2000 debütierte der Waliser Tim Lewis, der als Thighpaulsandra aufnimmt, auf Coils Label Eskaton mit der „Some Head“-EP als Solokünstler – davor hatte er u.a. schon mit Julian Cope und u.a. Spiritualized gespielt, er gab auch den maßgeblichen den Anstoß dafür, dass Coil sich als Liveband neu (er)fanden. Sein kurz danach erschienenes Vollzeitalbum „I, Thighpaulsandra“ war eine Doppel-CD, die Gattungs- und Genresprengend war. Das war Musik, die nicht auf Minimalismus, sondern auf Maximalismus setzte, die expansiv wie exzessiv war. Passenderweise wurde unsere Rezension von Thighpaulsandras 2015 erschienenem Doppelalbum „The Golden Communion“ mit folgenden Worten eingeleitet: „Etwas Monumentales haftet dem Werk Thighpaulsandras an, und das in Zusammenhängen, die gleich die wichtigsten Säulen seines Werks als Musiker, Sänger und Performer umfassen: Die epische Struktur seiner oft ausladenden Kompositionen, ferner die dem Eindruck nach allesumspannende Weite seiner thematischen und atmosphärischen Konzepte, für die Genrebegriffe wie Soundart, Rock, Jazz, Psychedelia oder Ambient kaum eine Rolle spielen.“
War das 2019 auf Editions Mego erschienene Album “Practical Electronics With Thighpaulsandra” mit vier Stücken sowohl von der Instrumentierung als auch was Besetzung anbelangte, wesentlich reduzierter angelegt, so ist „Acid & Ecstasy“ wieder eine Anknüpfung an, eine Weiterführung der auf „The Golden Communion“ in einem Bandkontext gemachten Aufnahmen. Das Album, das auf Thighpaulsandras eigenem Label Retractor erschienen ist, wird von einem von Sion Orgon gestalteten Cover geziert, das das Exzentrische und Idiosynkratische der Musik angemessen widerspiegelt – das Collagenhafte des Covers wird im Innern phallisch(er) weitergeführt und man muss daran denken, dass das Artwork seiner „Double Vulgar“-Alben damals einige zu Zartbesaitete irritierte.
Auf „Then Not Seaking“ hört man anfangs Sounds, die wie dröhnende Bläser klingen, es gibt elektronische, hektische Beats, Streichersamples, Gesang, der verkündet, man sei „disgusted by the digital narcisssism“, Dissonanzen, eine verfremdete verlangsamte Stimme, Klavier, Schlagzeug. Gerade wenn man meint, das Stück ge- und erfasst zu haben, ändert es seine (Aus-)Richtung erneut. Andere würden aus so einem Stück vielleicht gleich mehrere Alben machen. „The Rococo Fondler“ hat leicht jazzige Klavierpassagen, Thighpaulsandra spricht: “I turn at once to my tower of silence and feel no shame“ – wobei auf “Acid and Ecstasy” (kurze) Momente der Stille nur die Ruhe vor dem Sturm, vor der titelgebenden “Ekstase” sind. Bei “Vultures And Crows“ meint man zwischendurch einen semikonventionellen Rocksong zu hören. “The Curtain“ beginnt mit Brummen, mit Drones, die ganz kurz an Time Machines denken lassen, ethnische Perkussion setzt ein, seltsame Chorpassagen, Glockenspiel (?) (und wir sind erst bei Minute 4 von 13), dann wunderschönes Fingerpicking und Gesang voller Pathos, als trete hier ein Scott Walker-Wiedergänger auf. „Princess Margaret’s Mellotron“ (auf „Double Vulgar“ gab es “His Royal Highness The Prince Of Wales Breaches Reality” und vielleicht sollte auf dem nächsten Album ein Stück den nicht schwitzenden Andrew zum Thema haben ): Knarzen, asiatisch klingende Flöte, dann Gesang von Sion Orgon, der fast schon Popqualitäten hat und man fragt sich, was passieren würde, wenn der Waliser ein ganzes Album voller Popsongs aufnehmen würde. Den Refrain „Winston Churchill shot his load on Princess Margaret’s Mellotron“ dürften dann allerdings nicht alle goutieren. „Cattle Truck“ beginnt mit getragenem, fast schon sakralem Gesang, irgendwann dann setzt eine verfremdete Stimme ein, die erzählt: „please respect my feelings, my needs.” Schließlich beendet das knapp 20-minütige „The Brown Hare Remains“ das Album: Passagen, die an den Soundtrack eines Krimis aus den 60ern den denken lassen, dann Sprechgesang in Englisch und Französisch und ein Ausklingen in ruhigen, flächigen Sounds.
Dieses Kaleidoskop aus Stilen und Sounds ist im positivsten Wortsinne erschöpfende Musik, die unglaublich aufregend ist. (MG)
Label: Retractor