V.A.: Memorial for the Victims of Iran’s Black January Vol. 1

Im Januar erschütterten die als Black January bezeichneten Ereignisse den Iran und führten zu zahlreichen Opfern. Während unsere Medien sich auf die nächsten Headlines stürzten, initiierte die Community um das Post Orientalism-Label eine Anthologie internationaler musikalischer Beiträge, die den Opfern gewidmet ist und sich ausdrücklich dem Erinnern und der Wahrung menschlicher Würde verpflichtet. Volume One der Compilation “Memorial for the Victims of Iran’s Black January” erscheint offiziell im Frühling, ist aber digital schon zu hören.

Die selbstorganisierte Community betont ihre klare Haltung: Im Zentrum stehen die Würde und das Recht auf Leben jedes Menschen. Kurator Ehsan Saboohi, der selbst als Musiker zur Compilation beigetragen hat, beschreibt die Bedeutung der Sammlung als Akt gegen das Vergessen und als Beharren auf gemeinsamer Menschlichkeit jenseits politischer Fraktionen. Zugleich verweist er auf irritierende Reaktionen im Umfeld des Open Calls, die von der Community ausdrücklich zurückgewiesen werden, es lohnt ein Blick in die ausführlichen Liner Notes.

Die erste Ausgabe versammelt Werke von Krister Hansén, Mean Flow, RDKPL, Itaru Ouwan, Ehsan Saboohi, ZÖJ, Mohammad Amin Akbarpour, Sina Majd und Mahtab Miandehi. Die Beiträge sind stilistisch heterogen und reichen von Soloarbeiten bis zu dichten elektroakustischen Kompositionen. Mohammad Amin Akbarpour eröffnet mit “Marsiya (مَرْثِیَه)”, einem rund fünfzehnminütigen Setar-Solo mit subtilen Tempowechseln und ausgeprägtem narrativen Verlauf, dessen zunächst zurückhaltende Melodik zunehmend aufgewühlt wirkt. Trotz des vordergründig melancholischen Tonfalls acht sich gerade darin etwas bemerkbar, das an auch als hoffnungsvolle Aufbruchstimmung lesen ann. Mean Flow setzt mit “Thousands Of Unfair Deaths” ein langsames, requiemartiges Stück mit Chor und dröhnenden Flächen dagegen, die so kraftvoll wie berührend sind. ZÖJ, das australisch-iranische Projekt um Gelareh Pour und Brian O’Dwyer, präsentiert mit “Termites” eine knapp zehnminütige Komposition aus Gesang, schwebender Dröhnung und metallischer Perkussion. Der zugrunde liegende persische Text des Dichters Mahmoud Moshref Tehrani alias M. Azad (1934-2006) kreist um Bilder eines papiernen Vogels und einer künstlichen Blüte, um Angst, Verlust und die Furcht vor Zerstörung im Verborgenen. Das Stück bildet auch den Auftakt ihres im Frühling erscheinenden neuen Albums, auf das man schon jetzt gespannt sein kann.

Sina Majd und Mahtab Miandehi arbeiten in “Der Tunnel (for Recorded Violin Sounds)” mit rauschenden, kaum eindeutig zuordenbaren Klängen, aus denen sich allmählich z.T. verfremdete Violinsounds herauslösen, die streckenweise fast fanfarenartig klingen. Krister Hansén verbindet in “Moments, Waves II” ein orchestrales, stellenweise an alte Soundtrack erinnerndes Szenario mit grobkörnigen, knisternden Störungen. manchmal meint man, flüsternde Stimmen u hören, aber vielleicht ist das auch nur eine Halluziation. Itaru Ouwan unterläuft in “a blues” jede Erwartung an den Titel mit vereinzelten Klavieranschlägen und lauten, durchdringend Synthesizerklängen. Das titelgebende Werk von Ehsan Saboohi, mit fast dreißig Minuten das umfangreichste der Sammlung, kombiniert digitale Sounds mit aufgewühltem, teils verfremdetem Klavier, das im Verlauf zunehmend perkussiv hervortritt, bis der Kreis sich wieder schließt.

RDKPL setzt mit “251004_06″ eine stark verzerrte Harsh-Noise-Wand als radikalen Schlusspunkt und (vorerst) finales Ausrufezeichen – vorerst soll hier bedeuten, dass die beteiligten Musikerinnen und Musiker dem Vergessen entgegentreten und, ganz in der Tradition von Post Orientalism, bereits in Begriff sind, einen zweiten Teil auf die Beine zu bringen. (U.S.)