Schon die ersten Minuten von “It Will Take Forever” zeigen, dass es Jad Atoui auf seinem neuen Album weniger um klassische Kompositionen als um das Aufzeigen stets veränderlicher Zustände geht. Raues Schaben, verzerrte Oberflächen und stoische rhythmische Fragmente geraten im eröffnenden “Pressure Dream” fast unmerklich in Bewegung, bis sich schwebende Ambientflächen darunterlegen und die Wahrnehmung von Zeit und Tempo vollständig verschieben. Erst nach und nach lösen sich die einzelnen Elemente aus dem dichten Klanggewebe und treten als Melodie, Geräusch oder Rhythmus hervor.
Der in Beirut lebende Klangkünstler arbeitet mit modularen Synthies, Lärmelementen, Dröhnung und elektroakustischen Ansätzen, ohne sich jemals auf eines dieser Felder festzulegen. Immer wieder blitzen Anklänge an Clubmusik auf – tiefe Bässe, rhythmische Andeutungen oder flüchtige melodische Figuren –, doch bevor sich daraus ein Beat entwickeln könnte, zerfallen die Strukturen wieder in sirrende Texturen, bohrende Frequenzen und schillernde Obertonspektren. Wie Atoui jüngst in einem Interview mit A Closer Listen erklärte, interessiert ihn dabei weniger der Beat als das, was von der Rave-Erfahrung übrig bleibt, wenn das primäre Ereignis verschwindet: Körperlichkeit, Druck, ein verändertes Zeitempfinden und das Gefühl kollektiver Versenkung. Entsprechend richtet sich sein Interesse hörbar stärker auf die körperliche Wirkung von Klang.
Dabei steht das Material nie still. “Haptic Drift” entwickelt aus Rauschen und vibrierenden Klangpartikeln eine eigentümlich sinnliche Schwerelosigkeit, während “Purge” mit eruptivem Noise, verfremdeten Stimmen und cinematisch aufgeladener Spannung arbeitet. Besonders faszinierend ist Atouis Fähigkeit, selbst aus den verzerrtesten Klangschichten immer wieder melodische Linien hervortreten zu lassen, die dem Album eine unerwartete emotionale Tiefe verleihen. Die in “Purge” auftauchenden Sprach- und Klangfragmente wirken dabei weniger dokumentarisch, sondern vielmehr als geisterhafte Erinnerungsfetzen – ein Eindruck, den der Musiker selbst bestätigt hat: Die verwendeten Aufnahmen stammen aus einer früheren Schaffensphase und fungieren für ihn vor allem als Träger persönlicher Erinnerungen.
Mit “Reaching Heart” und dem kurzen “Blue Moon Red Cloud” öffnet sich der Klangraum zeitweise fast orchestralen Weiten, bevor das abschließende “Weather Of Collapse” die unterschiedlichen Strategien des Albums noch einmal bündelt: Flatternde Rhythmen, dichter Lärm, fragile Melodiebögen und permanente klangliche Transformationen verdichten sich zu einem Finale, das seine Spannung nicht aus einer zu erwartenden Eskalation, sondern aus steter Veränderung bezieht. (U.S.)
Label: Ruptured