Timothy Renner war immer unglaublich produktiv und nach der Wiederbelegung Stone Breaths mit dem Album „The Shepherdess And The Bone-White Bird“ im Jahr 2011 folgten zahlreiche Veröffentlichungen: Alben, EPs und Seitenprojekte waren Legion. In den letzten Jahren wurde es musikalisch um Stone Breath etwas stiller und man konnte vielleicht meinen, er stecke seine ganze Energie in seinen Podcast Strange Familiars, der sich mit Paranormalem, mit Kryptozoologie etc. beschäftigte („a podcast that tells stories through a combination of historical research, witness interviews, discussion, and on-site recordings when possible“). Diese Interessen hatten sich auch auf den Stone Breath-Alben „Cryptids“ und „Witch Tree Prophets“ widergespiegelt.
Eine Antwort auf den etwas geringer gewordenen Output fand sich auf der 2023 erschienenen Zusammenstellung „Greys & Orphans“: Timothy hatte schon vor vielen Jahren in einem Interview mit Jeanette Leech seine MS-Erkrankung öffentlich gemacht, nun schrieb er in de Linernotes des oben genannten Albums: „A serious MS attack in 2021 has left me with numb fingers, severely limiting my technique and which instruments I am able to play.“ Gleichzeitig kündigte er aber auch an: „Stone Breath will return.“ 2023 erschien noch ein Minialbum des „katholischen“ Seitenprojekts The Forest Beggars.
Nun sind (endlich) zwei (sehr) ähnlich betitelte und gestaltete Alben veröffentlicht worden, auf denen eine leichte musikalische Umorientierung virulent wird: Dem Banjo kommt nur noch eine sehr kleine Rolle zu, stattdessen steht das Harmonium klar im Zentrum. Die Titel der Alben greifen einen Begriff auf, der auf dem mit dem alten Weggefährten Prydwynn eingespielten Album „Children Of Hum“ aus dem Jahr 2014 erstmals auftauchte: In den Linernotes konnte man lesen, dass Prydwynn auf die Frage, wie man all die vielen unterschiedlichsten musikalischen Ideen und Stile vereinen könne, antwortete: „Some things hum. Some things don’t hum. I follow those things that hum.“
Auf „The Secret Heart Of Hum“ finden sich sowohl Songs als auch instrumentale Tracks (die vielleicht etwas an das Album „Entity Drift“ erinnern), wobei letzere eine Aura des Mysteriösen haben: Das Album wird eröffnet von „Night After Night“, das Sprachsamples von jemandem enthält, der davon erzählt, wie er nachts von etwas Unheimlichen geweckt wird, dazu dröhnt ein leicht unheilschwangeres Harmonium, hinzu kommen Feldaufnahmen von Wasser und Vögeln. Stücke wie „Under Clouds And Over Me“ mit merkwürdigen, entfernten Geräuschen und dunklem Dröhnen, „Witch Pit“ mit Feldaufnahmen von zirpenden Grillen, Eulen und entfernten Stimmen sowie „Alive“ (Feldaufnahmen von Vögeln und Insekten) erzeugen eine ähnliche außerweltliche, teils nokturne Stimmung. „Gallows Pole“ ist die Interpretation eines bekannten Traditionals. Renners getragener Gesang tönt: „Hangman, hangman, slack your rope – slack it for awile – / I think I see my mother coming, traveling many a mile.“ Das Harmonium klingt hier wie eine Drehleier. Der Song „One Year and One Day“ enthält die Aufforderung: „If you’ll give another night, the dawn shall take all your cares.“ Dem Sujet entsprechend ertönen auf „Spider Eyes“ leicht bedrohliche Drones, es gibt Harmoniumpassagen und dann ein Flüstern: „The spiders in the trees are watching me“. „Heart’s Home“ ist geprägt vom Zusammenspiel eines mittelalterlich klingenden Harmoniums und Banjo und der Feststellung: „I followed the hum to my heart’s home: a lonesome hole, dug so long ago“. Als Überraschung folgt darauf die Interpretation von Cohens Meisterwerk „Who By Fire“, verglichen mit Coils Interpretation hat Renners Version einen fast schon sakralen Charaker. Beendet wird das Album von dem sechsminütigen „The Secret Heart Of The Seventh Gate“, mit der auch schon auf anderen Songs im Werk Reenners gestellten Frage „Who is listening to me?“. Stück wie Album enden dann etwas ambivalent mit „Have all my songs now been sung?“.
„The Sacred Heart Of Hum“ ist musikalisch ähnlich ausgerichtet. Das Album beginnt mit „Rapture“: Man hört dunkel-mysteriöse Drones, ein Mädchen spricht. Das 20-minütige „The Shepheredess Of The Fiery Wheels“ ist eine tolle Mischung aus repetetiven Harmoniumpassagen und dem Spiel des Gimbri-Banjos, auf der Renner (s)eine religiöse Vision beschreibt: „See four faces on every head: oxen, eagle, lion, and man./Cloaked they are by folded wings, and lifted up by folded hands/The thunder rolls an endless prayer – lightning cracks the nighttime air.“ „Sorrow’s Epiphany“ ist die Vertonung eines Gedichts über die drei heiligen Könige, auf der zum Harmonium und den Feldaufnahmen eine gezupfte Akustikgitarre hinzukommt. „The Voice In The Water“ ist ein melodisch-ambienter Track mit unheimlichen Geräuschen und dem Rauschen von Wasser. „Apparition“ mischt Stimme und kristalline Sounds, die klingen, als habe Asmus Tietchens etwas beigesteuert. Irgendwann erzählt ein Junge von einer Frau, die ihm erschienen ist. „Burning Water“ lässt einen alten Mann sprechen, während auf „The Voice In The Earth“ Loops von Stimmen (einem Chor (?)) zu hören sind. Auf dem Abschlussstück „Saint Ottilia“ singt Sarada begleitet von einer Akustikgitarre.
Um auf oben gestellte Frage zurückzukommen: Es wäre mehr als tragisch, wenn mit dieser Zwillingsveröffentlichung alles gesagt/gesungen wäre, denn nicht grundlos sprach oben erwähnte Jeanette Leech in “Seasons They Change”, ihrer “story of acid and psychedelic folk”, u.a. bzgl. Stone Breath von “unique combinations of personalities, interests, and circumstances”. Tatsächlich hat Renner ein so idiosynkratisches und eigenes wie eigenwilliges Werk geschaffen, das gerne noch erweitert werden darf. (MG)
Label: Self-Released