Mit “Instrumentalis” legt Eugenio Petrarca, vielen bereits als eine Hälfte der Duos Ab Uno und La Herida bekannt, unter seinem Soloprojekt Acrartep ein Album vor, das sich jeder vorschnellen Einordnung entzieht. Die sechs Stücke bewegen sich im Grenzbereich von Noise, Elektroakustik, Drone, Musique concrète und experimenteller Elektronik, ohne sich jemals auf eines dieser Felder festzulegen. Stattdessen entsteht eine Musik, die in steter Bewegung bleibt, sich verwandelt, neue Perspektiven eröffnet und dabei eine bemerkenswerte innere Kohärenz wahrt.
Schon der Titel des eröffnenden und zugleich längsten Stücks, “Multum in Parvo” – auf deutsch etwas umständlich “Das Viele im Wenigen” –, beschreibt treffend dessen Charakter. Innerhalb von knapp acht Minuten entfaltet Petrarca eine erstaunliche Dichte an Ideen: Rauschen, Hallräume, Kratzen und Schaben verschmelzen zu einem fließenden Kontinuum, das von Anfang an eine gewisse Dunkelheit ausstrahlt, in der man sich einrichten möchte. Immer wieder verändern sich Perspektiven, neue Details treten hervor, dezente Drones schieben sich unter die Oberfläche, ohne je dominant zu werden. Besonders beeindruckend ist dabei die Verweigerung einfacher dramaturgischer Muster. Das Stück steigert sich nicht linear, sondern folgt einem organischen Auf und Ab, das permanent Spannung erzeugt.
“Library of Ruina” wirkt zunächst rauer und elektronischer. Die Texturen sind griffiger, die Oberflächen weniger diffus. Über längere Strecken scheint das Stück beinahe wie ein Interludium zu funktionieren, als würde es auf einen entscheidenden Richtungswechsel warten, der jedoch ausbliebt. Nach und nach treten allerdings neue Klänge hinzu, darunter Signale, die an langsam anschwellende Glockenschläge erinnern. Besonders faszinierend sind die kaum greifbaren vokalen Andeutungen im Hintergrund. Ob hier tatsächlich menschliche Stimmen verarbeitet wurden oder lediglich die Wahrnehmung des Hörers entsprechende Muster erzeugt, bleibt offen.
Der sperrig betitelte “Rapporti intervallari complessi e discontinue” (“Komplexe und diskontinuierliche Intervallbeziehungen”) bildet den wohl herausforderndsten Abschnitt des Albums. Brummen, Rattern, aquatisches Blubbern und hämmernde Takte treffen aufeinander und erzeugen im Zusammenspiel einen Sound, der an die Aufnahme eines Presslufthammers, dann wiederum an die Vorstufe eines Industrial-Techno-Stücks erinnert, der sich jedoch konsequent weigert, jemals einer erwartbaren Form zu folgen. Trotz seiner Härte bleibt auch dieses Stück bemerkenswert beweglich. Nichts verharrt, nichts wird zur bloßen Geste, und gerade in seiner ständigen Veränderung zeigt sich nicht nur hier Petrarcas Stärke als Komponist.
Nach dieser Verdichtung eröffnet “Finnegans Wake” die zweite Albumhälfte deutlich zurückhaltender. Der Titel verweist auf James Joyces Roman, dessen traumartige Logik und permanente sprachliche Transformationen eventuell als mögliche Parallele verstanden werden können – eventuell, da der Verfasser dieser Zeilen das Werk nie komplett gelesen hat. Das Stück beginnt mit beinahe flüsternden Geräuschen, als würde jemand vorsichtig mit fragilen Objekten hantieren. Erst allmählich verdichtet sich das Material. Der bohrende Lärm, der später hinzukommt, wirkt dabei erstaunlich organisch. Noch stärker gilt das für jene quietschenden und klagenden Klangereignisse, die sich später ins Geschehen einfügen.
Mit “O alter Duft” folgt eines der atmosphärisch dichtesten Stücke des Albums. Der Titel scheint hier tatsächlich programmatisch zu sein. Das Rauschen und Brummen ruft Assoziationen an alte Lautsprecher, vergessene Tonträger oder entfernte Erinnerungen hervor. Immer wieder scheinen instrumentale Fragmente durch den Nebel zu dringen – vielleicht eine Klarinette, vielleicht ein Klavier. Tatsächlich sind auf dem Album Kontrabass und Klavier von Flavio Gonnellini zu hören, doch Petrarca integriert diese Elemente so subtil, dass sie eher als Erinnerungsreste denn als klar identifizierbare Instrumente erscheinen. Gerade dieses Spiel mit Präsenz und Abwesenheit macht den Reiz des Stücks aus.
Der Abschluss “Hoquetus” überrascht schließlich mit einer vergleichsweise ausgeprägten Rhythmik. Der Titel verweist laut Liner Notes auf eine mittelalterliche Kompositionstechnik, bei der Stimmen oder Instrumente einander in kurzen, versetzten Fragmenten ergänzen. Zwar setzt Petrarca dieses Prinzip nicht unmittelbar um, doch das Stück besitzt tatsächlich etwas von einem ständigen Ineinandergreifen unterschiedlicher rhythmischer Ebenen. Elektronisch anmutende Tribal-Strukturen treffen auf helle Synthies und eine ungewohnt offene Atmosphäre. Ambient ist das nicht, dafür ist die Musik zu wach, zu präsent. Eher entsteht der Eindruck eines Cliffhangers, eines offenen Endes, das die zuvor entwickelten Ideen nicht abschließt, sondern weiterträgt.
“Instrumentalis” ist keineswegs anstrengend und doch kein Album für beiläufiges Hören, sondern eines, das Aufmerksamkeit fordert. Wer jedoch bereit ist, sich auf Petrarcas Klangarchitekturen einzulassen, entdeckt ein Werk von bemerkenswerter Detailfülle und Eindringlichkeit. Besonders beeindruckend ist dabei, wie konsequent Acrartep Klischees vermeidet. Kein Stück bleibt statisch, keine Idee wird unnötig ausgereizt, kein Moment wirkt wie eine bloße Genregeste. Stattdessen entsteht eine Form experimenteller Elektronik, die gleichermaßen intellektuell anregend und sinnlich erfahrbar bleibt. (U.S.)
Label: Industrial Coast