Zerbrechliche Wortfetzen, metallisches Rumpeln, Stimmen aus dem Alltag und das Zwitschern von Vögeln – all dies und mehr bildet den vielschichtigen Kosmos, in dem sich Nour Sokhons Debütalbum “Beirut Birds” in seiner dichten und zugleich fragilen Struktur entfaltet. Hier verwandelt die in Beirut geborene und heute in Berlin lebende Klangkünstlerin ihre seit 2018 laufende künstlerische Recherche zu Migration, Entwurzelung und Erinnerung in eine musikalische Form. Grundlage sind Interviews mit Menschen aus der libanesischen Diaspora, Feldaufnahmen und Objekte, die selbst zum Symbol von Bewegung und Flucht geworden sind.
Der Beginn mit “To be in between, in the moment” impliziert bereits, wie stark sich die Kompositionen zwischen Nähe und Distanz bewegen: atmende, schabende Laute, dunkles Grollen, rückwärts gespielte Passagen und eine Stimme, die wie ein Mantra immer wieder Formulierungen aus dem Titel wiederholt, steigern sich zu einer hypnotischen Verdichtung. “Across the flood” wirkt gehetzter, klappriger, unruhiger, geräuschhafter, die Stimme bleibt dabei stoisch. Nicht nur der Titel und die Rezitation, sondern auch die Sounds von Wind und Wetter scheinen eine Fahrt über das Meer zu illustrieren. In “Here birds come close” tauchen zwitschernde, verfremdete Klangdetails auf, die von metallophon klingendem Geklapper und brüchigen Rhythmen begleitet werden – bevor sich irgendwann elektronische Beats mit dem Geschmack von Drum’n’Bass und Rhythm Noise einklinken und all die Motive in einen eindringlichen und doch nie genau greifbaren Zusammenhang stellen.
Im weiteren Verlauf treten fragmentarische Sprachfetzen hervor, mal halb verborgen, mal geloopt, durchsetzt mit entrückten, melancholischen Flächen. Immer wieder sind maschinenartige Geräusche zu hören, die an Baustellen oder Motoren denken lassen, im Stück “The destruction and the rebuilding” kombiniert mit orchestralen Einschüben. Nours Stimme klingt dabei oft halb versteckt, manchmal fast erschrocken oder wie aus der Ferne zurückgeholt. Eine besondere Eindringlichkeit entfalten die beiden abschließenden Stücke “Justice (part one)” und “Justice (part two)”, die die Themen Migration und kulturelle Anpassung lakonisch im Text, aber mit dramatischer musikalischer Intensität verhandeln: gebrochene metallene Rhythmen, dubbig verfremdete Elektronik und eine Stimme, die je nach Abschnitt nervös oder gelassen wirkt.
“Beirut Birds” erschien bereits vor über einem Jahr und somit noch vor ihrer Kollaboration mit Stefan Christoff, die ähnliche Themen verhandelte, noch heute führt die Künstlerin das Material regelmäßig live auf. Es präsentiert nicht nur ein persönliches und künstlerisches Statement, sondern auch ein solidarisches Projekt: Die Einnahmen aus den digitalen Verkäufen gehen vollständig an Haven for Artists, eine Initiative aus Beirut, die derzeit vertriebene Familien in Libanon unterstützt.
Label: Aural Conduct