Unberechenbarkeit wird oft als Mangel an Ordnung empfunden, als etwas, das sich der Kontrolle entzieht. Zugleich kann sie aber auch eine willkommene Voraussetzung für Aufmerksamkeit sein: Wo Verläufe offen bleiben, entsteht eine besondere Form von Spannung, die nicht auf Auflösung drängt, sondern auf Wahrnehmung. An diese Art von Spannung fühlt man sich erinnert, wenn man sich auf das Album “Burnt Sand Learning to Sing” der in Tokyo lebenden Instrumentalisten, Klang- und Medienkünstler Chi Him Chik and Aquiles Hadjis, einlässt.
“Burnt Sand Learning to Sing” ist als musikalischer Dialog zwischen beiden angelegt, ergänzt wird dieses Zwiegespräch punktuell durch Aiii, eine von Chik entwickelte Improvisationsmaschine, die auf das Gehörte mit unvorhersehbaren vokalen Fragmenten reagiert. Die Aufnahme wurde von Hadjis gemischt und bewusst ohne Mastering belassen – ein Ansatz, der der unmittelbaren Dynamik der Session verpflichtet bleibt und die klanglichen Details unverstellt hörbar macht. Bei alldem sollte man die akustischen Instrumente der beiden nicht unerwähnt lassen, so beispielsweise das einsaitige japanische Zupfinstrument Taishōgoto, die oboenartige Hichiriki und nicht zuletzt das Saxofon, das über weite Strecken einen zentralen Ort einnimmt.
Die erste Seite enthält den knapp zwanzigminütigen Track “Night Flight Television over the Dunes”. Der rätselhafte Titel evoziert Assoziationen von nächtlicher Bewegung und einer weiten, offenen Landschaft – vielleicht ein flackerndes Beobachten aus der Distanz, irgendwo zwischen Natur und Signalübertragung. Entsprechend beginnt das Stück mit leisem Rascheln und Schaben, aus dem sich allmählich klarere Klangereignisse herauslösen. Luftige, zugleich perkussiv anmutende Geräusche treten hervor, bis schließlich das Saxofon als zentrales Ausdrucksmittel erkennbar wird. Hohe, sinusartige Töne, die an Feedback erinnern, und erste fragmentierte Melodien prägen die tastende, aber bereits konzentrierte Anfangsphase.
Im weiteren Verlauf entfaltet sich ein vielschichtiges Klangbild: Es quietscht, kratzt, klimpert und klappert, während sich das Saxofon zunehmend auch in tieferen Lagen bewegt und dem Geschehen eine wärmere, erdigere Dimension hinzufügt. Anstelle plötzlicher Ausbrüche steigert sich die Musik langsam in Dichte und Intensität, was eine anhaltende Spannung erzeugt. Verspielte Triller, federnde metallische Klänge und vogelartige Lautäußerungen durchziehen das Stück. Immer wieder kommt es – auch nach einem zeitweisen Plateau, auf dem ein langer, flächiger, gezogener Ton das Geschehen fast statisch einfriert – zu subtilen Brüchen oder deutlicheren Neuanfängen, ohne den Fluss vollständig zu unterbrechen. Das Stück bleibt bis zuletzt unruhig, vieldeutig und hochgradig spannungsvoll.
Auch der die zweite Seite füllende Track “Radio Fragrances of the Foreign Legion” bleibt vom Titel her bewusst irritierend, insbesondere durch das Wort “Fragrances”, das eben Düfte anstatt Funkfrequenzen benennt und so eine synästhetische, schwer fassbare Wahrnehmung nahelegt. Das Stück setzt mit heftigem Windgetöse ein, gefolgt von rumpelnden Geräuschen und vogelartigem Schnattern, bevor überraschend eine eher stille Phase eintritt. Diese erweist sich als trügerisch: Kurz darauf bricht eine dramatische Passage los, geprägt von dumpf umdröhnten Schlägen und alarmierend wirkenden Schreien.
Doch auch diese Zuspitzung bleibt nur vorübergehend. Die Musik zieht sich wieder zurück und entwickelt sich leise weiter. Geräusche, die an versprühtes Wasser erinnern, stehen nun im Vordergrund, begleitet von Saitengeklimper, hölzernem Rumpeln und tiefem Dröhnen. Nach einer erneut ruhigeren Passage wird der Klang allmählich rauer und dichter, als würde sich ein weiterer Höhepunkt ankündigen – wobei das Stück seine Richtung stets offen lässt und bewusst unberechenbar bleibt. Gegen Ende gewinnt die Komposition deutlich an rhythmischer Energie, auch ohne klassische Beats oder metrische Strukturen. Die Dynamik wirkt stark nach vorn gerichtet, fast antreibend, bevor das Stück schließlich unter motorenähnlichen Geräuschen langsam ausklingt.
Unberechenbarkeit ist hier kein Effekt, sondern ein inprovisatorisches Prinzip. Die Stücke entwickeln ihre Spannung aus subtilen Verschiebungen, aus dem Wechsel von Verdichtung und Leere, aus Bewegungen, die sich andeuten, ohne sich sofort zu entladen. So entsteht eine Musik, die weniger auf Zielpunkte zusteuert als auf das aufmerksame Verfolgen ihrer inneren Dynamik – getragen von einem dialoghaften Zusammenspiel, das Improvisation nicht als Freiheit von Form versteht, sondern als präzise Arbeit an Wahrnehmung, Zeit und klanglicher Präsenz. (U.S.)
Label: aNoise