THIS MORN’ OMNIA: Insha

Die belgische Formation This Morn’ Omnia um Mastermind Mika Goedrijk ist bereits seit fast dreißig Jahren aktiv und bewohnt einen Bereich im weitverzweigten Grenzgebiet aus spirituell ausgerichtetem Ritualismus und einer rhythmusbasierten Dynamik, deren Wurzeln sowohl in postindustrieller Elektronik und technoiden Ansätzen als auch in älteren, oft außereurpäischen Traditionen stecken. 

Ich kenne nur einen überschaubaren Teil ihrer umfangreichen Diskografie, vertraue aber den Liner Notes, die das neue, mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Hause Nam-Khar entstandene Album “Insha” als konzeptuelle Neuausrichtung markieren im Sinne einer Zusammenführung früher ritueller Ansätze mit der später entwickelten rhythmischen Strenge.

Im Zentrum des Werks scheint weniger ein narrativer Bogen zu stehen als vielmehr die Frage nach der Verknüpftheit von Form, Handlung und Energie im Ritual. “Heralds” eröffnet mit rauschenden, polternden Klangschichten, aus denen sich detonationsartige Eruptionen ebenso lösen wie melodische Linien. Dem Titel entsprechend wirkt das Stück wie eine Ankündigung unter Spannung, aufgeladen, unruhig, von fragmentierten Lautäußerungen durchzogen. “Tephra”, benannt nach vulkanischer Asche, bleibt gleitender und milder. Metallene Details, hohe Pfeiftöne und feine perkussive Akzente erzeugen Bewegung innerhalb des weitgehend stabilen Gefüges.

“7Sekhem” greift den altägyptischen Begriff für Lebenskraft auf. Ein verspielter elektronischer Rhythmus steht vor melodischen, fast orchestral wirkenden Schichten. Die rhythmische Struktur erinnert an vorderasiatische Traditionen, verdichtet sich nach einem Bruch und gewinnt an körperlich anmutender Präsenz, die sich ab jetzt über weite Strecken des Albums halten wird. “Mañjuśrī”, benannt nach dem Bodhisattva der transzendenten Weisheit, beginnt zurückhaltender, steigert sich jedoch zu einem drängenden Puls von der Kraft eines flammenden Schwerts, in dem eine weibliche Stimme – eine Andeutung an Prajñāpāramitā? – kurz aufscheint.

“Nalanda” setzt mit rauer Dröhnung, Knirschen und Rasseln ein. Der Name verweist auf die buddhistische Lehrstätte in Nordindien, oft mit ihrer historischen Zerstörung assoziiert, hier jedoch eher als Erinnerung an geistige Errungenschaften deutbar. “Exodus” öffnet ein luftigeres Szenario mit gerüsthafter Perkussion, kreisenden Synthies und verwehenden Stimmen. “Sannyasin” greift den Begriff des Entsagenden auf und bleibt düster, rhythmisch und von schwerer Perkussion getragen. “Body of Light” schließt mit gleitenden Höhen und hellen Obertönen. Der Klang schwillt noch einmal an, wirkt zugleich distanziert und von einer leisen Wehmut durchzogen.

“Insha” verzichtet auf einen allzu ausdrücklich erzählerischen Rahmen und lässt den Prozesscharakter von Ritual, Rhythmus und dem Echo postindustriellen Lärms für sich sprechen und ineinandergreifen. Dass dies nicht diffus bleibt, sondern mit bemerkenswerter Klarheit und innerer Konsequenz Gestalt annimmt, macht “Insha” zu einem kraftvollen und letztlich gelungenen Werk, das eine bemerkenswerte Sogwirkung entfaltet. (U.S.)

Label: Cyclic Law / Zazen Sounds