Mit “Singularia – Vol. 1″ liegt erstmals eine umfassende Sammlung von Singles, Compilation-Beiträgen und raren Aufnahmen der römischen Formation Ain Soph vor, die den Zeitraum von den frühen 80ern bis kurz nach der Jahrtausendwende abdeckt. Bereits der Titel impliziert, dass es irgendwann wohl einen zweiten Teil geben wird – ein Gedanke, der den weltweit verstreuten Fans kaum unrecht sein dürfte.
Ain Soph, die Combo um den Gründer (und bis in die mittleren 90er Spiritus Rector) Crucifige und Weggefährten wie Toni THX, Claudio Giammarini (alias Claudedi) und später Marcello Fraioli (Spectre), gehört seit Jahrzehnten zu den wandelbarsten Projekten des italienischen Undergrounds, einige Gastmusiker und Sängerinnen schauten im Laufe der Zeit im Studio vorbei udn hinterließen weitere Spuren. Von ihren ersten rituell-minimalistischen Tape-Arbeiten über die z.T. barock eingefärbte Ernsthaftigkeit der späten 80er und den eigenwilligen Folk der 90er bis zu den rockigeren Ausläufern der jüngeren Zeit spannt sich ein weiter Bogen, der in “Singularia – The Singles Collection Vol. 1″ in Splittern und Facetten erfahrbar wird. Der Querschnitt zeigt, wie sich aus okkult angehauchter Abstraktion allmählich eine eigentümliche, von liturgischem Pathos ebenso wie von urbaner Melancholie geprägte Songkunst entwickelte.
Der frühe Beitrag “Theme III” (von der Compilation “The Archangels of Sex Rule the Destruction of the Regime” auf Nekrophile Records) lässt sehr deutlich das elektronische Grundrauschen der Ritualphase erkennen – dunkle, verspielte Synthies, an Orgelsounds erinnernd und von lärmigen Details durchzogen, die ebenso aus einem düsteren italienischen Genrefilm stammen könnten. Das noch obskurere “Lady of Pain” aus der gleichen Phase wirkt rauer, atonaler, mit kaum identifizierbaren Klangquellen und Crucifiges Stimme, die sich hier fast chorartig über die Dissonanzen legt. Wären Ain Soph immer diesem frühen Stil treu geblieben, wäre man wahrscheinlich noch verwunderter als ohnehin, wenn man erfährt, dass in ihrem unmittelbaren Umfeld Combos wie die psychedelischen Noiserocker Circus Joy, die Rock’n'Roller Sentinels oder auch die legendäre Gruppo Folk Urbano Sperimentale Divisionista das Licht der Welt erblickten.
Die folgenden Stücke “The Flesh is Willing” und “Liberté (ou Mort)” dokumentieren dann aber bereits den Übergang: Ersteres erschien auf der 1989 bei Misty Circles veröffentlichten Compilation “La Mort Heureuse”, die ausschließlich Coverversionen enthielt – Ain Soph steuern die ungewöhnlich postpunkige Interpretation des Marc-Almond-Klassikers bei, dass Claudedi und Spectre auf der gleichen Platte Donna Summer und Velvet Underground coverten sollte mehr als nur eine Fußnote wert sein. “Liberté (ou Mort)”, ursprünglich auf dem Sampler “Carne del Disastro” bei Minus Habens veröffentlicht, sollte später auch auf dem “Aurora”-Album seinen Platz finden: ein melancholisches, chansonhaftes Stück, auf Französisch gesungen, das in einer verrauchten Spelunke sein bestes Zuhause finden würde.
Der 1991 entstandene und leicht an die Ästhetik des selbstbetitelten Albums mit dem Puttocover anknüpfende “Song of Grief”, einer der eindrucksvollsten Titel dieser Zusammenstellung und m.E. eines der eindringlichsten Ain Sop-Stücke überhaupt, basiert auf einem Gedicht von John Donne – brüchiger Gesang, Orgelloop, fragiler Sound: ein eindringliches Memento, das tief unter die Haut geht. Das Stück erschien seinerzeit auf dem Sampler “Lamp of the Invisible Light” bei Cthulhu Records, ebenso wie “Fate (Is Against Our Will)”. Dieses und mehr noch das folgende, leicht bluesig eingefärbte “Time” rücken Ain Soph näher an den folkigen Stil, der in der ersten Hälfte der 90er prägend werden sollte. “Colpo di Grazia” zeigt diese Phase in vollster Blüte: folkig, dramatisch, mit männlich-weiblichem Duettgesang und einer berührenden Mundharmonika, während “Chorale II”, ein getragenes, deutschsprachiges Gebet, wieder stärker an das besagte selbstbetitelte Album und vielleicht sogar ein bisschen an die rituellen Anfänge erinnert.
Das instrumental gehaltene “In Excelsis”, maßgeblich von Marcello Fraioli geprägt, klingt dagegen cinematisch und wehmütig, als säße man nachts in einem verregneten Park. Der spätere Song “Blut und Geist”, dem Hermetiker und Traditionalisten Evola gewidmet, bleibt dem folkigen Ton treu und wirkt mit dem französischen Gesang und dem schmissigen Gitarrenspiel wie ein Nachhall der “Aurora”-Zeit und ist vielleicht das späteste musikalische Lebenszeichen von Crucifige, dessen Weggang – manche sagen, er sei als Mönch ordiniert und in diesem Zusammenhang auch als Pfleger tätig, aber vielleicht ist das auch ein Gerücht – einen ähnliche signifikanten Bruch einleitete als der in den späten 80ern vollzogene Wandel vom Ritualkonzept zum Songformat. Fortan sollte der beireits als Gitarrist verdiente Fraioli das Ruder und das Mikro übernehmen.
Gegen Ende der Compilation deuten Stücke wie “Nevi Eterne”, “Baltikum” und “Legione di San Michele” mit dessen Gesang im Zentrum dann auch den Übergang zur rockigeren Phase an. “Nevi Eterne”, ursprünglich auf dem vom russischen Magazin Achtung! Baby herausgegebenen Sampler “Behind the Iron Curtain” sowie auf “Ottobre” erschienen, verbindet derben Rock mit akustischem Gitarrenpicking und feierlichem Gesang. “Baltikum” zeigt sich dagegen rau, rumpelig und lo-fi, während “Legione di San Michele” die progressivere Seite der Band hervorhebt – Orgel, sanfte Gitarren, die sich in kraftvolle Riffs verwandeln, und ein Gesang, der von Pathos und Stärke gleichermaßen getragen wird.
“Singularia – Vol. 1″ ist mehr als eine Sammlung von Raritäten. In seiner Gesamtheit verdichtet es die wechselhafte Geschichte einer Band, die nie stehenblieb, ohne ihr geheimnisvolles – und nur schwer zu charakterisierendes – Zentrum preiszugeben. Die liebevoll remasterte Edition bietet Gelegenheit, diese Entwicklung nicht als Abfolge von Brüchen, sondern als organische Bewegung zu hören. Hinzu kommt die Vorfreude auf den hoffentlich irgendwann erscheinenden zweiten Teil, auf dem dann wahrscheinlich auch die großartig feierliche Interpretation von I Corvis Beat-Klassiker “Ragazzo di Strada” enthalten sein wird.
Label: SPQR