ORDZ / NOISE CLUSTER: From Chaos To Balance

“From Chaos to Balance”, das erste gemeinsame Tape von Ordz und dem Kollektiv Noise Cluster, versteht sich als eine Art geologische Sinfonie, inspiriert von der Entstehung der Kontinente und von den Theorien Alfred Wegeners zur Kontinentalverschiebung. In dieser Perspektive erscheint die Erde nicht als statische Bühne, sondern als ein Organismus in permanentem Wandel, als Gefüge aus Kräften, die sich über Jahrmillionen hinweg verschieben, zerbrechen, zusammenschieben und neu ordnen. Entsprechend folgt das Album einer dramaturgischen Anlage: den großen Movements, die tektonische Entwicklungen symbolisieren, stehen kürzere Intermezzi gegenüber, die als verbindende Elemente zwischen den Epochen fungieren.

Odrz, für alle, denen der Name bisher noch nicht begegnet ist, ist ein offenes kollaboratives Projekt musikalischer und intermedialer Ausrichtung unter der Direktion des in der Lombardei lebenden Künstlers Massimo Mascheroni, Noise Cluster a.k.a. Flavio Derbekannte und Arianna Degni Lombardi sind unseren Lesern hinlänglich bekannt. Die Komposition versteht sich laut Liner Notes ausdrücklich als Symphonie, doch im klassischen Sinn hat man es hier nicht mit orchestraler Form als mit einem elektroakustischen Labor zu tun. Field Recordings, Synthesizer, Noise-Texturen und die immer wieder auftauchende Trompete werden mit menschlichen Stimmen kombiniert, die teils rezitierend, teils extrem verfremdet auftreten. Als Gäste wirken unter anderem die Sängerin KimsonJa mit – sie liest Passagen aus Alfred Wegeners Die Entstehung der Kontinente und Ozeane – sowie Giygas, dessen vokale Interventionen eine deutlich rauere, bisweilen extreme Klangfarbe einbringen.

Das erste Movement eröffnet mit einem vielschichtigen Dröhnen, das zunächst kaum zu lokalisieren ist. Verschiedene Klangfarben überlagern sich, darunter eine verfremdete Trompete, die wie ein fernes Signal aus dem Nebel auftaucht. Bald kippt die Atmosphäre in prasselnden Lärm: ein brodelndes, metallisches Rauschen, in dem schrille Spitzen und kupfern donnernde Schläge aufblitzen. Das wirkt zunächst chaotisch, beinahe formlos, als entstünde hier Klang aus reiner Energie. In dieses Getöse schiebt sich irgendwann eine entrückte, fast ätherische Frauenstimme. Sie wirkt zunächst wie ein Fremdkörper, behauptet sich jedoch gegen das akustische Inferno, bis beide Ebenen – Stimme und Lärm – zeitweise miteinander zu verschmelzen scheinen. Gegen Ende öffnet sich der Klangraum plötzlich: keine Stille, aber eine unerwartete Weite, in der der Stimmenhauch kurz aufatmen kann, bevor die Geräuschmassen erneut anschwellen. Das erste Intermezzo wirkt dagegen wie ein Übergang durch elementare Landschaften. Rumpelnde, geröllartige Geräusche und Windböen – vermutlich Field Recordings – lassen an eine frühe, noch ungestaltete Welt denken. Die Trompete taucht hier wieder auf, mit langsamen, fast suchenden Figuren, die das Intermezzo mit den größeren Movements verbinden. Zwischendurch mischen sich aquatische Klänge darunter, stark verfremdet, als würde man durch Wasser oder durch eine geologische Tiefe hören. Das Ganze erhält immer mehr Züge einer akustischen Kosmogonie.

Movement II beginnt überraschend zugänglicher. Ambientartige Synthiebewegungen und vibrierende Flächen erzeugen eine beinahe musikalische Struktur, als hätte sich aus dem ursprünglichen Chaos Form herausgeschält. Doch diese Ordnung bleibt fragil. Bald drängen quietschende und rumpelnde Geräusche in den Vordergrund, begleitet von einem blubbernden, fast organischen Gurgeln. Es scheppert, kratzt und schabt, und doch hält sich im Hintergrund eine Art atmosphärischer Puls. Aus diesem brodelnden Gefüge scheint sich schließlich wieder etwas wie ein Chor herauszulösen, eine entfernte, fast sakrale Klangspur inmitten der tektonischen Unruhe. Das zweite Intermezzo greift die Elemente erneut auf. Wind und Sturm dominieren, dazu hypnotische Stimmfragmente, Summen und schabende Geräusche. Die Trompete erscheint diesmal fast wie ein kommentierender Beobachter – ein Instrument, das aus der Distanz heraus das Geschehen registriert, ähnlich einem Chor in der antiken Tragödie.

Der dritte Teil des Werkes entfaltet sich in drei Abschnitten und bildet den eigentlichen Höhepunkt der Platte. In Movement IIIa rezitiert eine Frauenstimme zunächst über geologische Prozesse – über Kontinentalverschiebungen und Erdgeschichte –, bevor sie geloopt und schließlich von einer gewaltigen Geräuschwelle verschluckt wird. Diese Welle besteht aus kleinteiligem Klangschutt, aus prasselnden Fragmenten und glühenden Resonanzen. Später tritt eine zweite Stimme auf, ein bestialisches Growlen, das an Grindcore erinnert. Worte sind nur bruchstückhaft zu verstehen – „fuoco“ etwa –, doch die Wirkung ist klar: Hier artikuliert sich eine rohe, eruptive Energie. Movement IIIb führt diese Spannung weiter. Hohe, schneidende Geräusche dominieren, während die growlende Stimme zeitweise ins hysterische Keifen kippt. Dazwischen kehrt die Sprecherin zurück und führt die geologische Erzählung fort: Landbrücken, fossile Funde, die Verbindung von Kontinenten bis ins Quartär. Überraschend mischen sich orientalische Klänge darunter – etwa das Spiel einer Oud –, während bestimmte Ortsnamen wie Island oder Grönland in Schleifen wiederkehren. Das Stück wirkt stellenweise fast statisch, ein Rauschen, das sich ausdehnt und schließlich in den letzten Abschnitt übergeht.

Movement IIIc wirkt zunächst ähnlich lärmend – kratzend, schabend, rauschend –, doch innerhalb dieser Geräuschoberfläche stellt sich eine eigentümliche Gleichförmigkeit ein, die fast beruhigend wirkt. Die Sprecherin kehrt erneut zurück und beschreibt paläogeographische Zusammenhänge früherer Erdzeitalter. Wenn das Growlen im Hintergrund wieder auftaucht, wirkt es diesmal beinahe ironisch, fast slapstickhaft überzeichnet. Am Ende tritt die Trompete noch einmal hervor. Sie kommentiert das Geschehen mit ruhigen, nachdenklichen Tönen, während sich der Staub legt. Es ist kein Vergessen, eher ein akustisches Innehalten, als würde sich eine Schicht sedimentierter Erinnerung über das Ganze legen.

So endet “From Chaos to Balance” nicht mit einer triumphalen Auflösung, sondern mit (einer Art “geologischer”) Gelassenheit. Die Geräusche, die zuvor wie unkontrollierbare Naturgewalten wirkten, erscheinen rückblickend als Teil eines langen Prozesses. Chaos und Ordnung sind hier keine Gegensätze, sondern zwei Phasen derselben Bewegung, in etwa wie in der Geschichte der Erde selbst. (U.S.)

Label: Grubenwehr Freiburg