MARC ALMOND AND THE GASLIGHT TROUBADOURS: Salambo

Nostalgie entpuppt sich bei näherem Hinschauen oft weniger als Rückblick denn als Inszenierung, als ein Spiel mit Versatzstücken vergangener Zeiten, die sich neu zusammensetzen und – zumindest in einem gewissen Maß – umdeuten lassen. Zwischen Jahrmarktsmusik, Halbwelt-Glanz und leicht schräger Melancholie kann dann ein Raum entstehen, in welchem Überzeichnung und Ernst nebeneinanderstehen. Daran lässt sich auch denken, wenn man “Salambo” hört.

Marc Almond zeigt sich auf der neuen, gemeinsam mit den Gaslight Troubadours eingespielten EP, die vom Gehalt her durchaus als Album durchgehen könnte, von seiner verspielten Seite. Burlesque, Vaudeville, Cabaret und allerlei weitere Kleinkunststile fließen ein, ebenso Exotica und verschiedene nostalgische Popformen, die er seit jeher in seinen Stil integriert. Vorab erschienen von dem Projekt bereits mehrere Singles mit Remixen, die neben interessanten Coverversionen auch das Gesamtbild von “Salambo” prägen.

Das eröffnende “Eros And Eye” beginnt mit trampelnden, wiehernden Pferden auf Kopfsteinpflaster, als fahre man mit einer Kutsche in eine andere Epoche. Im Walzertakt besingt Almond frühe Jahre in London, wobei v.a. das queer angehauchte Nachtleben den Schauplatz prägt, und schnell fühlt man sich an Alben wie “Varieté” erinnert. Der Ton ist beschwingt, fast slapstickhaft, nur für kurze Momente von einer lärmigen Soundwelle und einem Filmsample durchzogen. Hinter scheinbar beiläufigen Bildern, etwa einem dunklen Londoner Himmel, stehen Hinweise auf Naivität und spätere Ernüchterung, die das Stück vom Abgleiten ins allzu verklärte Idyll bewahren. Das folgende “The House Is Haunted” greift das bekannte Stück von “Stories Of Johnny” auf und beginnt mit dem gesprochenen Satz “The house is haunted by the echo of your last goodbye”. Das Gefühl des Verlassenseins, des Nichtverschwindens von Erinnerungen und das Echo vergangenen Glücks, das im Raum bleibt, bekommen hier eine interessante Kulisse aus calypsohafter Leichtigkeit, Kleinkunst-Nostalgie und einem straighten elektronischen Beat.

Mit “Blue Spirit Blues” greift Almond einen Song von Bessie Smith auf und führt damit das zentrale Motiv des Albums fort: die Verbindung von lustvoll durchlebter Morbidität und theatralischer Freude am Überzeichnen. Ein kehliges Lachen steht am Anfang, dann folgt ein wacher, fast fingerschnippender Vortrag über einen Traum vom eigenen Tod, von Teufeln, Dämonen und höllischen Visionen. Die Uptempo-Energie konterkariert den düsteren Text und verschiebt ihn ins Groteske. Das eingestreute Filmsample über einen Zombie wird nicht nur zitiert, sondern kommentierend erweitert, wodurch das Spiel mit Versatzstücken erneut sichtbar wird.

Der Titelsong “Salambo” radikalisiert diese Strategie. Mambo-Anklänge, gedämpfte Trompeten und versch(r)obene Takte erzeugen eine schwüle Spannung, die sich allmählich verdichtet. Die Wiederholung arbeitet hier nicht als bloßer Effekt, sondern als Mittel der Steigerung. Was zunächst kontrolliert wirkt, kippt in eine kalkulierte Ekstase, bei der unklar bleibt, ob sich der Song verändert oder doch eher die Wahrnehmung. Gerade dieses Changieren macht seinen Reiz aus. “The Green Fairy” erscheint als Gaslight Troubadours Remix in einem deutlich elektronischeren Gewand als die pianobasierte Fassung auf dem mit Jeremy Reed und Othon Mataragas produzierten Albums “Against Nature”, das auf “A Rebours” von Joris-Karl Huysmans Bezug nimmt. Streicherflächen, triphopartige Beats und basslastiges Wummern rahmen einen Text über Absinth und halluzinatorische Selbstbegegnungen. Die Identität zerfällt darin in Farb- und Spiegelbilder, was im elektronischen Setting nüchterner und zugleich distanzierter wirkt als im kunstliedhaften Original.

Auch “Mother Fist”, ursprünglich Titeltrack des gleichnamigen Albums, wird im Remix neu justiert. Das Shanty-Kolorit bleibt erhalten, doch Tempo und technoide Zuspitzung verleihen dem Stück über die Vorteile einer Liebe als “inside job” eine andere Schärfe und steigern dessen Ohrwurmqualität noch. So schließt sich der Kreis. “Salambo” ist ausgesprochen kurzweilig, weil es seine Stile bewusst ausstellt und gegeneinander verschiebt. Der vermutlich wieder aus einem Film gesamplete Schlusssatz “I hope you find the journey’s end was worth the journey” verlangt geradezu nach einem Resümee, und wenn man die auf “Salambo” gefeierte Nostalgie betrachtet, die allen Brüchen zum Trotz dionysisch eingefärbt ist, ist naheliegend, dass Almond und seine Troubadoure ihn wohl bejahen würden. (U.S.)