DENIZ TAFAGHODI: Self Portrait

Irgendwo an einer Backsteinmauer, in einer tristen Ecke, hängt ein einzelner Lautsprecher. Ein drahtiges Gitter liegt wie ein Schutzschild darüber, als müsse verhindert werden, dass er beschädigt wird oder dass seine akustischen Äußerungen nicht gehört werden dürfen. Der Lautsprecher wirkt zugleich ausgesetzt und abgeschirmt, präsent und isoliert. Das Bild evoziert eine Situation von Verletzlichkeit und kontrollierter Offenlegung.

Diese Spannung rahmt “Self Portrait”, ein Album der in Toronto lebenden kanadisch-iranischen Komponistin und Klangkünstlerin Deniz Tafaghodi. In den Liner Notes beschreibt sie das Werk als einen persönlichen, nach innen gerichteten Prozess, in dem Fragmente von Stimmen und Texturen für das sprechen, was sich nicht anders ausdrücken ließ, und der sich als leiser Akt der Heilung entfaltet. Tafaghodi ist klassisch ausgebildete Pianistin, hat sich unter anderem mit dem “Radif of Iranian Music” auseinandergesetzt und arbeitet seit mehreren Jahren in elektroakustischen und interdisziplinären Zusammenhängen.

Der dem Titel zum Trotz eher kompakte Opener “1 Hour 51 Minutes” beginnt mit Rauschen und Kratzen, aus dem fragmentierte Stimmen hervortreten, als kämen sie aus einem entfernten Lautsprecher. Männer- und Frauenstimmen überlagern sich, wirken repetitiv und bleiben unverständlich. Das liegt nicht nur an der möglichen Sprache, sondern auch an der starken Fragmentierung. Geräusche des Hantierens mischen sich darunter, kurze vokale Ausbrüche lassen sich als Lachen erahnen.

“My Name” führt die Stimmfragmente weiter und ergänzt sie um monotone, zugleich stimmungsvolle Anschläge, die an ein E-Piano erinnern. Die Stimmen scheinen aus dem vorherigen Stück herübergezogen. Allmählich wird mehr Text verständlich, eine männliche Sprecherstimme ist nun klar als Englisch erkennbar. Trotz der vergleichsweise entspannten Sprechweise entsteht eine bedrückende, leicht bedrohliche Atmosphäre. Inhaltlich scheint es um Namen und Identität zu gehen, auch durch das Hinzutreten einer Frauenstimme. “Return” arbeitet mit vibrierendem, kehligem Material, das stark repetitiv ist und vermutlich vollständig auf Stimme basiert. Metallenes Klappern und hohes, teils erschreckendes Quietschen tritt hinzu, das den morbiden Charakter des Stücks verstärkt. Der Klang bricht abrupt ab, als wäre die Verbindung gekappt worden.

Der abschließende Titeltrack “Self Portrait” beginnt mit Schaben, Reiben und Ratschen vor einem leise rauschenden Hintergrund. Eine englische Männerstimme äußert sich in einem dialogischen Kontext über Erklärungen, Weglaufen und Performance. Eine Frauenstimme antwortet knapp. Es geht um Garderobe, um einen dunklen Keller in Chinatown, um Situationen, in denen Identität benannt und zugleich nur vorübergehend fixiert wird. Während die Soundschichten intensiver werden, verdichtet sich dieser Eindruck, bis das Stück mit dem Wort “Nothing!” endet.

“Self Portrait” entfaltet sich als Folge akustischer Szenen, in denen Stimme weniger Bedeutungsträger als Material ist. Fragmentierung, Wiederholung und Unterbrechung prägen den Ablauf. Das Album wirkt dadurch geschlossen und zugleich fragil und scheint ein ehrliches Selbstportrait zu bieten, dessen Grundtenor mit irgendwo im weiten Feld zwischen den Worten “Self” und “Nothing” zu schweben scheint. (U.S.)

Label: Falt