V.A.: Ethiopian Musics 1971

Äthiopien nimmt innerhalb der afrikanischen Musikgeschichte(n) seit jeher eine besondere Stellung ein. Über Jahrhunderte hinweg entwickelten sich dort eigenständige musikalische Traditionen, die trotz vielfältiger kultureller Kontakte ihre charakteristischen Skalen, Gesangsformen und Instrumente bewahrten. Zugleich ist das Land Heimat einer außergewöhnlichen ethnischen Vielfalt, deren musikalische Ausdrucksformen sich teils deutlich voneinander unterscheiden.

Die nun bei Sub Rosa erschienene Doppelveröffentlichung “Ethiopian Musics 1971″ macht diese Vielfalt auf eindrucksvolle Weise erfahrbar. Sie versammelt Feldaufnahmen, die Ragnar Johnson und Ralph Harrisson 1971 an unterschiedlichen Orten des damaligen Kaiserreichs Äthiopien aufnahmen – in Addis Abeba ebenso wie in der Danakil-Wüste oder den Grenzregionen zum Sudan und zu Kenia. Entstanden ist weit mehr als ein musikethnologisches Dokument: Diese Aufnahmen besitzen eine Unmittelbarkeit und Lebendigkeit, die auch mehr als fünf Jahrzehnte später nichts von ihrer Faszination verloren haben.

Schon die ersten Stücke ziehen unmittelbar in ihren Bann. Aufgewühlte Bläser, rumpelnde Trommeln und ekstatische Gesänge wechseln immer wieder scheinbar mühelos die Richtung, Rhythmen verändern sich spontan, Melodien schlagen unvermittelt neue Wege ein. Gerade diese organische Unvorhersehbarkeit verleiht vielen der Aufnahmen ihre mitreißende Energie. Die Musik wirkt oft, als entstünde sie genau in dem Moment, in dem sie erklingt – frei, kommunikativ und von einer ansteckenden Vitalität getragen. Stücke wie “Song About the Beauty of Women”, “Tej Beit Song” oder der temperamentvolle “Dorze Work Song” vermitteln beinahe den Eindruck einer improvisierten Zusammenkunft, bei der Sänger und Instrumentalisten einander intuitiv folgen.

Ebenso eindrucksvoll sind die ruhigeren Momente. Die tief tönende Bagana, die nicht ohne Grund als Harfe Davids gilt, begleitet christliche Gesänge von großer spiritueller Intensität, während Mary Armedes poetische, zum Teil von der an einen Bajo erinnernden Craar begleitete Lieder eine berührende Melancholie entfalten. An anderer Stelle öffnen Flöten aus der Afar-Region oder die filigranen Ornamente der Nuer-Harfe fast meditative Klangräume, bevor Daumenklavier, Trommeln oder vielstimmige Chorgesänge die Musik wieder in Bewegung versetzen. Manche Klänge wirken aus heutiger Perspektive überraschend abstrakt, etwa jene schillernden, schwer zu identifizierenden Reib- und Blasgeräusche, die sich durch einige Stücke ziehen und ihren ganz eigenen Zauber entfalten.

Die Titelliste gibt bereits einen Eindruck davon, wie eng Musik und Alltag miteinander verbunden sind. Liebeslieder stehen neben Arbeitsgesängen, Tanzmusik neben Jagd- und Kriegsliedern, spirituelle Gebete neben Divinationsritualen. Gerade diese Vielfalt macht den Reiz der Zusammenstellung aus: Sie dokumentiert keine einzelne Tradition, sondern eröffnet einen vielschichtigen Einblick in die musikalischen Kulturen Äthiopiens und seiner angrenzenden Regionen. Dass die Namen der meisten beteiligen Musikerinnen und Musiker unbekannt bleiben ist nicht Ausdruck einer kuratorischen Unachtsamkeit, sondern Ausdruck einer Musikkultur, in der individuelle Hervorhebung weniger Gewicht hat als die gemeinschaftliche Aktivität und das musikalische Resultat.

Bemerkenswert ist dabei nicht zuletzt die Qualität der Aufnahmen. Wie die Liner Notes hervorheben, legte Ragnar Johnson größten Wert auf eine möglichst natürliche räumliche Abbildung der Musiker und ihrer Umgebung. Tatsächlich besitzen diese Aufnahmen eine erstaunliche Klarheit und Tiefe; oft entsteht das Gefühl, gemeinsam mit den Musikern im selben Raum zu sitzen. Dass diese Dokumente nach über fünfzig Jahren noch immer derart lebendig wirken, ist ebenso den außergewöhnlichen musikalischen Leistungen wie der Sorgfalt ihrer Aufnahme zu verdanken.

“Ethiopian Musics 1971″ ist damit weit mehr als ein historisches Archivdokument. Die Sammlung führt eindrucksvoll vor Augen, wie reich, vielgestaltig und gegenwärtig diese Musik bis heute klingt. Wer sich auf ihre wechselnden Rhythmen, ihre ungewöhnlichen Klangfarben und ihre unmittelbare Ausdruckskraft einlässt, entdeckt nicht nur ein faszinierendes Kapitel afrikanischer Musikgeschichte, sondern eine Musik, die auch heute noch voller Leben, Neugier und Inspiration steckt. (U.S.)

Label: Sub Rosa