DAVID E. WILLIAMS: All My High School Teachers Are Dead

David E. Williams hat nach beinahe vier Jahren den ersten neu geschriebenen Song herausgebracht und seinen verblichenen Lehrern aus der High School-Zeit gewidmet – ein Thema, bei dem man, zumindest als Schreiber, der mittlerweile als “middle aged” durchgeht, kaum umhin kann, sich die eigene Zeit als klugscheißender Schulschwänzer in Erinnerung zu rufen, und natürlich die Menschen aus dieser Zeit, die nach und nach verschwinden. Williams widmet sich diesen Themen mit überraschender Direktheit im Gewand eines ruppigen Post Punk-Songs von kaum drei Minuten Länge.

Dabei beginnt alles mit einer ebenso einfachen wie makabren Feststellung: Die High-School-Lehrer sind durch die Bank tot. Das lakonische Statement entfaltet schnell eine größere Perspektive, denn während die Rockgeschichte voller Songs über die Schulzeit steckt – von rebellischen Teenagerfantasien bis zu nostalgischen Rückblicken –, interessiert sich Williams für eine viel spätere Phase: für den Moment, in dem diese Erinnerungen so weit zurückliegen, dass ihre Protagonisten längst aus der Welt verschwunden sind. Ob diese je erfahren haben, was für ein Genie sie da zwischen ihren Betonmauern ausgebrütet hatten? Selbst das Gebäude, in dem all das stattfand, existiert nicht mehr. Es wurde durch ein Einkaufszentrum ersetzt, und auch dieses soll wohl bald abgerissen werden.

Musikalisch unterstreicht Williams diese existenzielle Pointe mit einer forschen Energie. Der Song steigt ohne Umwege mit postpunkigem Gehämmer und Geschrubbe ein, fast so, als wolle er sich kurzzeitig in die Gesellschaft der Ramones oder anderer nervöser Drei-Akkord-Ikonen einreihen – bei einem Musiker, denn man im Zweifelsfall eher noch mit dem Klavier (oder Elektronik) in Verbindung gebracht hätte als mit Gitarren ist das durchaus überraschend. In den Strophen zieht sich das Instrumentarium dann etwas zurück, was Williams’ beinahe stoisch wirkendem Gesang den vorderen Bühnenrand überlässt. Wie so oft bei ihm gewinnt die Stimme mit der Zeit an Druck, bis sich jene eigentümliche Mischung aus verspieltem Schalk und Bitterkeit einstellt, die man von ihm kennt. Mitten im Song tauchen schließlich Pianoklänge auf, die dem Ganzen eine unerwartet wehmütige Färbung geben. Plötzlich wirkt der Lärm weniger wie jugendliche Auflehnung als allenfalls wie eine Erinnerung daran, eine Art gealterter Punkgestus, der weiß, dass er zu spät kommt. Diese Verschiebung passt erstaunlich gut zum Text, der sich immer wieder zwischen makabrem Witz und stiller Melancholie bewegt. Williams zählt nüchtern auf, wie mit zunehmendem Lebensalter die Reihen der Lebenden dünner werden, streift halb ironisch Verschwörungstheorien über angebliche Bootsunfälle und erinnert sich an ehemalige Freundinnen, die in der Gegenwart höchstens noch als peinlich-verbotene Gedankenschatten auftauchen.

Solche Momente gehören seit jeher zu Williams’ Spezialität: Diese leicht schwarzgallige Boshaftigkeit, die sich im nächsten Augenblick in etwas Sanftes verwandelt. Auch deshalb wirkt der Song trotz seines morbiden Themas erstaunlich kurzweilig, und interessant ist auch, dass Williams sich an einer Stelle auch der eigenen Vergänglichkeit widmet, in dem er auf dem Cover in die Rolle eines der rohrstockbewaffneten Lehrer schlüpft. Am Ende steht kein großes Finale, sondern ein abruptes Abbrechen. “All My High School Teachers Are Dead” ist die Momentaufnahme einer Erinnerung, wie es weiter geht wird die Zeit zeigen.

Interessant ist die Single auch im Kontext seines jüngsten Albums “Bring Me A Ladder”, das bereits eine lose biografische Entwicklungsgeschichte in Form eines Songzyklus entwarf. Der neue Song wirkt nun noch persönlicher, denn Williams entwirft nicht mehr nur Rollen oder überzeichneten Figuren, sondern rückt seine eigene Lebensphase stärker ins Zentrum. Sicher hat auch das Stoff genug für ein ganzes Album. (U.S.)