Mit “Neuer Almanach” legt der in Berlin lebende Soundkünstler Felix-Florian Tödtloff – bekannt auch als Sferics und aus Formationen wie Magazine Magazine, The Old Dream of Symmetry und Swoosh – ein zurückgenommenes, zugleich sehr konzentriertes Album vor, das seine Arbeit im Bereich Ambient und Drone weiter verdichtet und an seine bisherige Beschäftigung mit melancholisch eingefärbten Synthieflächen, E-Gitarre, Field Recordings und verwandten Mitteln anknüpft.
Diesmal scheinen, zumindest dem Hörgefühl nach, Orgelsounds eine prominente Stellung innezuhaben. Teile des Materials entstanden, wie man erfährt, in Berlin, Valencia und Omalo in Georgien. Der Titel legt dabei weniger eine Programmatik als eine lose Ordnung nahe, ein Nebeneinander von aktuellen Einträgen, Zuständen, Betrachtungen und Beobachtungen.
Der Opener “I Am Here” entfaltet ein helles, leicht orgelartiges Dröhnen, das in langsamen Intervallen anschwillt und abebbt. Unter der gleichmäßigen Bewegung scheint sich allmählich eine zweite, etwas schnellere Pulsierung zu entwickeln, die den hypnotischen Charakter verstärkt. “Continental” arbeitet mit einem farbigeren, luftiger wirkenden Material, das stellenweise an ein Harmonium erinnert. Die Schwellbewegungen scheinen weniger regelmäßig, das Geschehen wirkt offener und spannungsreicher. Nach einem scheinbaren Verklingen öffnen Field Recordings mit Stimmen, Alltagsgeräuschen und einem veritablen Wolkenbruch aus Ivry-sur-Seine bei Paris eine unerwartete zweite Ebene.
“Für den Rotmilan” beginnt mit einem anhaltenden, vibrierenden Sinuston, unter dem sich alsbald ein dunkleres, voluminöses Dröhnen ausbreitet. Die langsamen Strömungen bleiben lange ohne melodische Zuspitzung, ehe weitere Töne auftreten und dem Stück eine beinahe orchestrale Anmutung verleihen. Trotz dieser Entwicklung bleibt alles zurückhaltend und bricht schließlich abrupt ab. Der kurze Track “Spinoza” setzt dem mit einer hörspielartigen Szene aus Wasser-, Vogel- und Stadtgeräuschen, ebenfalls wieder aus Ivry-sur-Seine, etwas Konkreteres entgegen. Vereinzelte Klavierakkorde treten hinzu und öffnen einen klar umrissenen akustischen Raum. Es ist das einzige nicht dröhnende Stück des neuen Almanachs.
Der abschließende Titel “Looking For Something That Will Last” beginnt sehr leise mit einer griffigen Dröhnung, die sich allmählich ausdehnt und von helleren, raueren Schichten überlagert wird. Das Material verdichtet sich, unterbricht sich selbst und gewinnt gegen Ende eine wärmere, fast melodische Kontur, bevor ein vibrierender Schluss stehen bleibt. Das kann, in Anlehnung an den Titel, sehr gut so bleiben.
“Neuer Almanach” lebt von feinen Verschiebungen, langsamen Veränderungen und, wie mir scheint, dem bewussten Verzicht auf klare Auflösungen. Vielleicht lässt sich der Titel auch in diesem Sinne lesen: nicht als Sammlung abgeschlossener Stücke, sondern als Folge von Einträgen, die einen Zeitraum, verschiedene Orte und Zustände markieren. (U.S.)
Label: Weak Industries