Bedenkt man, wie vielfälltig und umfangreich das Werk des schottischen Musikers, Klangkünstlers, Folkforschers und Geistersuchers Grey Malkin – zunächst mit dem frühen Projekt The Hare & The Moon, dann mit verschiedenen Bands, Kollaborationen und gelegentlich auch solo – ist, dann muss einem die vorliegende Retrospektive als lange überfällig erscheinen. “Haunted Lives”, dessen Titel die Inhalte seiner Arbeiten wunderbar zusammenfasst, versammelt als komprimierter Überblick Malkins Arbeiten aus unterschiedlichen Zeiten und Projekten und demonstriert einmal mehr eine Praxis, die Überliefertes, sei es musikalischer oder erzählerischer Natur, nicht konserviert, sondern durch unerwartete Setzungen neu belebt. Selbstredend passt er damit nur schwerlich in die gängigen Prokrustesbetten der Genrekonventionen, ganz gleich ob es sich dabei nun um folkige oder experimentelle Kategorien handelt.
Der Einstieg mit The Hare & The Moon und dem Stück “The Midnight Folk” vom Album “Wood Witch” setzt auf hörspielartige Codes. Zwitschernde Vögel, die erdende Klarinette von Gastmsiker Spugweed, Áine O’Dwyers Harfe und Thomas Roberts’ Violine strukturieren zusammen mit Malkins Arrangements ein Szenario zwischen Idyll und Anspannung. Die schnelle Rezitation eines Textes von John Masefield ergänzt diese Spannung ohne Pathos. Das anschließende “We Are All Ghosts” zusammen mit Alan Davidson alias Kitchen Cynics - vor einigen Jahren der Titelsong einer Sammlung an Singles der beiden – greift die Idee des Spukhaften anders auf: Wolfsjaulen und sirenenartige Elemente öffnen den Raum für Streicher und einen klagenden Gesang mit nüchternen Gedanken über die Unausweichlichkeit des Todes, zu dem fatalistische Detonationen Akzente setzen.
Mit “Rossignol” aus dem Projekt mit Futur Passe folgt ein mittelalterlich angehauchter, zunehmend unruhiger Track mit chorischem französischen Gesang über einem Soundfundament voll monumentaler Wucht. “The Corn Queen” von Widow’s Weeds, dem Duo mit Daughters of Grief, verschiebt den Fokus in Richtung rituellen Ambientfolks. Glitzernde Strömungen, eine schwebende Stimme und die dezente Perkussion von Michael Warren erzeugen ein rituelles Setting, das sich nur kurz öffnet, bevor es wieder in die Ausgangsspannung zurückkehrt. Das Textbild weitet sich am Ende ins Existenzielle.
“Cold Blows The Wind” von Úath – dem Projekt mit dem irischen Künstler Ruairi O’Baoighill – ist mit schleppenden Takten, knarrenden Bassklängen und der Stimme von Maud The Moth eine spannugnsgeladene Umsetzung einer Ballade, die auch unter dem Titel “The Unquiet Grave” bekannt ist, bekannte Versionen stammen u.a. von Joanna Newsome und Faith and the Muse. “Morgiana”, erneut von The Hare & The Moons hier einzig vertretenem Album “Wood Witch”, lässt mit Glockenspiel, desolaten Streichern, Downtempotakten und einer verwehten Frauenstimme eine entrückte, subtile Umheimlichkeit aufkommen.
In “A Cavalcade Of Ravens”, einer Zusammenarbeit mit dem Belgier Ashtoreth und einer Reihe an Gästen, zu denen neben Sängerin Menaleah nd anderen auch die gesampleten Raben im Titel gehören, offenbart eine reizvoll ambivalente Atmosphäre zwischen wattigem Trost und spanungsvollen Brüchen. Darauf folgt “The Old Gods Sleep Beneath The Fields” von The Black Swan Triad, deren Kern Ashtoreth, Malkin, Menalaeh, Steve Hermit, Stratosphere und Vinlandsraud bildeten. Nach der anfänglichen Dröhnung, durchzogen von subtilen Kratzgeräuschen, verschieben zerfranste Gitarren den Song für kurze Momente in ein flamencoartiges Setting, bevor wieder geisterhaft schwebende Details übernehmen.
“Man Of Double Deed” von Widow’s Weeds beginnt mit sirrenden Streicherflächen und einer schwebenden Sopranstimme, bevor peitschende Percussion und gehetzte Elemente den im Titel angedeuteten zwiespältigen Charakter spiegeln. Mit dem Herausschälen eines klaren Gesangs scheint sich derKreis zu schließen. Von Sedna Chronicles – ein gemeinsames Projekt mit Andy Sharp – liegt mit “Friends Of The Emerald Sun” eine verspielte, zugleich spannungsvoll-düstere Elektronik vor, die, wie es schon in unserer Besprechung hieß, an spätere Arbeiten einer bekannten britischen Experimentalband erinnert.
“The Bard Of Eve” von The Hare & The Moon ist eine ekstatisch-folkige Nocturne, die cinematische Assoziationen aufblitzen lässt, bevor “Under The Rose” von Widow’s Weeds (vom Album “Revenant”) auf melancholische Streicher, Bassflöte, epische Breite und einen hellen, elegisch anmutenden Sopran kurz vor dem Ende setzt. “Full Snow Moon” vom ersten gemeinsamen Longplayer mit Adam Geoffrey Cole alias Trappist Afterland ist das gitarrigste Stück des Albums und entspricht auch am ehesten den gängigen Vorstellungen über Folk, aber es ist auch ein grandioser Song mit fein gesetztem Fingerpicking und Coles fragil gesungenen und gleichsam markanten Strophen über die verschiedenen Vollmonde – Malkins Spuren finden sich in der dezenten elektronsichen Untermalung und vielleicht auch in der paganen Einfärbung des Songs.
“Between Trees & Starlike” des Trios Embertides – Daughters of Grief, David Colohan und Malkin – setzt dann wieder weitaus stärker auf Elektronik. Der klagende Gesang und die immer dichter werdende Szenerie erzeugen eine unheimliche Steigerung. Meadowsilver, bestehend aus Gayle Brogan, Malkin und Stephen Stannard, verbinden in “The Coronation Of The Herring Queen” folkige Flöten mit einem elektrifizierten Grundgerüst und sanftem Gesang. “The Wife Of Usher’s Well” von The Hare & The Moon mit Vocals von God’s Little Eskimo präsentiert sich als über weite Strecken pianobasierte Umsetzung der traditionellen Ballade über die drei toten Söhne, die auch als “The Unquiet Grave” bekannt ist, einige Leser kennen vielleicht die Versionen von Joanna Newsome und Faith And The Muse.
Das zusammen mit den deutschen Producer Fogroom eingespielte “A Certain Sense” entpuppt sich als tremolierende Klanglandschaft, gehalten von einem dezenten Takt. Eine melodiöse Spur – unklar, ob Stimme oder Gitarre – wirkt als ruhender Pol, bevor eine knarrende Rezitation einsetzt. “C’est A Ville”, erneut von der Kollaboration mit Futur Passe wirkt wieder mittelalterlich grundiert mit seinen Arrangements für Drehleier, Trommeln und verschiedenen Saiteninstrumenten.
“When The Moon Is Arisen”, das Malkin zusammen mit Amanda Votta (Deep Fade, The Spectral Light u.a.) aufgenommen hatte, ist das einzige semi-exklusive Stück der Sammlung und war nur zeitweise auf Soundcloud zu hören gewesen – über einem Teppich aus dunkler, ambienter Dröhnung bauen knarrende Sounds und ein mysteriöses Flüctern, das in einen Monolog übergeht, nach und nach einen Song auf, der in einer furiosen wilden Jagd kulminiert. Anschließend nutzen Sedna Chronicles in “The Last Drop” erneut flüsternde Worte und Synthiedrones, um ein anderesweltliches Setting zu markieren. “The Singing” von einem der Alben mit Kitchen Cynics setzt Drönungen, eine entrückte Flöte, Alan Davidsons spröder Rezitation und später liturgisch anmutende Momente ein. Einsame Paukenschläge und eine Frauenstimme führen schließlich zu einem kurzen, hellen Klangmoment.
Den Abschluss bildet Malkins Solostück “Duddo Five Stones”, mit Vocals von David Colohan und Woodwind von Alan Davidson. Der großartige, rund fünfzehnminütige Track nutzt melancholische Ambientflächen, Flöten, Streicher und ein wiederkehrendes, leicht vibrierendes Geräusch. Eine Rezitation über die aus der schottischen Folklore bekannten singenden Steine, führt in einen dichten Mittelteil, bevor ein klavierdominierter Schluss folgt, der kurz von knarrenden Elementen durchzogen wird. Der Track wirkt wie ein konzentrierter Blick auf einen Ort, der fast wie ein symbolisches Zentrum von Malkins Werk erscheint.
Die Zusammenstellung zeigt Malkin als jemanden, der die Forderung, Tradition bewusst zu verfremden, verinnerlicht hat und auf seine nur schwer kategorisierbare Weise vieles vorweggenommen hat, was in der Zwischenzeit mit Begriffen wie Folk Horror (oder etwas breiter gefasst: Hauntology) bezeichnet wurde. Die ausgewählten Stücke belegen den Umfang seiner Aktivitäten und die Bandbreite seiner Kollaborationen – und wer durch diese Compilation erstmals angefixt ist, sollte gerne den zahlreichen Links im Text zu seinem bisherigen Werk folgen, denn die hier versammelten Stücke sind nur eine kleine, gleichwohl beeindruckende und repräsentative Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs. (U.S.)
Label: Cruel Nature Records