HERMIT: Returning Fire

Die (menschliche) Stimme wurde jüngst noch zum Instrument des Jahres 2025 gekürt und natürlich ist sie das ursprüngliche, primordiale Instrument, das Emotionen in all ihren Facetten zum Ausdruck bringen kann. Dass diese Gefühle häufig die des Schmerze(n)s sind, spiegelt sich vielleicht auch in dem endlos abgebildeten, plagiierten und modifizierten Darstellungen von Munchs berühmtestem Gemälde wider.

Der Kanadier Eric Boros ist als Hermit seit etwa drei Jahrzehnten aktiv – auf seiner Website kann man lesen: „NOISE PERFORMANCE AND AWKWARD SILENCE SINCE 1994 “  – und hat in all den Jahren zahlreiche Tapes, CD-Rs, Eps, und 7”s herausgebracht, allerdings erscheint erst jetzt seine erste, auf 200 Exemplare limitierte, LP. In den Linernotes heißt es, Boros zeige sich verantwortlich für „Voice and noise“ und es ist sicher passend, dass die Stimme hier als erstes genannt wird: Während im Power Electronics oft aggressiv deklamiert wird, fokussieren sich (Harsh) Noise-Künstler meistens auf andere Klangquellen, schieben Regler, drehen Knöpfe, packen Kontaktmikrophone auf Scrap und Junk Metal. Boros rückt seine Stimme dagegen ganz klar ins Zentrum des Klangs.

Als Motto des Albums findet sich ein Zitat aus Lord Tennysons Langgedicht „Maud“: „What am I raging alone as my father raged in his mood? /Must I too creep to the hollow and dash myself down and die/On a horror of shatter’d limbs and a wretched swindler’s lie?“

Das Album besteht aus zwei etwa gleichlangen (und gleich betitelten) Stücken. Das Album beginnt mit Knirschen, jemand scheint einen Raum zu betreten und mit gequälter Stimme Leid(en) herauszupressen. Vereinzelt gibt es Geräusche, etwas Zischen, Metall wird geschlagen, Röhren rollen, die Stimme würgt, bricht, erbricht sich. Die B-Seite beginnt mit Klopfen, das an ein Metronom erinnert, zwischendurch scheint Regen zu fallen, man hört schreien, würgen, speien und kotzen.

Man hört auf beiden Stücken keine Worte, keine Wörter, nicht einmal Silben, vielmehr gutturale Laute aus einer scheinbar präzivilisatorischen Zeit – aber vielleicht kann man auch sagen, dass hier die tiefste Essenz der menschlichen Existenz deutlich wird. Auch wenn Boros ganz sicher eine andere konzeptionelle Ausrichtung hat, so ist er musikalisch näher an jemandem wie Rudolf Eb.er als an anderen Noisern. Das ist Musik, die in ihrer schieren physischen Präsenz ein wahrlich uneasy listening, „horror of shatter’d limbs“, ist. (MG)

Label: No Rent Records