Wenn etwas Altes, fast Vergessenes, in einem künstlerischen Werk wieder zum Leben erwacht, kann dies mit viel sentimentalem Pathos geschehen, doch viel eindringlicher vielleicht ist ein Durchbrechen der Vergessensschleier, das vorsichtig tastend und suchend, vonstatten geht. Yara Asmars neues Album “Everyone I love is sleeping and I love them so so much” ist ein solches Werk. Es wirkt, als lausche es sich selbst beim Entstehen zu, zwischen Beirut und dem Städtchen Alfred im US-Bundesstaat New York aufgenommen, zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen fragilen Klangexperimenten und unvorhersehbarem Lärm.
Asmar arbeitet hier mit Materialien, die ebenso zerbrechlich wie eigensinnig sind: Spieluhren, Metallstäbe, alte Symphonion-Mechaniken, die sie auseinandernimmt und wieder zusammensetzt, bis sie in Resonanzkästen münden, in denen sie – wie sie selbst in ihren Liner Notes sagt – “im Klang sitzen” kann. Die elf Stücke sind feine, oft bewusst instabil gehaltene Konstruktionen aus Metallophonen, Akkordeon, Stimmenfragmenten und Alltagsgeräuschen, die manchmal wie beiläufig mitgeschnitten wirken. Schon das eröffnende “after all this time, Beirut” mischt Verkehrslärm und rhythmisches Rumpeln mit den Stimmen sowohl von Menschen als auch von Vögeln, eine Szene zwischen Baustelle und Traum. Zentral für das Verständnis des Albums und gerade auch des Openers ist auch eine Erinnerung an Asmars Großvater: eine alte Tonbandaufnahme, auf der er erzählt, wie er versehentlich Stunden von Vogelgesang aufnahm und wie diese Vögel später ziemlich sicher im libanesischen Bürgerkrieg starben. Dieses Fragment wird zum inneren Kern des Albums: das Bewahren von Klang als Akt des Widerstands gegen das Vergessen.
“To die on any hill (if it’s easy enough to climb)” entfaltet sich aus schwebenden, gestrichenen Tönen, die anschwellen und sich in ein Klangbild an der Grenze zum Lärm auflösen. In “wooden giants and mechanical birds”, entstanden gemeinsam mit John Murchison und Gideon Forbes und so der einzige kollaborative Track des Albums, erweitert sich Asmars feines Klangspektrum ins Kammermusikalische. Metallophone, Klarinette und Streicher verweben sich zu einem Stück, das zugleich konzentriert und verspielt wirkt. Es tastet sich voran, lässt Töne kippen, kippt selbst ins Schiefe und behält dabei doch eine zärtliche Präzision, die das Gemeinsame der drei spürbar macht. Der Titeltrack greift die fragile Emotionalität des Albums auf: eine Spieluhr, leise Atemgeräusche, das langsame Eintrüben des Klangs, als würde sich eine unsichtbare Bedrohung nähern. Das Stück schwingt zwischen Zärtlichkeit und Beklemmung und lässt eine ambivalente Schönheit entstehen, die typisch ist für Asmars Arbeiten.
Neben dem Thema der Erinnerung steht die Auseinandersetzung mit Metall und seiner Ausdruckskraft im Zentrum des Albums. In ihren Notizen schreibt sie weiterhin, wie sie sich seit Jahren von der Materialität des Metalls leiten lässt, von dessen Fähigkeit, ebenso zu irritieren wie zu trösten. In “of the always puzzle of living and doing” wird diese Faszination besonders greifbar: Das Stück klingt gleichzeitig hell und bedrohlich, wie ein stiller Strom elektrischer Spannung. Überall ist Bewegung, Reibung, davon ausgehend auch Spannung, aber nie kommt es zur vielleicht erwarteten Explosion. Zwischen die metallenen Texturen mischen sich persönliche Aufnahmen – Stimmen, Atem, Gesprächsfetzen. Im abschließenden “sounds from home” tritt dieses dokumentarische Element offen hervor: Gespräche, Lachen, eine Musik im Hintergrund, die sich zu einer fast herzigen Akkordeonmelodie verdichtet. Der Moment kippt in Dynamik, in ekstatische Trommeln und Rufe, und wieder zurück in eine Art Halt, den nur der vertraute Klang selbst geben kann.
Asmars Arbeiten kreisen um die Frage, wie Erinnerungen im musikalischen Medium transportiert werden können, ohne dabei in Nostalgie zu kippen. “Dieses Album ist nicht nostalgisch”, schreibt sie, “es ist tief im Jetzt verwurzelt”. Das stimmt: Auch wenn ihre Stücke manchmal wie Traumbilder erscheinen, geht es hier nicht um Rückschau, sondern um Gegenwärtigkeit, um die Erfahrung, dass jedes Geräusch, jeder Ton vergehen und gleichsaqm weiter bestehen kann.
Label: Hive Mind Records