshaven” kippt die Stimmung dann wieder ins Unheimliche: quietschende, schleifende, metallene Klänge, ein kreisendes Rattern, das an eine beschleunigte Kutsche denken lässt, schaurig, verspielt, filmisch.
Der Schluss mit “Pleiades” wirkt wie ein poetisches Nachleuchten: zart, tremolierend, schwebend, aber auch hier nicht ohne Schatten. “This Was Tomorrow” mit seiner Mixtur aus Alltagsklängen, Saiten, Rauschen und kleinen elektronischen Interventionen ist größtenteils instrumental, aber voller imaginärer Stimmen. Das Album scheint als imaginäre Zukunftsvision weniger von Dystopie als von Ambivalenz zu handeln, vom Gleichgewicht zwischen Schrägem und Schönem, von der seltsamen Harmonie zwischen Vergangenheit und Zukunft. (U.S.)
Label: Cruel Nature Records