TEMPLE MUSIC: The Greater Whole

Alan Trench hält seine zahlreichen Musikprojekte meist voneinander getrennt. Die aktuellen Arbeiten der mit Steve Robinson betriebenen Band Temple Music – neben dem hier vorgestellten Album erscheint in einigen Tagen noch ein weiteres, dem wir uns in Kürze widmen werden – jedoch greifen auf einen Themenkomplex zurück, den er bereits in seinem anderen, zusammen mit Martyn Bates betriebenen Duo Twelve Thousand Days beackert hatte, nämlich sein Interesse an dem aus Wales stammenden Metaphysical Poet Henry Vaughan (1621–1695), dessen Gedicht „They Have All Gone Into The World Of Light“ zum Herzstück des vor knapp zwei Jahren erschienenen gleichnamigen Albums wurde.

Vaughan, so viel zum Hintergrund, schrieb vor allem religiös geprägte Lyrik, die das mystische Verhältnis zwischen Mensch und Gott zum Thema hatte, und die neben dem starken Fokus auf Transzendenzerfahrung vor allem auch durch ihre von Naturbildern geprägte Bildlichkeit auffällt. Neben anderen Schreibern wie John Donne zählt er zu den stärksten Stimmen barocker Dichtung auf den britischen Inseln.

Das digitale Album The Greater Whole besteht aus einem einzigen, rund vierzigminütigen Stück, realisiert mit einer beachtlichen Palette an Instrumenten – diverse Gitarren, Lauten und Bässe, Vibraphone, Flöten, Synthiess, Mellotron, Piano, Hackbrett, Perkussion, Glöckchen, Gongs und Tingshas. Es beginnt mit einem verwehten Dröhnen, aus dem sich neben knarrenden Sounds bald eine vermutlich gesamplete Frauenstimme herausschält, die über Erinnerung singt: wenige Worte, vorgetragen in einem Stil, der an Girlie-Pop der frühen Sechziger denken lässt. Eine entspannte E-Gitarre tritt hinzu, begleitet von Rasseln, und schafft eine ernste, nachdenkliche, zugleich aber auffallend gelassene Atmosphäre. Im weiteren Verlauf bimmelt und flirrt es immer wieder; etwas, das wie eine Violine klingt – vermutlich aber keine ist –, zieht wehmütige Linien durch den Raum, Flöten erklingen, und ein regelrechter Goldregen aus glitzernden Klängen scheint sich über das Stück zu ergießen. Die Stimme kehrt zurück, doch schnell wird klar: Dieses Album will nicht um jeden Preis gefallen. Trotz seiner unbestreitbar filigranen Schönheit entsteht kein pittoreskes Idyll, sondern ein bewegliches, sich ständig verschiebendes Szenario. Die klangliche Lieblichkeit hat etwas Schräges, bisweilen sogar leicht Konfrontatives – ein Eindruck, der sich auch aus der permanenten Wandelbarkeit speist. Nichts lässt sich festhalten, alles vergeht und mündet in Neues.

So kann eine plötzlich auftauchende Klaviermelodie zwar romantische Assoziationen wecken, doch ihr Kontext – ein Hintergrundrauschen, das gelegentlich an die Grenze zum Lärm reicht, und der insgesamt dröhnende Grundcharakter – lässt sie eher abgeklärt, fast ironisch erscheinen. Wenn hier Transzendenz aufgerufen wird, dann nicht als kitschige Verklärung, sondern als etwas, das mit einem gewissen Nachdruck, beinahe mit Widerstand, erschlossen werden muss. Und doch bleibt das Ganze wehmütig, schöngeistig: etwa in den Strumming-Passagen auf der Akustikgitarre oder in einer wie von einem wilden Pan gespielten bukolischen Flöte, die zusammen an die verwunschenen Szenarien alter Orchis-Aufnahmen erinnert, jener Band, mit der Trench erstmals einem größeren Publikum bekannt wurde. Besonders hervorzuheben ist auch das kurz darauf folgende spanisch anmutende Gitarrenpicking, das so etwas wie einen barocken Nachhall von Vaughans Geist einfängt und zu den schönsten und eindrücklichsten Momenten des Albums zählt.

Man könnte noch lange über die zahlreichen motivischen Ideen des weitgehend instrumental gehaltenen Albums sprechen, doch letztlich erschließt es sich am besten im Hören selbst. Dass Temple Music erst vor wenigen Wochen ein Studioalbum und eine Compilation über Sombre Sonics veröffentlicht haben und “The Greater Whole” zudem nur eines von zwei Vaughan-inspirierten Projekten ist, unterstreicht die derzeitige kreative Schaffenswut des Duos. Sie scheint ihnen gut zu tun – und dem Hörer ebenso. Begleitend zum album kann man über Bandcamp übrigens noch Originale des Artworks bestellen, die Trench zusammen mit R.Loftiss (The Grey Field Recordings) angefertigt hat. Mehr zu Temple Music in kürzester Bälde. (U.S.)

Label: Cryptanthus