Verlust, Krankheit, Entfremdung, aber auch Überleben und Fürsorge – “Lupine Daughter”, Scout Paré‑Phillips’ fünftes und vielleicht ihr bislang dunkelstes Album, kreist um persönliche Brüche und familiäre Bindungen, die durch Schmerz und Liebe gleichermaßen geprägt sind, und gibt textlich einen ungewöhnlich offenen Einblick in Erfahrungen von körperlichem Verfall, emotionaler Abhängigkeit und dem Versuch, Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen. All dies wird greifbar gemacht in einer eindrucksvoll konkreten lyrischen Sprache und – auch dank einer mehrköpfigen Band – einer musikalischen Vielschichtigkeit, die beeindruckt.
Der Eröffnungssong “Claw” beginnt mit klingelnden Gitarren zu denen sich später Pedal Steel gesellen, darüber erhebt sich der klare Pop-Sopran, für den die stilistisch nie in ein Genre (Dark Folk? Postpunk? Alt Country?) passende Sängerin spätestens seit ihrem internationale Albumdurchbruch “Head the Call” bekannt ist, und dem auf dem vorliegenden Album immer wieder auch ein etwas tieferer Brustton entgegengestellt wird. Textlich kreist der Song um dem unaufhaltsamen Verfall es Körpers und das Erbe familiärer Gebrechen, und wenn sie die mehrfach wiederholte Zeile “Is this the end?” anstimmt, wandelt er ich in ein Szenario aus fragmentiertem Lärm, der anscheinend nur noch durch den zugleich einsetzenden Rhythmus davor bewahrt wird, direkt in die Entropie zu führen.
In “Pop’s Song” trifft noiserockiges Gitarrenstrumming auf rumpelnde Drums und einen raueren Gesang, der die hohen Töne mit ihren Schlenkern ins Musicalhafte dennoch nie ganz aufgibt. Es ist ein Song über die Abwesenheit einer schützenden Figur, aber auch über deren zuverlässige Präsenz in der Erinnerung. Mitten im Song hört man zwischendurch die warme, halbversteckte Stimme von Paré‑Phillips’ langjährigem Kollaborateur George Cessna (Snakes, Slim Cessna’s Auto Club), zurückhaltend, aber eindrücklich. “Fatal” erzählt mit fließendem Picking und anmutig hochtönendem Gesang vom Zerfall des eigenen Körpers. Zwischen Melancholie und Euphorie schwingt hier eine fast tranceartige Schönheit mit, die ihre Emotionalität nicht versteckt.
“Wish I Could Stay” ist der vielleicht sanfteste Song des Albums, getragen von emotionalem Tremolo und hellen Klangeffekten, die wie Sternschnuppen durch den Song fliegen, wohingegen “Bodies” filmisch in seiner Intensität und fast körperlich spürbar ist: Ein kühler und gleichsam dynamischer Jazzbesenrhythmus trifft auf hohe, funkensprühende Keyboardtupfer. “A Gambler Who Owned a Racehorse” bleibt energiegeladen: lärmiges Strumming, ein leichter Countrytouch, und ein Text, der die komplexe Beziehung zum Vater reflektiert, zum Teil destruktiv, zum Teil liebevoll.
Mit “Ghost” wechselt Paré‑Phillips mehr denn je ins tremolierende Hochregister, der Song erzählt trotz einer leicht exaltierten Färbung vom Wandel der eigenen Person zu einem Schatten – eine Geschichte von Selbstverlust, Dissoziation und Relaunch in einer kleinen Dosis Sehnsucht. Der Titel “The Great Enabler” ist deutlich langsamer, balladesk versunken im Downer-Strumming und kündet von Selbstaufgabe, von bedingungsloser Hingabe und dem langsamen Erwachen emotionaler Verantwortung. “Gasoline” prescht trotz der Schwere des um genetisch bedingte Krankheiten und um das Festhalten am Leben aus Liebe zum Partner kreisenden Textes eher leichtfüßig nach vorn, was vielleicht auch ein wenig auf das abschließende “Survive Again” hinweist, das, ohne falsche Illusionen zu bedienen, doch dem Schmerz und der Existenzangst eine trotzige Portion Hoffnung entgegenstellt.
Dass “Lupine Daughter”, trotz emotional herausfordernder Inhalte und Momenten roher, ungeschönter Verzweiflung nicht als therapeutische Nabelschau missverstanden werden sollte, ist dabei auch, aber durchaus nicht nur der klaren künstlerischen Haltung und dem durchaus energiegeladenen Bandsound, bei dem neben Gitarren, Keyboard, Bass und Schlagzeug auch Streicher und Vibraphon zum Einsatz kommen, zu verdanken. Mehr noch lässt sich dies mit einer Paré‑Phillips’ ehrlich anmutender Haltung erklären, die trotz aller Absagen an schöne Illusionen nie ins Resignative kippt. (U.S.)
Label: Sighthound Sounds