TWELVE THOUSAND DAYS: As The Moon Draws The Tide

Schon das erste Auftauchen von Martyn Bates’ unverwechselbar hochstürmender Stimme genügt meist, um klarzumachen, dass man sich in der eigentümlichen Zwischenwelt von Twelve Thousand Days befindet. Auch auf dem vor ein paar Monaten erschienenen “As The Moon Draws The Tide” setzen Bates und Alan Trench ihre bisweilen behutsame, aber immer konsequente Reise fort. Wieder begegnen sich Eigenkompositionen, Bearbeitungen englischer Traditionals und literarischer Vorlagen in einem musikalischen Kosmos, der Vergangenheit und Gegenwart ebenso selbstverständlich miteinander verbindet wie pastoralen Folk, psychedelische Elektrifiziertheit und Experimentierfreude.

Schon der Opener “The Witches’ Reel” versetzt den Hörer mitten in einen schattenhaften Hexentanz. Aus summendem Dröhnen schält sich hypnotisches Gitarrenpicking heraus, während Bates’ Stimme wie durch einen Schleier oder einen alten Telefonhörer dringt und den Song in eine traumhafte Unwirklichkeit taucht. “Red Queen, White Queen” entwickelt daraus mit feurigem Akustikgitarren-Strumming, elektrifizierten Details und einer nächtlich aufgeladenen Atmosphäre eine eigentümliche Verbindung aus Neofolk und dezentem Hardrock, ehe “Notes From A Ruined City”, inspiriert von einem angelsächsischen Text über die Ruinen des römischen Britanniens, lange zwischen Hörspiel, Klanginstallation und Song balanciert und sich erst allmählich zu einer beinahe orchestralen Weite öffnet.

Überhaupt lebt das Album von seinem bewusst unaufgeräumten Klangbild. Immer wieder rumpelt, knarzt, rauscht oder kreischt es im Hintergrund, als würden Bates und Trench ihre Lieder in einer dunklen Rumpelkammer voller Erinnerungen und aufgescheuchter Geister aufführen. Gerade diese scheinbar ungeordneten Details verleihen den Stücken ihre eigentümliche Tiefe und verhindern, dass der Folk jemals bloß pastoral oder nostalgisch wirkt. Besonders eindrucksvoll gelingt dies in “Heathen Dog”, das wohl auf die englische Ballade “Prince Heathen” verweist und sich aus entspanntem, leicht psychedelisch-bluesigem Folk zu einer geradezu endlos wirkenden hypnotischen Beschwörung entwickelt. “Faery Led”, nach einem Gedicht von Mary Webb, erinnert mit schimmerndem Glockenspiel, Schritten im Gras und Bates’ ungewohnt naher Stimme daran, dass die Welt der Feen keineswegs nur freundlich ist. In “Asphodel Flowers”, das Motive der griechischen Unterwelt mit einer Geschichte von Beschwörung, Mord und Wiedervereinigung verbindet, treffen die Stimmen von Bates und Trench diesmal im Duett auf feuriges Strumming und ein lärmendes, beinahe wildes Klanggewirr, das an eine nächtliche Geisterjagd denken lässt.

Nach dem schlichten, wehmütigen “Deceived” erreicht das Album mit “Upon The Blasted Heath” seinen Höhepunkt. Vor einem heterogenen Geflecht aus Dröhnen, Rumpeln und elektronischem Sirren entfaltet Bates eine der stärksten Gesangsmelodien des Albums, während Anspielungen auf Shakespeares Macbeth und die alte Hexenreligion eine elektrisierende, nahezu tranceartige Spannung erzeugen. Auch “Ghosts Of Skyriot Horses”, das auf dionysische Rituale verweist, gehört mit seinen melancholisch elektrifizierten Gitarren und den feinen, glitzernden Klangakzenten zu den nachhaltigsten Momenten der Platte. Das abschließende “Bad Apples”, eine radikale Umdeutung des Skeeters-Songs “When Will the Good Apples Fall”, entlässt den Hörer schließlich in einem langsam verglühenden Strom aus Melancholie, Dröhnen und verstreuten Glocken- und Rasselklängen.

Wie schon die stärksten früheren Arbeiten von Twelve Thousand Days erzählt auch “As The Moon Draws The Tide” keine lineare Geschichte, vielmehr eröffnet das Album eine Folge geheimnisvoller Vignetten, in denen Hexen, Feen, Ruinen, Geister und archaische Rituale weniger folkloristische Staffage als archetypische Bilder einer Gegenwart voller Unsicherheit und Erinnerung werden. Gerade diese Verbindung aus Folk, Experimentierlust und visionärer Bildkraft zeigt, warum Twelve Thousand Days nach wie vor zu den interessantesten Vertretern eines musikalischen Folk Horror gehören.

Label: Final Muzik