Man kann den Akt des Zuhörens als ein langsames Eintauchen betrachten – mit dem Kopf voran in einen Zustand, in dem die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Wahrnehmung, Imagination und Erinnerung, allmählich verschwimmen. Besonders dann, wenn sich die Aufmerksamkeit auf das richtet, was sonst nur am Rande zu hören ist wie das Krächzen von Raben, das Zwitschern entfernter Vögel, das leise Rauschen einer unsichtbaren Quelle. Genau hier setzt das aktuelle Album “The eyes close, the words open” von Ümlaut an, dem Projekt des multidisziplinären Künstlers Jeff Düngfelder.
Die beiden ausgedehnten Stücke des Albums – “the eyes close” und “the words open” – entwickeln sich aus Feldaufnahmen, Tape Loops und mal deutlicher, mal sparsamer eingesetzten Synthesizerflächen. Der Einstieg ist fast idyllisch: Heitere Vogelstimmen, aufgewühlt lediglich durch einen einsamen Rabenschrei, bilden den Rahmen, bald treten elektronische Klänge auf den Plan, ohne die ursprüngliche Stimmung umzustülpen. Erst nach einiger Zeit tritt dann ein deutliches Rauschen in den Vordergrund und übernimmt die Führung der dann auch deutlicher wie ein Bewegtbild wahrgenommenen Szenerie. Statt sich dabei in repetitive Muster zu verlieren, bleibt alles in steter, subtiler Veränderung. Es gibt Momente, die an asiatische Klangtraditionen erinnern, andere, die wie Fragmente elektronischer Avantgarde früherer Dekaden wirken. Mit der Zeit gesellen sich rhythmische Elemente hinzu, die doch nie das Geschehen dominieren.
“The words open” beginnt ebenfalls mit Vogelgesang, doch hier entfalten sich bald bewegliche Synthieflächen, melodisches Bimmeln und eine fast cinematische Weite. Die Struktur gleitet von Szene zu Szene, folgt einem assoziativen Prinzip, das den Hörer allmählich in einen vertrauten, fast heimeligen Raum führt. Nur selten wirkt ein Übergang wie ein Bruch – etwa kurz vor der Mitte des über halbstündigen Stücks, wenn für einen Moment Spannung entsteht. Doch die Harmonie kehrt schnell zurück und wirkt danach vielleicht umso authentischer. Der Ausklang wirkt verspielt, so als könnte das Ganze noch lange so weitergehen.
Düngfelders Musik verführt, schon weil sie keinerlei Längen aufweist, dazu, sich auf das Unfertige, Flüchtige einzulassen, sie hat ihren Ort an der Schwelle zwischen Entstehen und Verschwinden, zwischen Klang und Stille und die Verbindung zu seiner visuellen Arbeit – Design, Fotografie, bewegte Bilder – ist auch diesmal wieder spürbar: Die Klänge lassen etwas räumliches und beinahe physisch greifbares entstehen, das sich peu a peu vor dem inneren Auge entfaltet. (U.S.)