Schlaf als Zustand zwischen Bewusstsein und Auflösung, zwischen Kontinuität und Bruch – dieses Spannungsfeld steht im Zentrum von Ira Hadžićs Album “Geographies Of Sleep”. Die aus Sarajevo stammende Berliner Künstlerin versteht ihre Arbeit als eine Art akustische Kartografie: Resonanzen, die sich in konzentrischen Kreisen ausbreiten, Strukturen, die sich von innen her verschieben, minimale Bewegungen, die dennoch ein Maximum an Aufmerksamkeit erfordern.
Entstanden ist “Geographies of Sleep” aus der Auseinandersetzung mit Raumklangumgebungen, inspiriert von Hadžićs Aufenthalt im Hertz-Labor des Zentrums für Kunst und Medien Karlsruhe. Schon die Coveraufnahme aus der Chapada Diamantina in Brasilien lässt etwas von den changierenden, mineralisch wirkenden Farbwerten erahnen, die sich auch in den Klängen wiederfinden. Viele werden Ira Hadžić bereits durch ihre vor gut zwei Jahren erschienene Zusammenarbeit mit Cedrik Fermont kennen: Auf “Kenopsia” kamen ein symphonischer Gong und ein Windgong zum Einsatz; die Form und Gestalt der Stücke ergaben sich maßgeblich aus Aufnahme, Nachbearbeitung und Abmischung.
Das neue Album beschränkt sich auf einen einzigen, 36-Zoll messenden Symphonic Gong, aufgenommen in jeweils einem ungeschnittenen Durchgang. Das vielleicht nicht grundlos fragmentarisch betitelte “A Mountain Is” eröffnet mit einem zunächst leisen, dann aber merklich anschwellenden Dröhnen, das sich über zwölf Minuten hinweg verdichtet. Die Töne wirken wie in Sirup eingelegt, schwankend zwischen vibrierendem Fundament und knarrigen Oberflächen. Ob es sich bei manchen Veränderungen um tatsächliche Klangverschiebungen oder um akustische Täuschungen handelt, bleibt offen, und auch dieses eventuelle Spiel mit der Wahrnehmung verleiht dem Stück seine Spannung. Ein Bruch mit relativer Stille in der Mitte macht den Gonganschlag erstmals unmittelbar deutlich.
“A Low Drone” wirkt (im interessanten Kontrast zur Schlafthematik) aufgeweckter, obwohl ein dunkler Grundton dominiert. Nach und nach treten hellere Resonanzen hervor, flankiert von Knarren und Vibrieren. Besonders eindrucksvoll ist das lange Nachhallen der Dröhnwellen, die wie Atembewegungen anschwellen und zurückfallen. Mit fast einer Viertelstunde ist “Held For Too Long” das umfangreichste Stück. Es setzt kerniger, knarriger, noppiger ein, mit metallischen, vielleicht messingfarbenen Qualitäten. Das Kreisen und Schwingen verläuft gemächlicher, bis sich leise perkussive Momente einschleichen. Allmählich glätten sich die Oberflächen, die Struktur wirkt elektrifizierter, ehe starkes Vibrieren und tremolierende Effekte in einen luftigen Schlussteil voll leerer Räume überleiten.
“Geographies of Sleep” ist so eine aufmerksame Studie des Hörens selbst, minimal in den Mitteln, reich im Ergebnis, präzise und zugleich offen für das Ungefähre. Ein Album, das im Reduzierten nicht Enge, sondern Weite findet.