In den antiken Mythen galt der Wald als Ort der Übergänge – zwischen Menschen und Göttern, Schlaf und Wachheit, Klang und Schweigen. Auch in der seltsam psychedelisch-poppigen Elektronik von Violet Nox scheint dieser liminale Zwischenraum fortzuleben. Ihr neues Album “Silvae”, benannt nach dem lateinischen Wort für “Wälder”, eröffnet einen solchen imaginären Hain aus Tönen, in dem Sterne, Lebewesen und Maschinen in einen geheimen Dialog treten und damit eine Struktur entstehen lassen, in der man sich schnell wie in einem labyrinthischen Dickicht verlaufen kann und am Ende doch manch wundersames findet.
Schon die ersten Minuten des Albums lassen erahnen, dass Violet Nox hier etwas vielgestaltiges geschaffen haben. Das in Boston beheimatete Trio – Dez DeCarlo, Andrew Abrahamson (beide v.a. zuständig für Synthies und weitere Elektronik) und Sängerin Noell Dorsey – entfaltet auf seinem mittlerweile achten Longplayer, der auf eine kongeniale Interpretation von Roky Ericksons “Stand for the Fire Demon” folgt, ein dichtes Netz aus elektronischen Strukturen, pulsierenden Rhythmen und entrückten Gesängen, das zugleich hypnotisch, unruhig und von eigentümlicher Schönheit ist.
“Spectre”, der über sieben Minuten lange Opener, beginnt mit flirrenden Rhythmen und nokturnal-schimmernden Synthiewellen, bevor sich Dorseys Stimme bemerkbar macht – zunächst wie halb verhüllt durch die wie dichtes Gestrüpp wuchernden instrumentalen Details, bis sie sich dann in ungeahnte Höhen emporhebt. Die Musik bleibt in stetiger Bewegung, und trotz der sanften Melodik der Synthies baut sich eine unterschwellige Spannung auf. Hier, wie auch im weiteren Verlauf des Albums, trifft die Stimme tatsächlich zuweilen auf jene entrückte Intensität, die man mit der auch im Begleittext erwähnten Lisa Gerrard assoziiert, tatsächlich musste ich an einigen Stellen des Albums sogar an deren Dead Can Dance-Kollegen Brendan Perry und seine Gesangsdarbietung in “The Carnival is Over” denken.
In “Wanderlust” und “Whisper”, deren klangliche und sprachliche Details immer wieder an die liminale Atmosphäre heiliger Haine und ähnlich verwunschener Orte erinnern, verbinden sich zittrige, bisweilen nostalgisch anmutende elektronische Texturen mit treibenden Takten und vokalen Akzenten, die an Filme der 70er denken lassen. “Serenade” mit seiner wie durch eine getönte Scheibe tönenden Vocals führt diese Tendenz weiter, technoider, mit pulsierenden Strukturen, die zwischen Understatement und Dramatik changieren. Das mit einer schwer verständlichen Lautsprecherdurchsage startende “Arcturus” entpuppt sich als – wenn man von dem Brummton absieht, der auch einer menschlichen Stimme entstammen könnte – instrumentales Stück und kontrastiert ekstatische Rhythmen mit orchestralen Synthieflächen. Den Abschluss bildet “Meniscus”, das mit klarem, präsentem Gesang und epischen Untertönen den Bogen zu früheren, etwas deutlicher strukturierten Arbeiten des Trios schlägt.
Womit wir bei einem besonderen Thema wären: Die Stücke auf “Silvae” wirken dank zahlreicher Sound- und Rhythmusdetails, die stets eine subtile und gleichsam intendiert wirkende Derangiertheit zulassen und zudem immer wieder leicht spröde anmuten, etwas weniger eingängig als frühere Arfbeiten, aber gerade diese schwer(er) greifbare Qualität macht den besonderen Reiz des neuen Albums aus. Wer diese Schicht zu durchdringen vermag und ins Zentrum der Musik, in den Tempel inmitten des scheinbar Undurchdringlichen vordringt, wird belohnt mit einer seltsam nächtlichen, fast schwebenden Schönheit, die sich erst allmählich erschließt. Hinter der stets in subtiler Unruhe gehaltenen Oberfläche entfaltet sich ein fein abgestimmtes Wechselspiel aus Rhythmus, Melodie und Atmosphäre von ganz eigener Anziehungskraft.
Label: Somewhere Cold / Elastic Stage