EHSAN SABOOHI: Requiem

Ein Requiem ist in erster Linie ein musikalisches Format und entspricht einer liturgischen Totenmesse, gedacht für das Erinnern, für das Innehalten angesichts von Verlust, für das Aussprechen dessen, wofür es keine unmittelbare Auflösung gibt. Ein Requiem richtet sich an das Vergangene und steht gleichsam im Schatten der Gegenwart. Besonders dann, wenn Leid nicht abgeschlossen ist, sondern anhält, bekommt der Begriff eine zusätzliche Schwere. Dass sich diese Form heute auf eine Situation bezieht, die auf Irans Straßen weiterhin von Gewalt und Verzweiflung geprägt ist, verleiht dem Wort eine bedrückende Aktualität.

“Requiem” ist eine aus aktuellem Anlass veröffentlichte EP des Komponisten Ehsan Saboohi, den Menschen im Iran gewidmet. Die Veröffentlichung versteht sich zugleich als dokumentarischer Akt, als Festhalten einer Zeit, die von Verlust und Betroffenheit geprägt ist. Die EP erscheint als Download und besteht aus einem einzigen, über zwanzig Minuten langen Stück. Das Stück beginnt mit verfremdeten, miteinander verschränkten Vokalspuren, die auf Textzitaten des Dichters Bijan Jalali basieren und sich zu einem chorartigen Ensemble verbinden. Der Gesang auf Farsi wirkt gleichsam melancholisch und kraftvoll. Immer wieder schieben sich dröhnende Passagen in den Vordergrund, ziehen sich zurück und lassen den Gesang erneut dominieren. Dieser Wechsel bleibt über die gesamte Dauer in Bewegung. Phasen, in denen das Dröhnen länger übernimmt, verdichten sich, steigen in der Höhe an und schwellen weiter an. Die Musik changiert dabei zwischen Momenten des Schönen und des deutlich Verfremdeten, in den chorischen Abschnitten auch mit einem erhabenen Charakter. Das stark vibrierende, auch von kleinen schrillen Momenten geprägte Gesamtbild wird immer wieder durch die Rückkehr der Stimme geerdet, die wie ein bewusster Verweis auf das Menschliche anmuten.

Als Requiem im wörtlichen wie im erweiterten Sinn hält diese Veröffentlichung Trauer fest, ohne sie zu beruhigen oder aufzulösen. Gerade darin liegt ihre dokumentarische Kraft angesichts einer Situation, die weiterhin andauert und die man m.E. nicht nach einer Devise a la “der Feind meines Feindes ist mein Freund” beurteilen sollte.

Label: Post Orientalism Music