ASMUS TIETCHENS: Conclusio

Die Stadt hatte zwischen 2003 und 2022 eine umfangreiche, aus insgesamt 18 Alben bestehende, Wiederveröffentlichungsreihe des Frühwerks Asmus Tietchens’ gemacht. Nun erscheint mit „Conclusio“ neues Studiomaterial auf dem Bremer Label.

Während auf dem kürzlich hier besprochenen Album „Lichthöfe“ Tietchens mit Thorsten Soltau zusammenarbeitete und dessen Ausgangsmaterial seinen Bearbeitungen unterzog, ist “Conclusio” wieder eine reine Soloveröffentlichung, was heißt, dass sich – der Tradition gehorchend – wieder ein Zitat des großen rumänischen, schlaflosen Pessismisten E. M. Cioran findet. Diesmal kann man lesen: „Alles steuert der Hässlichkeit und dem Gangrän entgegen: Dieser Erdball – er eitert, und die Lebenden stellen dabei ihre Wunden zur Schau, auf die die Strahlen des Leuchtgeschwürs herabfallen.“ Wer wolle angesichts des (nicht nur) gegenwärtigen Irrsinns da widersprechen?

Oft finden sich bei Besprechungen des Werks des Hamburgers Wörter wie „Abstraktion“ (etwa hier), er selbst verwendet einen Begriff, den ich in einem leicht anderen Kontext einmal bzgl. des Werks von David Jackman verwendet habe: Absolute Musik. In einem Interview meinte Tietchens einmal: „’Absolute Music’ means that it contains no message except an esthetic one. ‘Absolute Music’ is not connected with any political, spiritual, ideological or educational intention. The listener is totally free for his own impressions, feelings, possible pictures and thoughts when listening to ‘Absolute Music’. To me that is total freedom of perception. I am no teacher, no philosopher, no scientist – why should I intrude my thoughts on any other human being? I always try to let the music speak for itself. That should be enough“.

„German Angst“ eröffnet das Album mit unruhigen, leicht hektischen Klängen, denen durchaus (insbesondere im Verlauf des Stücks) ein Moment des Bedrohlichen innewohnt. Der binnengereimte Track „Die Schwere der Leere“ beginnt ruhiger, erzeugt dann aber eine ähnliche Unruhe. Anfangs meint man, auf „Lammkopf im Ofen“ würden Bleche über den Boden gezogen, dann klingt es zwischendurch, als solle hier kurzzeitig eine E-Gitarre s(t)imuliert werden. Dagegen wirkt „Imperial Logistics“ mit einzelnen stampfenden Passagen reduzierter. „Organischer Restbestand“ ist melodischer, gegen Ende wird man an Streicher erinnert. Die ersten Minuten des minimalistisch-rauschenden „Kotbeutel über Korea – hurra!“ lassen fast an Ambient denken, bevor ein Loop einsetzt, der an demente Zirkusmusik denken lässt. Das Titelstück erweckt des Eindruck, in einem Schneegestöber aufgenommen worden zu sein.

Von den zuletzt erschienenen Alben Tietchens’ klingt „Conclusio“ in besonderem Maße unheimlich, ist durchzogen von einer Atmosphäre des Irritierenden. Das im Innern der CD abgebildete Gesicht einer Person, deren Mund zum Schrei geweitet ist, das karge Interieur des Covers und das die Rückseite zierende Bild mit dem Wort “Auflösung” tragen ihr Übriges dazu bei, ein Schaudern auszulösen. (MG)

Label: Die Stadt