FROZEN WARNINGS: Momentum

Caira Paravel und Walker Phillips, die auch privat ein Paar sind, sind bereits seit einigen Jahren musikalisch aktiv, sowohl solo mit ihren melancholisch-mystischen  Folkprojekten als auch in diversen Band wie Tabernacle, die britische Folksongs in einer metallischen Schwere neu interpretieren, und dem verrückten Psychedelic-Projekt The Partridge Family Temple. Jüngst sind sie öfter auch ganz explizit als Duo in Erscheinung getreten und haben in dem Zusammenhang eine Art Sprung, wenn man so will, von den 70ern in die frühen 80er vollzogen, wo sie analoge Synthies für sich entdeckt haben. Ein frühes Lebenszeichen dieser Art war ihre Interpretation von Roky Ericksons “Night of the Vampire” auf der Compilation “I think of Demons”, vor einem Jahr erschien dann eine EP der beiden als Frozen Warnings. Jetzt ist ihr Albumdebüt “Momentum” erschienen.

Das Album beginnt ohne Umschweife, das kurze Intro leitet mit hypnotischen Synthiebewegungen nebst Rumpeln und Rauschen direkt in “Grace of the Lords” über, das mit einer Melodie aufwartet, die dutzende Deja-vus im Takt greller Stroboskop-Blitze aufblitzen lässt. Fein geschlagene Takte auf einer alten Drummachine bilden das Fundament, während sich eine entrückte Melodie mit tollen, scifi-artigen Hochtönern entfaltet. Caira Paravels melancholischer Gesang, der unabhängig vom jeweiligen Stil immer einen subtilen Hauch von Girly Pop-Appeal transportiert, versetzt das Szenario in eine verzauberte Anderswelt. Der Track ist tanzbar, doch alles – vor allem der Gesang – wirkt, als wäre es unter der dünnen, aber wirkmächtigen Schicht eines schwer zu definierenden Textils verdeckt, was die Entrücktheit noch verstärkt.

“Coronation” mit Phillips’ androgyn wirkender Stimme überrascht mit schrägem, synthetischen Klopfen und Kratzen, aus dem sich ein minimaler Synthieakt und Sequenzer winden, die auf einen der legendären “Banshee”-Sampler gepasst hätten, bis der Refrain dem Groove und Drive des Tracks noch eine veritable Ohrwurmqualität beigeben. “Conjuring“ setzt auf verrauschtes Wummern, metallisches Hantieren und rumpelnde Detonationen, die bereits vor den ersten fanfarenartigen Synthieflächen einen bemerkenswerten Groove entwickeln. Eine gesampelte Stimme spricht zwischendurch etwas nur partiell Verständliches (über “white magic”?). Der Track ist mehr Disco als Wave, aber trotzdem eines der schrägsten Stücke des Albums. ”Locked Out” beginnt zunächst mit Walkers geloopter Stimme, die gefühlt endlos den Songtitel wiederholt. Die pulsierenden Beats unterstreichen eine nervöse Grundstimmung, die bestehen bleibt, wenn die beiden im Duett singen. Das Stoische der Stimmen kontrastiert mit der hektischen rhythmischen Kulisse, die mit etwas Fantasie an frühe(re) NON erinnert.

Ein weiterer potenzieller Hit ist “Formation (Inform Me)”: flächige Synthies, ein hypnotischer Texteinsatz, der zu großen Teilen aus dem Titel besteht, und Fingerschnipp-Rhythmen, die an zahllose Momente aus der Geschichte der Populärkultur erinnern, treffen aufeinander, während sich die Stimmen von Paravel und Phillips zu einem Zopf verbinden. “Slouching Through Heaven” lebt von seinem paradoxen Titel und der aufgewühlten Stimmung. Schnelle, gehetzte Synthiefiguren und stets veränderliches perkussives Hantieren sorgen für eine reizvolle Unsicherheit, aus der sich bis zum Ende des Stücks keine typische Songstruktur zusammenfügt. Die Electro Clash-Nummer “Static Age” überrascht mit Paravels heiser krächzenden Stimme und leichten Acid-Halluzinationen, Kommentare zum Zeitgeist scheinen auf “Citizens” setzt auf Ironie und Wiederholungen: In ihrer Kontrastierung paradoxe Slogans im Ramones-Stil wie “I wanna have nothing to say” und “I feel it in my skin” sind zentrale Zeilen, die zwischen Zynismus und Hymne oszillieren. “God Bless You” beschließt das Album mit einem schrägen, geloopten Mantra und einem Sound, als hätte man am Rechner den falschen Knopf gedrückt.

Was – neben der Überraschtheit über die Shapeshifter-Qualitäten der beiden – bleibt, ist der Eindruck eines ungemein kurzweiligen Albums, dessen Schrägheit seiner Eingängigkeit keinen Abbruch tut und zugleich an vielen Stellen doppelte Böden aufweist, in deren geheimen Hohlräumen Schalk, kühle Düsternis, surreal anmutende Doppelironie und einige andere Qualitäten versteckt liegen, die dem tanzbaren Pop-Appeal des Albums manche würzige Zutat beigeben. Dass sich das Duo ausgerechnet nach einem der alptraumhaftesten Stücke von Nico benannt hat, unterstreicht die Bandbreite, die hier ausbalanciert wird. Manchmal meint man gar, dessen verschwommenes Soundflimmern in den Ritzen der Songs auf “Momentum” zu hören. (U.S.)

Label: God’s Eye Records