Vor etwas mehr als einem Jahr legte der australische Musiker Adam Geoffrey Cole mit seinem Projekt Trappist Afterland das großartige Album “Evergreen – Walk To Paradise Garden” vor, eine persönliche Auseinandersetzung mit Verlust, Trauer und der Suche nach einem Neuanfang. Geprägt vom Tod seiner Mutter und dem Scheitern seiner Ehe verband das Werk bittere Erfahrungen mit dem Bild eines Paradieses, das nicht als statische Utopie erscheint, sondern als Zustand fortwährenden Wachstums. Das “Immergrüne” wurde zur Metapher für Regeneration aus Trümmern, getragen von folkigen Arrangements mit Oud, Gitarre und markanten Gaststimmen wie David Tibet und Angeline Morrison. Stücke wie “Incarnation Blues” thematisierten eindringlich die Einsamkeit nach verlorener Gemeinschaft, bevor das Album in einer versöhnlichen Geste endete.
Mit “Kindred Hymns – Walk To Paradise Garden (Part 2)” setzt Cole diesen Weg nun fort. Anders als beim Vorgänger hat er diesmal sämtliche Instrumente selbst eingespielt und somit ein Soloalbum im buchstäblichen Sinne geschaffen, auch Gesang gibt es diesmal nur vom Meister selbst. Zum Einsatz kommen neben verschiedenen Gitarren Zither, Hackbrett, Drehleier, Harmonium, Kazoo, Piano, Daf und sogar Synthies. Stilistisch knüpft das Werk nahtlos an den ersten Teil an, die Stücke wirken erneut nahbar und unprätentiös, entfalten dabei aber eine stille, fast sakrale Intensität. Schon die Titel markieren alle neun Kompositionen als Hymnen, als Gesänge, die Erinnerung, Verlust und Verbundenheit in einen übergeordneten Rahmen stellen.
“Hymn I – The Bushfire’s Haze” eröffnet mit melodischem, zugleich repetitiv-hypnotischem Strumming. Der Song entwickelt ein berührendes Narrativ, das eine zwischenmenschliche Beziehung als so verheerend wie ein Buschfeuer beschreibt. Für einen australischen Musiker ist dieses Bild keine abstrakte Metapher, sondern reale Erfahrung. Der Auftakt beginnt nicht versöhnlich, sondern in einer Atmosphäre der Verwüstung, findet jedoch eine eindringliche melodische Form, in der Größe entsteht. “Hymn II – Petrichor” greift die Thematik auf. Petrichor bezeichnet den Geruch von Regen auf trockener Erde, ein Moment des Aufatmens nach Hitze und Dürre, die Buschfeuer sind gelöscht. Angeregtes Gitarrenpicking, später feuriges Strumming und klingelnde Klangdetails rahmen Coles Stimme, die im Chor mit sich selbst singt und summt. Erinnerungen an die Tage der Buschfeuer werden erneut aufgerufen, nun aber in einem mystisch aufgeladenen Kontext. Verschiedene Textstellen verweisen auf das vorangegangene Stück, zugleich scheint hier bereits ein vorsichtiger Aufbruch anzuklingen.
Mit “Hymn III – Incarnation Blues (Part 2)” kehrt Cole explizit zu einem zentralen Motiv des Vorgängers zurück. Die entspannten Akustikgitarrenfiguren wirken zurückgenommen, elektronische Elemente färben den Song neu ein. Es ist weniger eine lineare Fortsetzung als eine erneute Betrachtung, eine Variation des Themas. Das Motiv des “Evergreen” taucht wieder auf, verbunden mit der Sehnsucht nach Heimkehr. Der Titel legt darüber hinaus eine gnostische Dimension nahe: Inkarnation verweist auf Verkörperung und Gefangensein im Irdischen, ein Gedanke, der in gnostischen Traditionen mit der Sehnsucht nach Rückbindung an eine höhere geistige Wirklichkeit verbunden ist – das Pleroma, das uns auf dem Album noch begegnen wird. Ob Cole sich dieser Tradition wieder stärker annähert, bleibt offen, doch die wiederkehrenden Begriffe deuten eine gewisse Nähe an.
“Hymn IV – Cicadas (The Nymph Stage)”, dessen Titel auf eine Phase des Verborgenen und der Metamorphose verweist, wirkt wuseliger und verspielter. Spoken Words sind deutlich nach hinten gemischt, Coles Stimme ist dabei nicht sofort identifizierbar. Klanglich entsteht ein Eindruck von Übergang und innerer Unruhe, rauschende, kratzige Geräusche gewinnen an Dominanz, bis sich verfremdetes Zikadenzirpen herausschält. “Hymn V – Floydo Finds The Pleroma” ist dem verstorbenen Hund des Musikers gewidmet. Ein zunächst heiteres, zugleich wehmütiges Picking trägt den Song. Der gnostische Begriff Pleroma bezeichnet die Fülle der göttlichen Wirklichkeit jenseits der fragmentierten Welt. In diesem Kontext kann der Titel als Trostbild gelesen werden: Die Erinnerung an den Begleiter verbindet sich mit der Vorstellung einer umfassenden, heilen Ganzheit. Das Stück hält schöne Erinnerungen und das Gefühl des schmerzhaften Vermissens in einer schlichten, würdevollen Balance. “Hymn VI – Christina” führt das Erinnerungsthema fort. Ein melancholischer Grundton prägt das Lied, zugleich offenbart es Leichtigkeit. Zeilen wie “now the sea belongs to you” deutet auf Abschied und Übergabe, das Motiv des Meeres als Speicher von Erinnerung fügt sich in das Gesamtbild.
“Hymn VII – Village Drawl (The Red Thread Weaves)” ist drängender. Strumming treibt das Stück voran, während sich im Hintergrund eine zunehmend dominante Dronestruktur aufbaut und eine Spannung entstehen lässt, die elektrisierend wirkt. Der Titel verweist auf ein Küstendorf und auf den “roten Faden”, der sich webt – Orte und Personen erscheinen als mit Bedeutung aufgeladene Knotenpunkte im Gewebe der Erinnerung. Mit “Hymn VIII – The Sea Stretched Across The Pines” wird die von leiser Melancholie durchzogene Atmosphäre weit und sanft, man meint die salzige Meeresluft und den Duft von Koniferen zu spüren. Harmonisch und zärtlich entfaltet sich einmal mehr eine Familienerinnerung, die dem Albumtitel “Kindred Hymns” entspricht. Den Abschluss bildet “Hymn IX – It’s Not Easy Being Me (It’s Easier With You)”, eine Hymne an menschliche Verbundenheit mit leichtem 60s-Anklang. Nach den zuvor durchschrittenen Bildern von Feuer, Regen, Meer und Erinnerung formuliert Cole hier eine schlichte Erkenntnis: Identität bleibt brüchig, doch im Gegenüber wird sie tragfähiger.
“Kindred Hymns” ist damit konsequente Fortsetzung und Verdichtung. Die Themen Verlust, Erinnerung, Natur und spirituelle Suche bleiben präsent, nun jedoch aufgrund des solistischen Ansatzes in einer noch radikaler persönlichen Form. Die Hymnen wirken wie intime Selbstgespräche, die zugleich auf Gemeinschaft zielen. Das Paradies, das hier gesucht wird, erscheint weiterhin nicht als fernes Jenseits, sondern als Möglichkeit, im Weiterleben, Erinnern und Verbundensein eine Form von Fülle zu finden.
Label: Reverb Worship / Future Grave