NOÉMI BÜCHI: Exuvie

Meist zeigt sich “das, was uns ausmacht” und was man gerne Identität nennt, weniger im Festhalten als im Abstreifen. Was bleibt, wenn eine Form sich löst, wenn eine alte Haut zurückgelassen wird, ist weder reines Verschwinden noch vollständiger Neubeginn, sondern ein Zwischenzustand. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich das neue Album “Exuvie” von Noémi Büchi.

Die in der Schweiz lebende Komponistin und Klangkünstlerin knüpft an Themen an, die bereits ihre EP “Liquid Bones” prägten. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit Transformation und mit dem, was abgestreift wird: Haut als Bild für Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Strukturen des Selbst. Der Titel verweist auf das Zurückgelassene nach einer Häutung. Was übrig bleibt, ist eine Spur des Gewesenen, eine fragile Schicht zwischen Vergangenheit, Gegenwart und einem noch offenen Zukünftigen. Wie Büchi bereits in unserem Interview thematisierte, betrachtet sie auch Klang v.a. als formbare Materie. Ausgehend von ihrer Beschäftigung mit elektroakustischer Komposition interessiert sie das Verhältnis von physikalischem Phänomen und dessen Wahrnehmung. Klang existiert nur in der Zeit, ist nicht greifbar und doch an materielle Bedingungen gebunden. Diese Spannung zwischen Materie und Erinnerung prägt auch “Exuvie”. Es geht um die langsameren Rhythmen des Körpers, um eingeschriebene, musikalische wie nicht-musikalische Erinnerungen, die sich unter der Oberfläche halten.

Der Opener “I was almost there” eröffnet das Album mit einem paukenden, in Rauschen gehüllten Takt. Flächige, an Cellostriche erinnernde Schichtungen treten hinzu und erzeugen Spannung. Das Künstliche im Klang steht einer sehr lebendigen, stellenweise spielerischen Dynamik gegenüber. Immer neue Details treten hinzu. Gegen Ende lösen sich die zunächst präsent wirkenden Elemente in eine Art Unordnung auf. Eine Form wurde behauptet, aber nicht gesichert, alles bleibt im Rahmen des “Beinahen”, das schon im Titel hellhörig macht. Das folgende “After the fold” greift das Motiv des Darunterliegenden auf. Unter scheinbar geordneten Strukturen, die Halt geben könnten, entzieht sich etwas. Harmonisch anmutendes Synthiekreisen eröffnen das Stück, begleitet von flinken, beweglichen Figuren, die jeder Statik entgegenarbeiten. Zugleich baut sich ein monumentaler Zug auf, der sich allmählich verstärkt, ohne die Beweglichkeit ganz zu tilgen.

In “The cryptic precision” setzen kratzige Takte ein, deren Richtung offen bleibt. Überraschend treten melodische Motive hinzu, die an ein Cabaretmotiv erinnern könnten und dem Material eine neue Färbung geben, ambient geprägte Flächen ergänzen das Geschehen um weitere Facetten. Trotz wiederkehrender Einzelmotive bleibt der Track in steter Veränderung – Präzision erscheint hier nicht als starre Ordnung, sondern als bewegliches Gefüge. “Beneath Form” wirkt vordergründig fast heiter in seinen melodischen Synthies, doch eine subtile Spannung bleibt spürbar. Erneut verstärkt sich ein monumentaler Eindruck, wenn der Sound an Posaunen und Trompeten erinnert. Unter der Form liegt ein Druck, der sich nie ganz auflöst.

Nach “I suppose” mit seiner flinken, wuseligen Elektronik, die sich zunehmend staut, fungiert das vokallastige “It was” als Zwischenspiel und leitet in “A divided surface” über. Dieses Stück kombiniert unregelmäßig wirkende Beats mit orchestralem Material und einen erneut prägnanten Blechbläsereinsatz, der an einen rootsnahen Kontext erinnert. Die Stimmen aus dem vorangegangenen Stück kehren zurück und lassen sich durch das Neue keineswegs vollständig ersetzen, vielmehr entsteht eine neue Schicht, die das Gesamtbild transformiert. “Dislocated bodies”, ein Rework eines Stücks von Anushka Chkheidze, beginnt mit einer leicht gebrochenen Melodie auf einem E-Piano. Eine verfremdete, heiser wirkende Stimme rezitiert und wiederholt den Satz “I’ve had quite the day”, und dass dieses Mantra mit dem Pronomen der ersten Person Singular beginnt, während sich um dieses “Ich” vielfältige Kontexte entfalten, ist wirkt passend, das Selbst erscheint nicht isoliert, sondern eingebunden und verändert. Der letzte vokale Ton der artifiziellen Stimme klingt wie ein klagender Seufzer, wird jedoch spielerisch präsentiert. Wichtig ist, dass die Musik trotz dunkler Binnenmotive nicht düster im Ganzen wirkt.

Nach dem mittels Glocken- oder Gongtönen in ein andächtiges Licht getauchten “Like they said” wirkt das dem Titel zum Trotz auffallend strukturierte “Structure undone” eher angeregt in seiner zumindest vordergründigen Klarheit. Im kurzen Finale “la mue” kulminieren Bläser, Beats und elektronisch erzeugte Streicher in einem monumentalen Abschluss, der selbst die Frage, ob das Ende offen bleibt, offen lässt. “Exuvie” beginnt mit noch als dunkel lesbaren Impulsen und entpuppt sich schnell als Album, das den imer wiede neu demonstrierten Wandel nicht linear, sondern als Überlagerung von Spuren, als additive Bewegung vollzieht, bei der das Neue das Alte nicht vollständig ersetzt. Die so erzeugte Ambivalenz zwischen Widerstand und Veränderung, zwischen Festhalten und Loslassen, bleibt bestehen. Ist Veränderung nun Fluch oder Segen? Das Album gibt keine Antwort vor, aber es eröffnet einen Raum, in dem die Fragen danach in all ihren Dimensionen immer vertrauter werden.

Label: -OUS